Deutschlands Städte schwitzen unter dem Druck der Digitalisierung. Es gibt jedoch viele gute Beispiele, wo die Zukunft längst begonnen hat und der örtliche Handel von den neuen technischen Möglichkeiten profitiert.

Der Film zeigt drei Minuten Zukunft und erzählt in Kurzform einen fiktiven Tag einer modernen Familien in einer modernen Stadt. Und modern will Darmstadt sein. Vor allem will Darmstadt digital sein. Wo die Menschen per Smartwatch beim Frühstück ihre Blutdruckwerte ablesen können, mit Elektroautos zur Arbeit fahren, kontaktlos per Smartphone ihre Busfahrkarte bezahlen, und selbstverständlich auch per Smartphone Angebote des lokalen Handels angezeigt bekommen und sich ihre neuen Blusen auch per Scan des QR-Codes bestellen. Gebracht wird das Textil dann zackig von einem Fahrradkurier.

Digitalstadt Darmstadt

Verkehrssteuerung, Müllentsorgung – alles soll hier künftig digitalisiert und damit für den Bürger vereinfacht werden. Eine schöne Vision. Kein Wunder, dass Darmstadt mit diesen Plänen im Juni den Wettbewerb „Digitale Stadt“ des IT-Branchenverbandes Bitkom in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund gewonnen hat. Und schon machte der verwegene Begriff „Silicon Valley Deutschlands“ die Runde. 

Was? Wir haben schon Wlan in der Stadt?

Die Gegenwart: Es gibt bisher in der Innenstadt öffentliches, kostenloses Wlan – doch nicht wenige Darmstädter sind überrascht, wenn man ihnen davon erzählt. Digitalisierung und Menschen müssen halt erst noch zusammenfinden.
Go, Coburg, go: Nur, wer sichtbar ist, bei dem wird auch gekauft
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Go, Coburg, go: Nur, wer sichtbar ist, bei dem wird auch gekauft
Es ist lohnend, sich auf eine Reise durch Deutschlands Städte zu begeben und herauszufinden, was alles unternommen wird, um der Herausforderung Digitalisierung gerecht zu werden. Online City Wuppertal und Mönchengladbach bei Ebay sind ja die großen, populären Beispiele.

Coburg ist die Mutter aller Digitalisierungen

Doch man sollte seine Reise in Coburg beginnen. Denn das ist, wenn man so will, die Mutter aller städtischen Digitalisierungen. Die Zukunft hat dort schon vor 16 Jahren begonnen, als ein gewisser Norbert Kastner, damals jüngster Oberbürgermeister Bayerns und seiner Zeit weit voraus, einen Onlinemanager für die Stadt suchte.

Die Wahl fiel aber nicht auf einen IT-Nerd oder Datentechnokraten – sondern auf eine Kostümbildnerin vom Coburger Theater. Denn Kastner wusste, dass die neuen Zeiten kreative Leute verlangen, also holte er sich Karin Engelhardt ins Haus, eine Österreicherin, die erst in Wien Textil- später in Berlin Multimediadesign studiert hat. Ihre erste Aufgabe im neuen Job: Modernisierung des städtischen Onlineauftritts.

Sichtbar sein, der Verkauf kommt später

2016 wurde Coburg neben Günzburg und Pfaffenhofen zur Modellstadt der bayerischen Initiative „Digitale Einkaufsstadt“. Dazu gehört das Portal GoCoburg, auf dem sich mittlerweile 51 Händler und Dienstleister darstellen. Für Engelhardt geht es bei diesem Portal weniger ums Verkaufen, „sondern um Sichtbarkeit“.

Coburgs Onlinemanagerin Engelhardt: Lieber eine Kreative als eine Technokratin
© Stadt Coburg
Coburgs Onlinemanagerin Engelhardt: Lieber eine Kreative als eine Technokratin
Das Portal ist hübsch gestaltet, die meisten Unternehmen präsentieren 360-Grad-Ansichten ihrer Läden. Wer hier teilnehmen will, kann drei Leistungspakete buchen, bei denen das teuerste 45 Euro im Monat kostet und eine intensive Betreuung seitens des technischen Dienstleisters Klickfeuer beinhaltet.

