Karstadt und Kaufhof sind große Verlierer im Kampf gegen die Onliner. Doch anstatt die Internetkonkurrenz im Internet zu attackieren, wärmen die Warenhäuser eine alte Forderung auf. Die Erfolgsaussichten sind eher mau, die Gründe vielfältig.

Gerne wüsste man, wie Ralf Kleber auf diese Aktion reagiert hat. Vielleicht hat der deutsche Amazon-Chef darüber genauso milde gelächelt wie über die ewigen Verdi-Streiks gegen sein Unternehmen. Ein neues Bündnis mit dem etwas bürokratischen Namen "Initiative selbstbestimmter Sonntag" zieht die vermeintlich letzte Karte des stationären Handels im Wettbewerb gegen die Onlinekonkurrenz: die Freigabe der Sonntagsöffnung.

Zwar will man nicht zusätzliche 52 verkaufsoffene Tage, sondern nur dann, "wenn es sich für uns lohnt und für den Kunden Sinn ergibt", sagte Stephan Fanderl am Montag, als sich die Initiative in Köln der Öffentlichkeit vorstellte. 

Ein Zweckbündnis

Der Karstadtchef wirkt wie der Sprecher dieses neuen Zweckbündnisses, dem auch der Konkurrent Kaufhof angehört sowie die drei Luxuskaufhäuser der KaDeWe-Group, die wie Karstadt zur österreichischen Signa-Retail-Gruppe gehören. Weiter zählt zu dem Verbund der Shoppingcenterbetreiber Unibail Rodamco, wohl auch die Kollegen der ECE sowie die spanische Inditex-Gruppe. Die letzten beiden haben sich bisher aber nicht geoutet.

Dafür gibt es eine Stellungnahme des Handelsverbands HDE - und die ist vielsagend: Ja, man sei über über die Pressekonferenz informiert gewesen, heißt es auf Anfrage von etailment.

Ob man die Initiative auch unterstütze? "Der HDE setzt sich für Planungssicherheit und Rechtssicherheit für die bestehende Sonntagsöffnung ein. Deshalb schlägt der HDE runde Tische mit allen Beteiligten aus Unternehmen, Kommunen, Kirchen und Gewerkschaften vor." 

Übersetzt: Eher nicht. 

Ralf Kleber wird nicht nur deswegen schmunzeln. Er weiß auch, dass es in Deutschland bisher unmöglich ist, eine Freigabe der Sonntagsöffnung zu erwirken. Die Gerkschaft Verdi sowie die Kirchen blocken jeden Anlauf mit großer Wucht ab - immer mit dem Grundgesetz argumentierend. Dort steht in Artikel 139: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt."

Ein Gesetz aus dem vorigen Jahrhundert

Doch was im Kern noch aus dem Jahr 1919 stammt, könnte im Jahr 2017 neu interpretiert werden. Denn seelische Erhebung am Sonntag bedeutet für die Deutschen heutzutage auch Einkaufen. Wenn KaDeWe-Group-Chef André Maeder sagt, dass der Umsatzanteil des Onlinehandels sonntags bei 20 bis 30 Prozent liegt, dann ist das keine verwegene Schätzung. Eine ältere Studie aus dem Modehandel zeigt aber: sonntags wird vor allem recherchiert.

Wer aber auch am Sonntag auf der Couch bei Amazon gekauft hat, gibt den Euro logischerweise nicht montags oder dienstags bei Karstadt aus. Oder in einem Einkaufszentrum. Folglich sind Warenhäuser und Shoppingcenter die Hauptleittragenden des Rückgangs der Passantenfrequenz in den deutschen Innenstädten - vor allem in Klein- und Mittelstädten. Dass diese Verlierer nun als Partner gemeinsam gegen die Onlinekonkurrenz streiten, überrascht nicht.

Der mittelständische Handel will sonntags seine Ruhe

Doch hat dieser Kampf überhaupt Sinn? Es sollen ja Aktionen folgen. Klar, wir haben in diesem Jahr Bundestagswahlen, und da kann man sich ja mal positionieren. Doch die Erfolgsaussichten der Initiative entsprechen der Wahrscheinlichkeit, dass eine andere Mannschaft deutscher Fußballmeister wird als der FC Bayern München. Zumal der mittelständische Einzelhandel wenig Lust auf Sonntagsöffnung hat. Schließlich werden dann 100 Prozent Zuschläge fällig, die man erstmal wieder reinholen muss.
Von wegen Sonntag: Wann die Kunden online shoppen
© IFH/ECC
Von wegen Sonntag: Wann die Kunden online shoppen
Ausgerechnet ein mittelständischer, stationärer Händler sagt, wie man es stattdessen machen könnte. Das Internet nutzen, um Umsätze zu erzielen. „Die Kunden müssen ja nicht ihre Waren in China ordern“, formuliert es Arnold Senft, Textilhändler in Leinefelde im Eichsfeld und Präsident des thüringischen Handelsverbandes.

