E-Commerce auf der Cebit: Zu wenig Fläche und vertane Chancen.

Die CeBIT 2013 hat ihre Pforten geschlossen. Ich war am 06.03. einen Tag vor Ort, um mich für etailment umzuschauen.
Mein Ziel:
Gezielt dem E-Commerce auf der weltgrößten Computermesse auf den Zahn zu fühlen: Was gibt es hier an Themen und Trends, die man nicht schon andernorts gelesen oder gehört hätte? Lohnt es sich für Fachpublikum- und Austeller, dieses Event, zusätzlich zu den Fachmessen, noch mit einzuplanen? Wie gut ermöglicht es der Veranstalter E-Commerce-Fachpublikum und auch Laien, sich in der Flut an Informationsangeboten zu orientieren? Und das Agenda Setting? Gibt es echte Leitthemen oder nur wiedergekäute Buzz Words?
Oder kurz: Werden die "3 Messe-Cs" (Content, Context, Contacts) hinreichend bedient?
Mein Fazit:
Leider nicht. Hier wurden Potenziale liegen gelassen. An Inhalten und Möglichkeiten mangelte es nicht. Die CeBIT jedoch "machte auf E-Commerce", behandelte den Bereich aber dann doch nur wie ein Stiefkind. Mehr dazu im Nachbericht.

Platzierung: "E-Commerce? Scheint ja ein Trend zu sein. Bringen wir noch irgendwo unter."

So erschien es mir als interessiertem Fachbesucher. Von der angekündigten "Neukonzeptionierung" des E-Commerce-Parks war wenig zu spüren. Dieser stellte sich als kleiner, hübsch gestalteter Käfig heraus, der einfach mitten in die Halle gesetzt wurde. Die E-Commerce-Lounge? Verbarg sich durch Werbebanner gut versteckt in der Mitte des Parks. Für Besucher ohne detaillierten Lageplan von Außen fast nicht zu erkennen und deshalb als Ruhezone und Begegnungsstätte auch wenig attraktiv. Spontanes Networking im Vorbeigehen? Fehlanzeige. Fixpunkte für weniger kundiges Publikum? Fehlanzeige. Echtes Leitthema? Auch nicht. Deutsche Post, der E-Commerce-Park, E-Commerce-Dienstleister, Vodafone, Webciety und ein paar Länder-Pavillons. Die Halle 6 erschien wie ein Patchwork-Konstrukt ohne klares Konzept.

E-Commerce auf der CeBIT. Halle 6. Wenig Fläche und Positionierung "am Katzentisch"

Der "neukonzeptionierte" E-Commerce Park war nur unwesentlich größer als der einzelne, zweistöckige Stand der Deutschen Post. Das soll den wuchtigen Auftritt des gelben Riesen nicht schmälern ("Wer hat, der kann."), aber die Relation deutlich machen: Ein einzelner Big Player präsentierte sich hier in fast dem gleichen Umfang, den die Messe-Organisation ihrem "Park" als Aushängeschild für eine gesamte Branche zugedacht hatte.

Das E-Commerce-Forum der CeBIT.

Das E-Commerce-Forum (Die Bühne. Offiziell wohl Teil des E-Commerce-Parks,räumlich aber abgegrenzt) hatte den undankbaren Platz an einer Weg-Kreuzung und lag zudem noch genau gegenüber eines Eingangsbereichs: Viel Durchgangsverkerkehr, in dem nur wenige Besucher stehen bleiben wollten. Entsprechende Leere herrschte bei den Diskussionspanels, obwohl diese auch wirklich etwas zu bieten hatten. An Themen und Inhalten mangelte es nicht, jedoch an der Platzierung durch den Veranstalter. Am schlimmsten traf es den Magento-Stand: Zwischen einem Eingang und Hauptdurchgangszone kämpfte eine junge Dame mit wirklich guten Vorträgen um die Gunst der vorbeischlendernden Besucher. Meist vergeblich, denn zum Innehalten in diesem Nadelöhr musste man sich wirklich schon zwingen.

 

Gewichtung: Die kunterbunte Start-Up-Welt hatte den Vorrang

Die CeBIT hat seit Jahren mit Besucherrückgang zu kämpfen und versucht sich deshalb aufzuhübschen, sich "sexy" zu machen. Neben einem trendigen Leitthema (In 2013: Shareconomy), setzte man auch in diesem Jah wieder auf die Start-Up-Karte: Im Gegensatz zum "drögen" E-Commerce-Gewerk, das mal mit einem Forum am Rande des Geschehens "abgestellt" wurde, hatte die Start-Up-Welt mit der darüberliegenden Webciety-Bühne ein prima Forum bekommen: Großflächig, gut ausgeleuchtet, nicht im Durchgangsbereich gelegen, gemütlich. Viele Stuhlreihen, die überwiegend gut gefüllt waren und vor denen junge Gründer ihre Konzepte vorstellten. Da war einiges Beachtenswertes dabei, und dort - nur wenige Meter vom E-Commerce-Forum entfernt, sammelte sich auch das Publikum.

