Ein Band der Lieblings-Krimireihe ist ausgelesen und der nächste Teil muss schleunigst besorgt werden? Schnell noch einmal vor die Tür und ab in die nächste Buchhandlung? Kein Problem. Doch plötzlich meldet sich der innere Schweinehund mit einem klaren Bekenntnis zur Horizontalen des heimischen Sofas. Aufstehen oder Liegenbleiben und im Internet bestellen? Eine Online-Bestellung bei einem überregionalen Online-Retailer wäre aber erst frühestens am nächsten Tag im Briefkasten... Ein Dilemma. Mit shutl und postmates nehmen sich zwei Startups dieses E-Commerce-Problems an und versprechen eine Point-To-Point-Zustellung von lokalen Händlern innerhalb kürzester Zeit am selben Tag.

Same-Day-Delivery dank webbasierter Logistik

Viele Händler beobachten die Same-Day-Delivery-Offensiven seitens Amazon und ebay mit Sorge: Wenn die großen Online-Retailer flächendeckend eine Zustellung noch am Tag der Bestellung realisieren sollten, droht der letzte Wettbewerbsvorteil des Handels zu bröckeln: Sofortige Bedürfnisbefriedigung, indem Kunden ihre Ware in Händen halten und direkt mit nach Hause nehmen können. Inwieweit die Initiativen der beiden Branchengrößen jedoch echte Mehrwertdienste darstellen, ist zu bezweifeln: Sie sind zu teuer und zudem operativ schwer umzusetzen.

Was für die großen Online-Plattformen aber ein Hindernis darstellt, bedeutet für die anderen jedoch eine Chance: Durch webbasierte Logistik bekommen Händler die Möglichkeit, in ihrer näheren Umgebung selbst vom E-Commerce-Boom zu profitieren. Sowohl das Londoner Startup shutl als auch sein Pendant postmates in San Francisco setzen dabei auf ein Rezept mit dem auch MyTaxi erfolgreich geworden ist: Ein Netzwerk von lokalen Kurierfahrern, das an ein vollautomatisches Fahrtenvermittlungssystem angebunden ist, auf das Kunden zugreifen können.

So wie Fahrgäste ein Taxi "picken" können, soll es auch künftig mit dem Transport von Waren innerhalb von Ballungsräumen funktionieren. Während MyTaxi lokale Point-to-Point-Transporte ohne eine zentrale Leitstelle ermöglicht, so wollen shutl und postmates das Prinzip auf den innerstädtischen Güterverkehr übertragen: Shop-To-Customer Transporte, die ohne ein zentrales Lager oder einen gemeinsamen Sammelpunkt auskommen und entsprechend kostengünstig zu realisieren sind.

Über ein Webinterface oder eine native App kann der Krimi-Leser direkt von der heimischen Couch nach seinem Buchtitel suchen. Lokale Buchhandlungen, die ihr WMS beim jeweiligen Web-Logistiker angebunden und den gesuchten Titel gleichermaßen vorrätig haben, werden dann angezeigt und auf einer Umgebungskarte eingeblendet. Löst der ungeduldige Krimi-Freund dann eine Bestellung aus, wird diese Order dem Kurierfahrer zugeteilt, der gerade der gewählten Buchhandlung am nächsten ist.

Dieser holt den Schmöker ab und bringt ihn zum Käufer. Der Kunde kann den Prozess und den Aufenthaltsort des Fahrers derweil dank GPS in Echtzeit mitverfolgen. Und auf dem Sofa liegenbleiben. Bei Anlieferung zahlt der Kunde dann einen Transportkosten-Pauschale, der Fahrer rechnet bargeldlos via mobiler E-Payment-Lösung ab.