Online kann offline nicht ersetzen, sagt Fanderl

Doch für Karstadtchef Fanderl ist das Internet im Kampf gegen das Internet keine Option. Er sagt, dass man die Umsätze online nicht ersetzen könne, die man sonntags stationär verliere. Was wiederum nicht verwundert. Wer kauft schon bei karstadt.de ein? Oder bei kaufhof.de? Mögen die angestaubten Warenhäuser schon stationär schwer zu kämpfen haben - online spielen sie gar keine Rolle.


"Beide Unternehmen haben alle Möglichkeiten, sonntags online zu verkaufen. Aber sie nutzen ihre Chancen nicht", sagt auf Anfrage Gerrit Heinemann, Leiter eWeb Research Center an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Für den Professor kann es im Kampf gegen das Internet nur eine Option geben: das Internet. Und sofort hat er ein Beispiel parat: Die britische Warenhauskette John Lewis macht jährlich rund 5,8 Milliarden Euro Umsatz - davon 40 Prozent online.

Karstadt entdeckt immerhin die digitale Zukunft

Von solchen Zahlen kann Karstadt nur träumen, auch, wenn Signa-Chef René Benko das lange angeschlagene Unternehmen für saniert hält. Der Österreicher kalkuliert für das laufende Geschäftsjahr (Stichtag 30. September) mit einen Anstieg des operativen Ergebnisses auf 70 bis 80 Millionen Euro. Im vorigen Geschäftsjahr waren es 50 Millionen Euro. Von Gewinnen sagt Benko nichts. Im Bundesanzeiger schreibt Karstadt von einem "leichten Anstieg“ des Einzelhandelumsatzes bei gleichbleibend 79 Filialen.

Und die digitale Zukunft hat begonnen:

"Der Wunsch nach entspanntem und einfachem Einkaufen wächst stationär wie online. Dafür will Karstadt die Individualität seiner Kunden im Warenhaus und unterwegs bedienen, indem das stationäre Kerngeschäft durch die Erschließung, Verbindung und Entwicklung aller relevanten Vertriebskanäle ergänzt wird. Die Warenhäuser sollen dabei lebendige Marktplätze werden, in denen sich der Kunde gerne aufhält und wohlfühlt", schreibt das Unternehmen im Bundesanzeiger.Und weiter: "Zur Erreichung dieser Zielpositionierung ist eine intelligente Verzahnung von On- und Offline unabdingbar. Im Rahmen der Digitalisierungoffensive wird Karstadt alle Kundendaten aus unterschiedlichen Quellen, ob strukturiert oder unstrukturiert, zu einer ganzheitlichen Sicht auf den Kunden zusammenführen. Hierdurch wird das Marketing in die Lage versetzt, kanalübergreifend eine individuelle, bedürfnisorientierte und empathische Kundenansprache durchzuführen und Vermarktungschancen vernetzt zu nutzen. Der Ausbau des Kundenbindungsprogramms und des damit verbundenen Customer Relations Managements stehen dabei im Mittelpunkt und schaffen die Basis, den jeweiligen Zielkunden über die richtigen Vermarktungskanäle vernetzt anzusprechen."

Das klingt doch schön.

Marktplätze einrichten und Tablets austeilen

Und das ist die Praxis: Beim Handelskongress 2016 berichtete Fanderl, dass 300 Tablet-PCs an die Mitarbeiter ausgegeben worden sind. In diesem Jahr wird die Verbreitung dieser Verkaufshilfe forciert, aber auch über andere Endgeräte nachgedacht.
Am liebsten Textilien: Was die Verbraucher online kaufen.
© Online-Monitor 2017 Handelsverband Deutschland
Am liebsten Textilien: Was die Verbraucher online kaufen.
Zudem will Fanderl die Aktivitäten in Warenhäusern und Onlineshops zu "einzigartigen Marktplätzen" verschmelzen, wie er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters ankündigte. Onlinehändler könnten damit eigene Geschäfte in den Warenhäusern eröffnen. Ihre Waren könnten aber auch in den Karstadt-Filialen abgeholt werden. Sie könnten zudem die Karstadt-Logistik nutzen.