Digitalisierung als städtisches Regierungsprogramm

Es tut sich noch mehr: Ganz frisch ist die Initiative "Zukunft Coburg digital", mit der die Digitalisierung der Unternehmen der Stadt vorangetrieben werden soll. Damit das nicht nur Schauveranstaltung wird, geht die Stadtverwaltung mit gutem Beispiel voran und will den Bürgern die Möglichkeit geben, Behördengänge nicht mehr im Rathaus, sondern via Internet zu erledigen.

Und schließlich gibt es ab dem 13. September "Co:Handel(n)", ein Wettbewerb nicht nur für fortschrittliche Händler, an dessen Ende zehn Stipendien für Unternehmen stehen. Sie werden dann von Fachleuten ein Jahr lang trainiert in Themen wie Marketing - oder wie man einen guten Internetauftritt hinbekommt und sich clever in den Sozialen Medien bewegt.

Bad Hersfeld will smart werden

Weil das alles viele Städte auch interessiert, muss Karin Engelhardt ständig darüber reden. Die Frau mit der charakteristisch bunten Frisur ist Vortragsreisende durch ganz Deutschland, spricht vor Verbänden, auf Stadtmarketingkongressen und vieles mehr. Sie erlebt dabei vor allem, "dass die Städte beim Thema Digitalisierung interessiert und suchend sind".

Doch letztlich hänge es immer von einer Person ab, die sagt: wir packen es jetzt an. Wie der Bad Hersfelder Bürgermeister Thomas Fehling, der die osthessische Stadt zu einer "Smart City" machen will. Will hier ein Kunde zum Einkaufen in die Stadt fahren, kann er beispielsweise vorher im Netz prüfen, wie die Parkplatzsituation hier ist. 

Ohne das Valley gehts auch im Rheinland nicht

Auch in Nordrhein-Westfalen wollen sie digital sein. Und selbstverständlich geht es nicht ohne das Maß der Dinge: Der neue NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart sprach kraftvoll vom „Rheinland Valley“. Hier sollen Plattformen entstehen, in dem sich eine neue Gründerszene trifft.

Doch eben nur im Rheinland, in Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf.  Und schon ist ein lokaler Streit entstanden, denn die Westfalen fühlten sich brüskiert. Dabei ist das Rheinland tatsächlich etwas digitaler unterwegs. Beispielsweise in Langenfeld, gelegen zwischen Köln und Leverkusen. Dort gibt es das Programm „Future City Retail“, mit dem Citymanagement, Handel, Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung vernetzt werden sollen. 

Zum "Window Shopping" nach Langenfeld

Dazu gehören unter anderem Projekte wie „Window Shopping“ und Google Local Inventory. Bei „Window Shopping“ wird im Schaufenster eines Modegeschäfts ein Monitor aktiviert, auf dem die aktuelle Kollektion gezeigt wird. Die Kunden werden animiert, den angezeigten Barcode mit dem Smartphone zu scannen, um sich mit dem Bildschirm zu verbinden.
Hotspot für den Handel: Langenfeld arbeitet sich in die Zunkuft
© Screenshot
Hotspot für den Handel: Langenfeld arbeitet sich in die Zunkuft
Alle Teile der ausgewählten Kollektion werden dem Kunden auf seinem Smartphone angezeigt. Der Kunde wird aktiviert, während der Öffnungszeiten des Ladens erneut zu besuchen und bekommt einen Gutschein, mit dem er einen personalisierten Rabatt für den nächsten Einkauf erhält.

