Ein Leben ohne Facebook ist heutzutage kaum noch denkbar, privat und kommerziell. Dafür ist das Netzwerk zu groß, die Reichweite gigantisch. Darauf wollen und können Handelsunternehmen in der Kundenkommunikation nicht verzichten. Trotz des Datenskandals rund um Cambridge Analytica. Profile löschen? Werbung stoppen? Von wegen!

Raus, raus, raus - Sebastian Beck ist raus. Konto gelöscht, adios, Facebook. Der Kollege der "Süddeutschen Zeitung" gehört nicht mehr zu den zwei Milliarden Menschen auf der Welt und zu bisher den rund 31 Millionen Nutzern in Deutschland, die ihr Leben auf dem größten Internetnetzwerk des Globus ausbreiten.

Direkt daneben hat die Kollegin Karin Weber aufgeschrieben, warum es trotz des Datenskandals von Facebook keinen Sinn ergibt, wenn ein paar Nutzer in die Rolle des Märtyrers schlüpfen. "Wer konsequent sein will, müsste auch WhatsApp und Instagram boykottieren, die beide zum Facebook-Konzern gehören."

Commerzbank ist kein Freund mehr

In Woche zwei nach Bekanntwerden der Ungeheuerlichkeit, dass das britische Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica die Profile von 50 Millionen Facebook-Nutzern ausgewertet hat und im US-Wahlkampf für personalisierte Werbung missbraucht haben soll, wechseln Politikererklärungen und Boykottaufrufe einander ab.

"Das Netzwerk gehört zum Inventar. Es gibt kein Entkommen."

Marcel Loko, Hirschen Group
Ein paar Unternehmen haben auch gleich und mit ordentlicher Aufmerksamkeit ihre Facebook-Präsenzen gelöscht (Commerzbank, Mozilla) oder ihre Werbung nicht nur auf allen Kanälen des Facbook-Imperiums, sondern auch gleich bei Google, Youtube, Twitter und Instagram storniert.

"Das ist wie früher mit dem Stromanbieter"

Werbung und Kundenkommunikation bei der Datenkrake Facebook abschalten - ist das die Antwort auf den Skandal? Das wollte Etailment von Unternehmen aus der Handelsbranche wissen, egal, ob Onliner oder Offliner.
"Das ist so wie früher mit dem örtlichen Stromanbieter. Selbst wenn man ihn nicht mochte, musste man dort Kunde sein", sagt Marcel Loko, Gründer und Co-Chef des Werberiesen Hirschen Group, der unter anderem die Handelsunternehmen Media-Markt, Lidl und Bauhaus betreut.
Hirschen-Chef Loko: "Facebook ist der unsympathische Monopolist"
© Hirschen Group Günther Schwerin
Hirschen-Chef Loko: "Facebook ist der unsympathische Monopolist"
"Heute ist Facebook der unsympathische Monopolist, bei dem man Zwangskunde ist, sonst ist man sprichwörtlich abgehängt. Facebook hat ein fulminantes Imageproblem bei Nutzern, Medien und Politik – trotzdem gehört das Netzwerk zum Inventar. Es gibt kein Entkommen", sagt der Kommunikationsprofi. 

Kein Leben ohne Rückgrat

Wie gesagt, mindestens 31 Millionen Deutsche sind zumindest angemeldet, zieht man ein paar Karteileichen ab, bleibt immer noch eine gigantische Zielgruppe, die tagtäglich mitteilt, was sie gerade wo und wie macht, einkauft, den Urlaub verbringt, welche TV-Sendung sie guckt.

"Facebook ist das Rückgrat der Sozialen Medien", hat Philip Mountford, Chef des niederländischen Wäschehändlers Hunkemöllers, einmal zu Etailment gesagt. Und ohne Rückgrat kann niemand leben. Bei deutschen Händlern zumindest ist kein Trend zu erkennen, es trotzdem zu versuchen.

Facebook-Gigant Ikea

Etwa bei Otto, dem hinter Amazon zweitgrößten deutschen Onlinehändler. "Es gibt es derzeit keine Überlegungen, laufende Werbekampagnen auf Facebook zu reduzieren. Gleichwohl beobachten wir sehr genau, wie und in welchem Zeitraum Facebook die angekündigten Maßnahmen zum besseren Schutz seiner  Nutzerdaten umsetzt", teilt das Unternehmen mit.