Im Wesentlichen handelt es sich hierbei also um ein klassisches Kurier-Geschäft. Point-To-Point. Kurierfahrer werden jedoch dabei durch jüngere technische Entwicklungen zu "echten" Logistikern. Durch kostengünstige Saas-Lösungen und GPS-Systeme sowie Innovationen in den Bereichen Mobile Payment und Location Based Services (postmates kooperiert mit foursquare), können diese mittlerweile zu Netzwerken zusammengebunden werden, die den Ansprüchen an eine moderne Logistik genügen und sich somit auch zu einer nützlichen Ressource für einen lokalen E-Commerce entwickeln.

Werbewirksame Zusatzleistung, trotz Einschränkungen bei Standorten und Warensegmenten

Der bildliche Einstieg in das Thema "Point-To-Point-Delivery" erscheint griffig, und man findet sich im vorgestellten Szenario vielleicht selbst gern wieder. Dennoch ist auch Skepsis angebracht: Wenn der Krimi ausgelesen ist, stehen schließlich noch andere Medien zur Verfügung, denen man seine Aufmerksamkeit widmen kann. Des Weiteren kann man auch als Freund von Papier-Schmökern mal "eine Ausnahme machen" und sich den Folge-Band seiner Krimi-Reihe in digitaler Form beschaffen, wodurch man dann tatsächlich "sofort" weiterlesen könnte.

Das Konzept eignet sich also nicht unbedingt für jedes Warensegment und sicherlich auch nicht für jede Region: Shutl hat sich, wie viele Web-Startups, in der  Tech City angesiedelt, dem britischen "Silicon Valley" im Londoner East End, in unmittelbarer Nähe zum Finanzdistrikt. Ein Standortvorteil, der sich auf das Geschäftsmodell doppelt positiv auswirkt: Zum einen sucht man natürlich die geografische Nähe zum Kapital und damit zu möglichen Investoren, zum anderen trifft man aber auch genau hier auf eine Lebenswirklichkeit mit hoher Arbeitsverdichtung und einer entsprechenden Anspruchshaltung an "Convenience" im eigenen Konsumverhalten.

Das Geschäfts-Modell erscheint in diesem Milieu also vielversprechend zu sein. Da die Neigung seitens US-Konsumenten zu "Bequemlichkeit" im Allgemeinen höher ist als dies in europäischen Märkten der Fall ist, wundert es daher nicht, dass shutl eine Expansion nicht in UK oder für Ballungsräume auf dem europäischen Kontinent plant, sondern sich die San Francisco Bay Area als nächstes Ziel auserkoren hat. postmates hingegen ist bereits im Silicon Valley ansässig und möchte dabei von vergleichbaren Standortfaktoren profitieren. Auch hier erhofft man sich den lokalen Handel als E-Commerce-Anbieter in Szene setzen können.

Man sollte den Charme der Idee nicht überbewerten - bisher handelt es sich lediglich um eine Marktnische auf der Basis von Sinus-Milieus, die Chancen aber auch nicht verkennen. Für den stationären Handel bieten sich Möglichkeiten und auch wenn das Modell kurzfristig wenig Potenzial aufzeigt, sich zu einem relevanten Umsatzbringer zu entwickeln, können Händler davon profitieren: Wer sich einem solchen Netzwerk anschließt und mit einer Lieferung innerhalb seines direkten Einzugsgebietes werben kann, macht auf sich aufmerksam und kann sich mitunter über Einzellieferungen an zeitlich unter Druck stehende Kunden als "Retter in der Not" profilieren.

Des Weiteren ließe sich sich zum Beispiel über eine Kooperation mit Google (Regionaler Werbemarkt, Spracheingabe) ein Bestellverfahren innerhalb mobiler Interfaces realisieren, dass gegenüber bisherigen Bestellprozessen im Online-Handel vereinfacht wäre.

Ob sich die Idee kurzfristig in anderen Ballungsräumen, oder gar in ländlichen Regionen wird durchsetzen können, bleibt aber fraglich. Vorerst bleiben die verkehrstechnischen Hindernisse bestehen, mit denen auch die großen Online-Retailer und Marktplatzbetreiber zu kämpfen haben: Zustellungen per PKW oder Nutzfahrzeug im späten Berufsverkehr innerhalb von Ballungsgebieten sind selbst über eine zentrale Disposition äußerst schwer zu organisieren.