60.000 Euro für Solingens Strategie

 „Bad Honnef hats“  ist wiederum nicht nur ein Versprechen, sondern der Name des Internetportals, das, ähnlich wie in Coburg, als Schaufensters des lokalen Handels fungieren soll. 360-Grad-Ansichten der Läden gibt’s zwar hier nicht, aber alle relevanten Informationen. Und: Die Unternehmen sind im Netz sichtbar. In einer ansprechenden Gestaltung.

Aber was gibt es denn jetzt auch im Rest von NRW? Da ist etwa Solingen im Bergischen Land, das gerade 60.000 Euro von der Landesregierung bekommen hat, um eine Digitalisierungsstrategie zu entwickeln. Bis 31. Juli 2019 haben sie dort dafür Zeit – angesichts des aktuellen Tempos der Veränderungen klingt das recht gemütlich. 

"Nicht gegen das Internet ankämpfen"

Und endlich kommen wir nach Westfalen und machen Halt in Ibbenbüren, im Tecklenburger Land. Dort gibt es kluge Leute wie den Feinkosthändler Hans-Günter Schwarze, der sagt, dass in Zukunft der Großteil des Konsums über das Internet abdeckt wird und nur Exoten wie er überleben werden.

Seine Konsequenz unterscheidet sich von der Jammerei vieler stationärer Händler: „Nicht dagegen ankämpfen, sondern flexibel darauf reagieren.“
Und das tun sie in Ibbenbüren – mit einem Onlinemarktplatz für alle örtlichen Unternehmer. Die Innenstadt wird zudem mit kostenlosem Wlan versorgt, „das ist ein Kundenservice, der gerne in Anspruch genommen wird“, wie Händler Schwarze festgestellt hat. 

Wenn in Limburg die Angebote aufpoppen

Im Prinzip sind der lokale Marktplatz oder das Onlineschaufenster die Antwort der Städte auf die Herausforderung Digitalisierung. Klingt bescheiden, doch angesichts der Angebotsarmut anderswo möchte man sagen: immerhin. Sie tun was.

Doch es gibt auch pfiffige Ideen, das öffentliche Wlan mehr als nur als Surfangebot für die Kunden zu nutzen. Limburg in Hessen macht es vor.  Wer sich über die Startseite ins Stadtnetz einwählt, bei dem poppen aktuelle Angebote des Einzelhandels auf. So geht cleveres Onlinemarketing. 

Die Angst der Händler vor dem Internet

Viele Städte und damit auch viele Händler haben verstanden, dass sie sich anstrengen müssen, um in der digitalen Welt stattzufinden. Dass viele aber noch hinterherhinken, beklagt etwa Rolf Volmerig, Chef der Wirtschaftsförderung Wuppertal und damit Kopf der Online City Wuppertal (OCW). „Grundsätzlich stößt der angebliche Verwaltungsaufwand des Onlinehandels auf Skepsis. Man kennt sich damit nicht aus, steht zwölf Stunden im Laden und hat dafür keine Zeit. Vor diesem Prozess haben die Händler schlichtweg Angst.“

Doch die fortschrittlichen Händler, die bei OCW dabei sind, verdienen über die Plattform mehr Geld. Denn die Kundenfrequenz in den Läden wurde gesteigert, die Umsätze verbesserten sich zwischen 3 und 15 Prozent, sagt Volmerig. 

Bitte, bitte, nicht auf die Mitleidstour kommen

Was er auch sagt: Solche Marktplatz-Plattformen dürfen nicht moralisch daherkommen. Motto: Bitte, bitte, kauft lokal. „Das wäre in der Tat nicht der richtige Ansatz. Wenn wir es nicht schaffen, ein kommerzielles Produkt anzubieten, dann werden wir so eine Plattform nicht etablieren können. Wir dürfen die Verbraucher nicht mit einer Mitleidstour ködern.“

Das ist ein Merksatz für alle, egal, ob sie smart sein wollen oder sich Valley nennen. Lokale Bürgerbespaßung im Internet wird sich dauerhaft nicht durchsetzen. Ohne Geschäftsmodell dahinter ist man schnell wieder offline.

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