Wenn Warenhäuser Versandhäuser werden sollen

Im vorigen Jahr kaufte Signa den Esslinger Onlinehändler Internetstores. Damit will man Karstadt Sport zu einem Multichannel-Händler ausbauen und die Nummer 1 im Sportartikelhandel werden. Weitere Internetkompetenz erwarb sich Signa durch die vorherigen Zukäufe des Shopping-Clubs Dress-for-less sowie dem Mode-Shop Outfitter.

Auch Kaufhof setzt auf Multichannel, etwa mit dem Angebot "Ship-from-Store". Der Plan: Wenn etwas nicht im Onlineshop verfügbar ist, übernimmt eine Filiale die Versendung - falls vorrätig. Wie solche Versandtätigkeiten dann beim Personal einer Filiale ankommen, wird interessant sein, zu beobachten.
Da bewegt sich was: Der Kaufhof baut bei Köln ein 40.000 Quadratmeter großes, hochautomatisiertes E-Commerce-Lager. Starten soll der Betrieb im Frühjahr 2019. Kostenpreis: 70 Millionen Euro.
© Galeria Kaufhof
Da bewegt sich was: Der Kaufhof baut bei Köln ein 40.000 Quadratmeter großes, hochautomatisiertes E-Commerce-Lager. Starten soll der Betrieb im Frühjahr 2019. Kostenpreis: 70 Millionen Euro.

Die Kunden in die Läden locken? Vergessen Sie es!

Für Gerrit Heinemann wird das System Multichannel oder Omnichannel in der Regel falsch verstanden und umgesetzt. Dahinter steckt ja meist ein großer Plan: die Kunden via Internet in die Läden ziehen. "Doch das funktioniert alles nicht." Häufigster Grund für Kunden, online bestellte Ware im Laden abzuholen, sei die Portokosten zu sparen. "Doch dann merken die Konsumenten, dass die Parkgebühren in der Innenstadt höher sind", formuliert er es überspitzt. 
Prof. Dr. Gerrit Heinemann, Leiter eWeb Research Center
© Heinemann
Prof. Dr. Gerrit Heinemann, Leiter eWeb Research Center
Also was tun? Den ganzen Multichannel-Click&Collect-Gedanken verwerfen?
Nicht unbedingt, sagt Heinemann. "Aber auch Multichannel geht nur mit einem standalone-fähigen Online-Ansatz, so wie bei John Lewis eben." Also mit kernigen exzellenten Onlineshop, breitem Sortiment, guten Lieferservice, gutem Retourenmanagement, Onlinemarkting. "Hier heißt es für Karstadt und Kaufhof: Klotzen, nicht kleckern."

Wie will man Geld ausgeben,  wenn man keines hat?

Doch das alles kostet viel Geld, und das verdienen die Warenhäuser immer weniger. Zumal Karstadt ja froh sein muss, dass Fanderl derjenige ist, der immerhin die Betriebskosten auf erträglich getrimmt hat. Seine Vorgänger hatten nicht einmal das geschafft. Für Online-Visionen bleibt da nichts mehr übrig.

Also wird die alte Forderung aufgewärmt, die heißt: wir müssen sonntags öffnen, um gegen den Onlinehandel "Waffengleicheit" zu haben, wie es KaDeWe-Group-Chef Maeder formuliert. Doch wenn man es dann ganz genau nimmt, wäre ein verkaufsoffener Sonntag sogar zu wenig. Denn das Internet hat auch am Dienstagabend 23.45 Uhr geöffnet. Oder Donnerstagmorgen, 4.15 Uhr.

Immer und überall einkaufen wäre die Konsequenz

Also müssten die Läden strenggenommen ebenfalls 24 Stunden am Tag die Türen aufsperren. An sieben Tagen in der Woche. Auf so einen Quatsch wird selbstverständlich niemand kommen. Wobei, ein Versuch wäre es ja wert. Wie würden die Verbraucher einkaufen, wenn Sie es überall zu jederzeit könnten?

Ralf Kleber wüsste wahrscheinlich die Antwort.

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