Orientierung I: Webciety - Kreative Wortschöpfung als schwammiger Ordnungsbegriff

"Sind wir nicht alle ein bisschen Webciety?" "Webzweinulligkeit" ging vor Orientierung: Webciety als Schwerpunkt, Stand und Leitthema. Für alles rund um den E-Commerce. Irgendwie. Und dann doch nicht. Irgendwie.

Apropos Webciety. Das Netz und die Gesellschaft. Und umgekehrt. Richtiges und wichtiges Thema. Aber eigentlich in einem anderen Kontext. Denn was bitte hat das jetzt genau mit E-Commerce zu tun und ganz konkret mit den Schwerpunktthemen, die man eben für diesen Bereich ausgerufen hatte: Mobile, Location, Data. Vorträge und Diskussionen, die alle nicht "die Gesellschaft" im Fokus hatten, sondern Erlösmodelle und praktische Umsetzung.

Weder im Veranstaltungsplan noch vor Ort in der Halle wurde hier klar abgegrenzt. Im Gegenteil. Laut Plan firmiert auch das E-Commerce-Forum (das seinerseits zum E-Commerce-Park gehört?) unter dem "Schwerpunkt" Webciety.

Blöd also für den unkundigen Messe-Besucher, der sich nicht gezielt und intensiv auf seinen Besuch vorbereitet hatte, sondern erst auf der Messe damit begann, weil er sich vielleicht spontan zu einem Besuch entschieden hatte: Vorträge auf der Webciety-Bühne firmierten unter Webciety, die Vorträge und Diskussionen des E-Commerce-Forums ebenfalls. "Was gehört wozu und findet eigentlich gerade auf welchem Podium statt?" Da pendelte man mal schnell hin und her, setzte sich kurz und blieb in der Webciety. Denn da war es ja eh gemütlicher...

Orientierung II: Versuch und Irrtum bei der persönlichen Veranstaltungsplanung

"Die Zukunft": Ein gern gesehener Gast auf Messen. Bei hunderten von Veranstaltungen wären jedoch jeweils ein paar informative Keywords zu den Themen der Referenten hilfreich gewesen.

Was auch fehlte: Anhaltspunkte, um sich einen persönlichen Veranstaltungsplan zu erstellen: Keywords zu den Vorträgen. An diesem Beispiel: Welche Zukunfttrends spricht der Referent hier an? Allgemeine Trends für interessierte Laien, die man als Fachbesucher "schon kennt", oder gewährt der Speaker vielleicht tiefergehende Einblicke aus seinem Blickwinkel als E-Commerce-Dienstleister? Oder aus dem eines Logistik-Dienstleisters, der sich gerade zu einem E-Commerce-Dienstleister wandelt? Oder, oder, oder.
Man weiß es nicht, denn der Veranstaltungskalender geizte mit Keywords zu Hintergründen der Referenten und deren Inhalten. Das ist bei kleineren Fachmessen kein Problem: Man schaut halt einfach vorbei. Bei Großveranstaltungen mit hunderten von Vorträgen, aus denen man für seine Tagesplanung eine Auswahl treffen möchte, sollten entsprechende Teaser in Form von Keywords jedoch Pflicht und Selbstverständlichkeit sein.

Agenda Setting? Besser Nachplappern statt Vorangehen

Einige CeBIT-Schwerpunkte für den E-Commerce: Social, Mobile, Data. Na, da hat man als Fachbesucher noch nie von gehört oder gelesen. Doch. Eine neue und spannende "große Linie" rund um das Thema E-Commerce? Fehlanzeige. Dabei drängt sich diese geradezu auf: "IT treibt Logistik, treibt E-Commerce, treibt IT,...".

