Vielleicht war das dauernde Hämmern und Bohren im Hotel, das beim Pressetermin in Florianopolis einen der Vorträge zur E-Commerce-Offensive der Otto Group in Brasilien durchschnitt, ein gutes Omen. Die Wirtschaft in Brasilien ist im Aufbruch, E-Commerce wächst gewaltig. Davon will jetzt auch Otto profitieren und hat mit dem brasilianischen Distanzhändler Posthaus ein gemeinsames Unternehmen gegründet, um in dem südamerikanischen Land das E-Commerce-Geschäft zu forcieren.

Die Offensive leiten die Konzern-Töchter Bonprix und Arqueonautas ein. Obendrein stellt sich Otto mit seinem Web-Enabling-Dienstleister NexTec und Finanzdienstleistungen in Brasilien auf. Drei Standbeine, die Otto die digitale Marktführerschaft in Brasilien bescheren sollen.

Seit 2008 betreibt der Katalogversender Posthaus (Umsatz rund 100 Mio. Euro)  in Brasilien einen Internet-Marktplatz auf dem eigene Produkte als auch Artikel anderer Marken angeboten werden. Rund 15 Prozent der Bestellungen erfolgen über das Internet.

Nun wird der Online-Betrieb von Posthaus.com.br über DBR SA abgewickelt, einem Joint Venture von Posthaus und der Otto Group. Die Hamburger halten eine knappe Mehrheit an dem Joint Venture. „Durch die enge Zusammenarbeit mit Posthaus haben wir uns eine hervorragende Startposition verschafft“, sagt Vorstand Hanjo Schneider, der für die Expansion nach Brasilien zuständig ist.

Bonprix geht voran

Hanjo Schneider (Otto) und Jan Zadrozny (Posthaus)
Hanjo Schneider (Otto) und Jan Zadrozny (Posthaus)

Die Otto-Marke Bonprix ist bereits mit einem Sortiment bei Posthaus vertreten und wird ab Herbst parallel einen eigenen Webshop lancieren.

Der dürfte auch als Vorzeigeobjekt in Sachen Web-Enabling dienen. Otto will mit dem Dienstleister NexTec anderen Fashion-Brands und großen Retailern zum Webshop in Brasilien verhelfen. Denn Store-Händler wie Lojas Renner, Nummer 2 hinter C&A, sind in Sachen Web in dem Land vielfach noch im Entwicklungsmodus, große internationale Marken angesichts hoher Import-Zölle in dem Land noch eher selten. Das wird sich ändern.

Rocket Internet ist auch schon da

Der Zeitpunkt für den Einstieg von Otto ist zudem günstig: Die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 lassen auf einen weiteren Schub hoffen.  

Dennoch muss sich Otto sputen: Mit Dafiti, der erst vor sechs Monaten gestarteten Samba-Variante von Zalando  haben die Samwer-Brüder Posthaus-Chef Jan Zadrozny, der wohl auch als CEO der DBR SA antritt,  als größten Online-Textilhändler gerade überholt.

Otto-Manager Schneider stört das indes nicht. Er denkt nicht in Siegertreppchen-Kategorien. „Dafür arbeiten wir von Anfang an profitabel“. Allerdings: 25 Prozent Marktanteil bei Fashion ist bis 2016 das Ziel.

Dafür nimmt Otto zunächst einmal einen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand, der in den kommenden Jahren mit weiterer Expansion schnell in einem mittleren dreistelligen Bereich landen dürfte. Umsatzziel für Handel, Web-Enabling  und Finanzdienstleistungen bis 2016: 500 Millionen US-Dollar.

Warum Brasilien für Otto so reizvoll ist

+ Im Internet-Retailing-Segment Apparel liegt das Wachstum bei 40%. Marktvolumen für Internet Retailing bis 2016: 16 Milliarden US-Dollar

+ Der Onlinehandel steht noch am Anfang: Volumen: 9,5 Mrd. US-Dollar, Fashion 0,3 Mrd. US-Dollar

+ Dem Marktforschungsunternehmen Euromonitor zufolge wuchs der brasilianische Mode-E-Commerce 2011 um rund 39% auf 247 Mill. US-Dollar. Bis 2016 werden sich die Umsätze voraussichtlich auf fast 709 Mill. Dollar verdreifachen.

+ 2015 wird es rund dreimal so viele Internetnutzer wie in Deutschland geben

+ 2011 war Brasilien das lateinamerikanische Land mit den meisten Internetnutzern.  Rund 78 Mio. Menschen (über 16 Jahre) haben Zugang zum Internet. Selbst Shopping-Center bieten kostenlos WLAN an. 

+ Ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 4% beschert dem Land eine wachsende konsumfreudige Mittelschicht