Rainer Hillebrand

Rainer Hillebrand steht auf LSD. Dafür investiert die Otto Group bis 2015 300 Millionen Euro. Otto will damit vor allem den Aufbau viel versprechender Startups vorantreiben und bestehende Multichannel-Einzelhändler weiterentwickeln.
Einen dicken Batzen davon verschlingt „Collins“, das geheime E-Commerce-Projekt mit Benjamin Otto an der Spitze. Otto plant hierfür eine dreistellige Millionensumme ein.

Collins startet mit eigenen Sortimenten

2014 soll es bei Collins mit eigenem Markennamen und eigenen Sortimenten losgehen, um mit den Themen Fashion und Home & Living eine junge und weibliche Zielgruppe anzusprechen. In diesen Segmenten sieht Hillebrand noch erhebliches Potenzial. Das Projekt wird von Benjamin Otto, dem Sohn des Unternehmers und Aufsichtsratsvorsitzenden der Otto Group, Michael Otto, und Tarek Müller verantwortet.

Benjamin Otto
Benjamin Otto
Benjamin Otto

Für Wachstum und Entwicklung, an der rund 60 Mitarbeiter beschäftigt sind, dürfte sich Otto, auch wenn Hillebrand mit einem kraftigen Werbeanschub zum Start des neuen Pure Player rechnet, Geduld gönnen. Pure Player, so Hillebrand, sollen nach fünf spätestens sieben Jahren profitabel sein,  sagte Hillebrand, der seit August 2012 zusätzlich zu seiner Funktion als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Otto Group die E-Commerce-Aktivitäten leitet, in Hamburg gegenüber der Presse in den Büros der Otto-Beteiligungsgesellschaft eVentures. Wer mag, darf darin ein Zeichen sehen.

Neben Collins , das dann 2014 mit einem anderen Namen reüssieren dürfte, sollen unter anderem Mytoys und die Payment-Lösung Yapital von den Investitionen profitieren und zum Gesamtziel eines E-Commerce-Umsatzes von heute 8 Milliarden Euro bis 2015 beitragen (derzeit: 5,7 Milliarden Euro).

Lead, Speed, Data

Den Takt der Entwicklung soll LSD vorgeben: Lead, Speed, Data.  
Lead meint für Hillebrand eine Kommunikation, die wegführt vom Beeinflussungsmarketing und hin zum Beziehungsmarketing. Also müsse man mehr über Kunden wissen. Das muss zudem mit schnellerer Umdrehung passieren. Wer den Kunden besser, schneller und individueller bedienen will, braucht Informationen. Daten eben.
Mehr Personalisierung und Individualisierung soll auch der Otto-Shop nach dem Relaunch bieten. Lhotse, die eigenentwickelte Shop-Software, soll dafür die Voraussetzungen schaffen.

Mobile First rückt in den Fokus

Mobile First könnte derweil zur neuen Maxime werden.
„Wir denken darüber nach, unsere Online-Auftritte eher aus dem Blickwinkel einen Tablet zu denken“, sagt Hillebrand, denn Tablets würden künftig ein zentrales Thema. Über 80 Prozent aller Otto Group Shops halten mittlerweile für Smartphones optimierte Shopping-Lösungen bereit. Hinzu kommen unter anderem 16 Commerce- und Inspirations-Apps.

Multichannel: Mytoys , SportScheck und Crate & Barrel sind Vorbilder

Otto wäre aber nicht Otto, wenn es nur in Pure-Player-Kategorien denken würde. Hillebrand ist kein Marktradikaler: „Wenn ich ein bislang gutes Stationärgeschäft habe, macht es keinen Sinn sich zurückzuziehen.“
Lieblingsbeispiel, „Ikone“ gar (O-Ton Hillebrand), der Onlineshop für Produkte rund um das Kind, myToys.de, der seine Umsätze von derzeit 280 Millionen Euro in den kommenden Jahren auf rund 500 Millionen Euro Umsatz erhöhen soll und inwischen ein Dutzend Filialen hat. Als Erfolgsmodelle gelten aber gerade auch der Multichannel-Sportfachhändler SportScheck sowie der US-Möbelhändler Crate & Barrel: Beide Unternehmen bauen auf die Vernetzung ihrer Touchpoints – dazu zählen Filialen, Online-, Mobile- und Tablet-Shops.  Perspektivisch liegt ein starker Fokus auf dem Ausbau kanalübergreifender Serviceleistungen. So stattet SportScheck seine neuen Filialen mit iPad-Stationen zur erweiterten Kundenberatung aus.

Das muss auch umgekehrt funktionieren. Crate & Barrel bietet einen 3D Room Designer mit dem Möbel aus dem Katalog in ein Foto der eigenen Wohnung eingesetzt werden können. Das liefe erfolgreich, so Hillebrand. Andere Marken der Gruppe könnten davon profitieren.

Services und Finanzdienstleistungen

Enabling bietet indes vermutlich die sichereren Renditen als reine Handelslösungen im E-Commerce. Also macht sich Otto hier vermehrt breit und will auch bei der Bezahlung mitverdienen.
Mit Yapital startet die Gruppe im Sommer dieses Jahres eine neuartige Crosschannel-Payment-Lösung für den Multichannel-Einzelhandel. Das Unternehmen konnte bereits Kunden innerhalb und außerhalb der Otto Group akquirieren, darunter SportScheck und die Görtz-Gruppe.
Otto hofft ebenso, dass mehr stationäre Händler den Weg ins Web finden. Hermes NexTec soll sich da als Web-Enabler anbieten. Neben dem Konzern-Unternehmen Arqueonautas zählen Unternehmen wie Wolford oder Escada bereits zum Kundenstamm.

Und Big Data? Mit Blue Yonder liefert Otto auch Händler wie Real und DM Prognosen und Mustererkennungen zu den Daten, um die Prognosen beispielsweise für Absatzplanung und Retouren zu optimieren. Hillebrand sieht sich da auf Augenhöhe mit SAP.

e.ventures und Project A

In Sachen Risikokapital bleibt die Gruppe eindeutig exit-orientiert. Mindestens 250 Millionen  wurden bereits über e.ventures und Project A investiert. Ein gutes halbes Dutzend Exits liegen in jüngster Zeit hinter Otto. Es soll lohnend gewesen sein. Insgesamt aber hat Otto über 100 Beteiligungen in mehr als zehn Ländern.
Project A (tirendo, Wine in Black, Nu3) widmet sich dabei eher der frühen Investitionsphase. Im Early Stage-Segment (Proof of Concept) ist eVentures (Auctionata, Shutl, The RealReal) unterwegs.