Für einzeln operierende Kuriere wäre dies umso aufwendiger. An diesem Punkt hinkt dann auch der Vergleich mit der vollautomatisierten Disposition von MyTaxis Personen-Beförderung: Taxi-Kunden nehmen mitunter Warte-und Pufferzeiten in Kauf, die sie aber vielleicht als Kunden eines lokalen Just-In-Time-E-Commerce nicht mehr akzeptieren würden.

Ausblick: Die Renaissance der Nahversorgung durch Local E-Commerce?

Bisher gibt es noch keinen Nachahmer dieser Geschäftsidee in Deutschland. Das könnte sich jedoch ändern: Zwar jammern deutsche Konsumenten, dass "Tante Emma" immer weiter auf dem Rückzug ist und die Ladenmeilen in den Innenstädten veröden, aber letztlich wird dann oft doch der bequeme Weg über den Kaufen-Button im Internet gegangen. Der verkehrspolitische Trend der 80er- und 90er-Jahre, Innenstädte weitestgehend zu Fußgängerzonen zu verwandeln und der folgende Mangel an freien Parkflächen, hatte diese Entwicklung eingeläutet und Kunden zunächst zu den Shopping-Malls auf die "grüne Wiese" gelockt.

Jetzt leiden auch diese, und durch die Verbreitung des Internets und den aufgekommenen E-Commerce-Boom stehen mittlerweile oftmals Ladengeschäfte in einst attraktiven Lagen leer. Städte, Kommunen und Einzelhandelsverbände machen nicht selten mit Ausschreibungen und Ideenwettbewerben auf sich aufmerksam, in denen nach tragfähigen Konzepten für den stationären Handel gesucht wird. Händlernetzwerke, die in vergleichbarer Manier auf eine eigene Kurierflotte setzen, um darüber auch wieder das "Einkaufserlebnis um die Ecke" in Szene setzen zu können, könnten diesem Trend entgegenwirken. Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden.

Wurde noch vor 4 Jahren in der Logistik-Fachwelt darüber debattiert, ob derlei Fahrtenvermittlungssysteme oder SaaS-Lösungen praktikable Zukunftsmodelle hervorbringen würden, so stellt sich diese Frage heute nicht mehr: UPS hat jüngst 2 Millionen US-Dollar in Shutl investiert, um dem Unternehmen den Sprung über den Atlantik zu ermöglichen. Gemessen an anderen Investitionsvolumina des "Braunen Riesen" ist dieser Betrag zwar gering, dennoch lässt das Engagement aufhorchen: UPS ist nicht nur eines der weltweit größten Logistik-Unternehmen, sondern zweifelsohne das technisch fortschrittlichste.

Nach der Einführung der papierlosen Rechnung im Im-und Export bereits in 2008 und einem GPS-gestützten Fahrerleitsystem zur Optimierung der Tourenplanung, dass sogar die Zeitersparnis durch Eigenheiten regionaler Verkehrsregeln berücksichtigt, wirft man jetzt einen Blick auf die Möglichkeiten, die sich dank webbasierter Logistik-Software bieten.

Die wichtigste Voraussetzung für lokale Point-To-Point-Verkehre im B2C-Bereich wäre dabei bereits schon gegeben: Immer mehr Menschen sind über mobile Geräte "immer" online. Jetzt müsste der stationäre Handel nur noch nachziehen, denn -allen Hindernissen zum Trotz- stellt sich momentan für diesen nur eine Frage: "Was gibt es denn zu verlieren?"

Update: Das passende Konzept für ein Kurier-Netzwerk gibt es mit tiramizoo bereits in Deutschland (Danke an Marie Schaller). deutsche-startups hatte darüber berichtet. Das shutl-Konzept stellte Der Handel bereits ausführlich vor.