Rund 999.500 Facebook-Fans hat Otto.de, das ist eine mächtige Reichweite - doch im Vergleich zu Ikea ein intimer Kreis. Die deutsche Facebook-Seite des schwedischen Möbelhauses gefällt 26.106.206 Menschen, 26.093.122 haben die Nachrichten abonniert. Es gibt kein vorwiegend stationäres Handelsunternehmen, das hier eine größere Reichweite hat.

Was für ein Schatz. Daten sind ja das neue Gold, heißt der Allgemeinplatz der Zeit.

Im Gespräch mit Facebook

Wen wundert es, dass Ikea mitteilt, dass "Facebook für uns ein wichtiger Kanal ist, um mit unseren Kunden zu kommunizieren. Wir haben einen klaren Fokus auf redaktionelle Bespielung des Kanals. Unser Hauptaugenmerk gilt unseren Facebook-Fans und dem Dialog mit ihnen. Wir haben eine sehr loyale Community, die den direkten Kontakt zu uns sehr schätzt. Ergänzend dazu schalten wir zu verschiedenen Anlässen lokale und nationale Anzeigen".
Facebook-Seite von Ikea Deutschland: Niemand hat mehr Freunde
© Screenshot / etailment
Facebook-Seite von Ikea Deutschland: Niemand hat mehr Freunde
Und der Datenskandal hat erst einmal daran nichts geändert. Immerhin betont Ikea, dass man keinen Missbrauch von Daten akzeptiere, der in Verbindung mit dem Unternehmen steht. "Wir haben die aktuelle Situation zum Anlass genommen, uns umfassend mit Facebook auszutauschen, um alle Schnittstellen nochmals zu überprüfen."
Das Ergebnis: "Wir sehen derzeit keinen Grund, unsere Aktivitäten auf Facebook ad hoc zu stoppen. Über weitere Maßnahmen werden wir gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden."

Action beobachtet...

Und so halten es auch andere Unternehmen. Der mit Volldampf in Deutschland expandierende niederländische Non-Food-Discounter Action betreibt zwar keinen Online-Handel, ist aber im Netz auf allen Kanälen präsent - es gibt sogar eine eigene Facebook-Fanseite deutscher Kunden mit immerhin 67.000 Mitgliedern.

Niemand wird so eine Basis so schnell aufgeben. Daher heißt es von Action: "Da uns die Privatsphäre unserer Kunden sehr wichtig ist, beobachten wir die Entwicklungen und Sorgen rund um Facebook aufmerksam." Doch von Rückzug oder Werbestopp ist nicht die Rede. 

...Outfittery ist sehr wachsam

Beobachten ist immer gut, erst recht aufmerksam. Der Online-Modehändler Outfittery zieht die Handlungsoption "sehr wachsam sein" in Bezug auf das, was Facebook nun alles unternimmt, um den Datenschutz der Nutzer sicherzustellen.

Doch das geringste Problem mit dem Datenschutz hat der Großteil der Nutzer. Denn Outfittery stellt fest, "dass unsere Kunden trotz der aktuellen Debatte Facebook weiterhin intensiv nutzen". Also für das Berliner Unternehmen keinen Grund, sich zurüchzuziehen. Von einem Werbestopp "haben wir zumindest derzeit abgesehen", das Thema werde weiter ernst genommen, die Entwicklungen würden im Auge behalten.Wachsam sein, aufmerksam beobachten - und weiter die Zielgruppe versorgen. Von einem geordneten Rückzug von Facebook kann nicht die Rede sein.

Keine Tipps vom Dachverband

Auch vom Dachverband der Onlinehändler ist kein entsprechender Aufruf zu hören. Im Gegenteil, von Tipps, wie ein Unternehmen sich jetzt verhalten solle, sieht der BEVH ab: "Wir müssen unseren Mitgliedsunternehmen nichts raten, da diese Profis genug sind. Aber generell erteilt der BEVH - schon aus kartellrechtlichen Gesichtspunkten - seinen Mitgliedsunternehmen keinen Rat zur Gestaltung der von seinen Mitgliedern gepflegten individuellen Geschäftsbeziehungen mit deren Vertragspartnern", heißt es. 

Und diese Profis kennen eben diese eine Zahl: 31 Millionen Mitglieder in Deutschland. Nirgendwo sind mehr Menschen versammelt als auf Facebook. Daran wird sich nichts ändern, und die paar Aussteiger sind zu verkraften. 

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