Ein Big Picture zu skizzieren, das dem Markenkern der CeBIT und gleichermaßen den Entwicklungen im E-Commerce gerecht wird, ist kein Hexenwerk: Vor fünf Jahren standen SaaS-Lösungen in der Logistik noch zur Debatte. Nicht das "Wie", sondern das "Ob"! Und vor 7 Jahren war an webbasierte Fuhrparkmanagement-Systeme, wie sie zum Beispiel bei myTaxi und Tiramizoo zum Einsatz kommen, noch gar nicht zu denken. Entwicklungen, die Transport, Intralogistik und Handel bewegen und man denen man dem leidigen Thema der Kosteneffizienz im Online-Handel zu Leibe rücken will. Anhand dieser und anderer Innovationen der jüngeren Vergangenheit, hätte man ein Motto kreieren können. Eine "große Linie" für den E-Commerce und gleichermaßen eine Chance für die CeBIT sich als Veranstalter ernsthaft für diesen Wirtschaftszweig zu profilieren. Anstatt ihn nur halbherzig "mitzunehmen". Statt Leitfunktion und somit auch der Chance für neue Horizonte im E-Business, herrschte jedoch Webciety. Wie trägt eigentlich Webciety-Coolness zur Kosteneffizienz im Online-Versandhandel bei?

Networking und Recruiting: Es gab es in der Enge zu wenige Chancen

Die Fachmesse Internetworld macht vor, wie es geht. Speed-Networking

Nachdem Content und Context also stiefmütterlich behandelt wurden, die Frage nach dem dritten "C". Contacts. Aussteller und E-Commerce-Forum in der Halle 6 wurden irgendwo hingequetscht und für Networking blieb wenig Raum. Oder besser: Fläche. Echte Ruhezonen, oder eine Möglichkeit zum Speed-Networking, wie sie die Fachmesse Internetworld bietet?

Gab es in Halle 6 nicht. Kann man auf einer solchen Großveranstaltung auch nicht erwarten? Doch. Hannover ist überall: Egal wo man sich in Deutschland aufhält, man setzt sich in einen ICE, der Richtung Landesmitte fährt, landet irgendwann in Hannover, steigt aus, schaut auf das erstbeste Infoschild, setzt sich in die S-Bahn und ist auf der Messe. Fertig.

Eine vergleichbare Infrastruktur bietet bundesweit kein anderer Standort und vergleichbar günstigen Zugang bietet keine andere Fachveranstaltung. Mit ausreichend Möglichkeiten zum Networking könnte die Messe locken. Für das Recruiting gilt das Gleiche: Der E-Commerce leidet unter Fachkräftemangel. In jedem Bereich. Paradox: Für die IT war der Fachkräftel ein Großthema, sogar mit dem Bezug zum E-Commerce: "Fachkräftemangel in der IT - Auswirkungen auf den E-Commerce". Der nächste gedankliche Schritt? "Fachkräftemangel im E-Commerce - Auswirkungen auf den E-Commerce." Gab es aber nicht. Händeringend werden Generalisten gesucht, die Informatik, Marketing, Logistik und allgemeine BWL gleichermaßen gut abbilden können. Als Schwerpunktthema mit passender Job-Zone gab es das jedoch nicht.

Fazit: CeBIT und E-Commerce - Nichts Halbes und nichts Ganzes

Veranstaltungen im E-Commerce-Forum

Schade. Während man in anderen Hallen noch hätte Fußball spielen können, war die Halle 6 vollgestopft mit allem und jedem: E-Commerce-Park rein, ein paar  Dienstleister und "Lückenfüller" aus anderen Bereichen drumherum. Fertig. So wirkte es.

Keine klare Linie, kein Ziel, kein Schwerpunkt mit Wow-Effekt, keine erhellenden Bezüge zu Thematiken, die der Branche momentan wirklich unter den Nägeln brennen. Kein großzügiger Raum für Networking oder Recruiting, obwohl die Nachfrage in der Branche definitiv gegeben ist und die Standortfaktoren und Eintrittspreise der CeBIT gegenüber anderen Branchenevents unschlagbar sind. Eigentlich eine ideale Möglichkeit für Begegnungen. Gerade in diesem Punkt hätte man auch im Rahmen einer solchen Großveranstaltung, die allem und jedem gerecht werden will, und das wohl auch muss, echte Akzente setzen können.

So bot das E-Commerce-Angebot der CeBIT jedoch für Laien zu wenig Reizpunkte und Eye Catcher und für Fachpublikum zu wenig Neues und zu wenig Rückzugsräume. Und das was wirklich relevant war, wurde oftmals nur stiefmütterlich in zügigen Durchgangsbereichen präsentiert. Eine Überarbeitung des "Neukonzepts" in Sachen E-Commerce wäre aus meiner Sicht für 2014 wünschenswert, denn letztlich konnte man weder in "Content" und "Context" noch bei "Contacts" wirkliche Akzente setzen, die einen Besuch gerechtfertigt hätten. Wenn eine Messe lediglich nur noch aus dem Internet "abkupfert", ohne dabei aber seine Stärken auszuspielen und seine Möglichkeiten gezielt zu nutzen, wofür braucht man diese dann überhaupt noch?