Billiger sein als die Konkurrenz und kostenlos liefern - mit diesen mutigen Ansagen ist Picnic offiziell in Deutschland gestartet. Erst einmal wird der neue Onlinehändler nur die Menschen in Nordrhein-Westfalen mit Lebensmitteln beliefern. Die Logistik dahinter hat dabei sogar andere Namen als üblich - und basiert auf zwei spannenden Formeln.

Ein roter Startknopf wurde symbolisch gedrückt, und dann regnete es rote Papierschlangen von der Decke einer geschmückten Lagerhalle in Neuss. So feiert man einen Markteintritt. Seit dieser Woche ist Picnic offiziell neuer Wettbewerber im deutschen Online-Lebensmittelhandel, bisher war der deutsche Ableger des niederländischen Unternehmens ja gut sechs Monate lang nur zu Testzwecken in Nordrhein-Westfalen unterwegs. 

800 Kunden hatten in diesem Zeitraum ausprobieren sollen, ob dieses neue Angebot etwas taugt. Die nächsten 2.000 Konsumenten stehen quasi vor der Tür, denn so viele Menschen hätten sich mittlerweile die Picnic-App heruntergeladen, sagt Unternehmensgründer Frederic Knaudt zu etailment. 
Picnic-Lager in Viersen: 5.000 Quadratmeter für Lebensmittel
© Picnic
Picnic-Lager in Viersen: 5.000 Quadratmeter für Lebensmittel

Wenn die knuffigen Elektroautos vorfahren

Das wären dann 2.800 Menschen in Nordrhein-Westfalen, die sich jetzt von den knuffigen Elektroautos mit Lebensmitteln beliefern lassen wollen. Erst einmal geht es um den Großraum Düsseldorf mit Städten wie Kaarst, Büttgen und Neuss.Und in einer Neusser Lagerhalle befindet sich auch der sogenannte Hub, also das Verteilzentrum der Ware, die vom etwa 30 Kilometer entfernten Lager in Viersen hergeschafft, auf die Elektrolieferwagen verteilt und damit zum Kunden gefahren wird.
Lager in Viersen: Hier docken die Lkws an:
© Picnic
Lager in Viersen: Hier docken die Lkws an:
Das Viersener Lager misst rund 5.000 Quadratmeter Fläche, gehörte früher zum Supermarkfilialisten Tengelmann, der zu einem Gutteil von Edeka übernommen worden ist. Und weil Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka und Picnic eine Liason eingegangen sind, wird das Lager eben von dem Onlinehändler genutzt.
Genau genommen geht es um Edeka Rhein-Ruhr, das 20 Prozent des Stammkapitals von Picnic hält. Der blau-gelbe Lebensmittelriese fungiert für Picnic als Großhändler und Anbieter von Eigenmarken, gut 70 Prozent der Ware kauft Picnic bei Edeka ein, sagt Frederic Knaudt.

Das Problem mit Nestlé

Weil Edeka derzeit mit erstaunlich viel Mediengetöse um bessere Einkaufspreise beim Lebensmittelgiganten Nestlé ringt und viele Produkte des Schweizer Herstellers aus den Regalen genommen hat, um Druck aufzubauen, beschafft Picnic diese Ware zur Not auch bei anderen Großhändlern oder direkt beim Hersteller, betont Knaudt. 

Das hören die Produzenten gern. Denn es geht ja auch um die 30 Prozent der Ware, die Picnic nicht über Edeka kauft. Knaudt erzählt, dass etliche Hersteller bereits bei ihm vorstellig geworden seien, um ins Geschäft zu kommen.

Weiter wachsen - aber nur in NRW

Die Namen will er nicht nennen, aber es dürften die Großen der Branche sein. Denn Picnic bedeutet einen neuen Absatzkanal in einem Markt, den Bundeskartellamtschef Andreas Mundt immer gerne als "verkrustet" beschreibt. Gemeinhin gilt ja die Rechnung, dass etwa 85 Prozent des Lebensmittelhandels in Deutschland von vier Unternehmen beherrscht wird: Edeka, Rewe, Aldi sowie die Lidl-Schwarz-Gruppe. Wer derart den Markt dominiert, sagt auch, was und zu welchen Preisen welche Produkte in die Regale kommt.
Marke Eigenbau: Die kleinen Lieferautos mit Elektroantrieb wurden von Picnic selbst entwickelt
© Gerth
Marke Eigenbau: Die kleinen Lieferautos mit Elektroantrieb wurden von Picnic selbst entwickelt
Jetzt ist Picnic eine neue Alternative, wenn auch auf regionalem Niveau. Erst einmal wird ein Teil von NRW beliefert, in diesem Jahr sollen noch zwei, drei weitere Städte in Deutschlands bevölkerungsreichtstem Bundesland dazu kommen. Welche? Das verrät Unternehmenschef Knaudt nicht.

Was auch interessant ist: Edeka betreibt ja mit Bringmeister einen eigenen Lieferdienst (in München und Berlin), der vielleicht überflüssig werden könnte, sollten sich mit Picnic bessere Perspektiven ergeben.

"Runner" und "Shopper"

Was Unternehmenschef Knaudt gerne sagt: Picnic sucht aktuell rund 600 neue Mitarbeiter. 300 "Runner", das sind die Mitarbeiter, die die Ware ausfahren, sowie 300 "Shopper", das sind die Kollegen, die im Lager die Lieferkisten packen, sprich kommissionieren. Anderswo werden diese Kräfte meist "Picker" genannt.
Picnic will aber nicht nur Lebensmittelverkäufer sein sondern denkt, wie viele moderne Onlinehändler längst auch, als Technologieunternehmen. App und Logistiklösung wurden daher selbst entwickelt.

Zwei Formeln für die Effizienz

Spannend sind zudem zwei hauseigene Formeln, die elementar sind für die Prozesssteuerung.

Denn nach der einen kann berechnet werden, in welchen Zeiträumen die Kunden welche Produkte ordern.
Mit der zweiten Formel soll eines der größten Unwägbarkeiten im Onlinehandel wegfallen - das ist bei der Auslieferung die Zeit, die der Zusteller braucht, um das Paket zum Kunden zu bringen.

Denn allein das Parkplatzproblem zerstört schnell jede gut gemeinte Absicht. Und wer alles beherrscht, was mit der sogenannten "letzten Meile" zusammenhängt, hat einen Wettbewerbsvorteil. Beide Formeln werden im Video ab Minute 6 und ab Minute 17 vorgestellt.

Daniel Gebler, CTO von Picnic

Diese Rechenkünste sollen Picnic zu einer Effizienzmaschine machen, die dadurch günstige Preise und kostenlose Lieferung ermöglicht.

Der Unternehmensauftritt wiederum ist, als sei man ein großer Freundeskreis - Picnic und seine Kunden. Dazu gehört, dass die Konsumenten nach der Bestellung den Button "Was fehlt?" klicken können, um sich Produkte zu wünschen, die bisher noch nicht im Sortiment zu finden sind. 
Schön einpacken: Hier heißt der Picker Shopper.
© Picnic
Schön einpacken: Hier heißt der Picker Shopper.

Nie mehr zu viel Meersalz im Sortiment

So kann man auch den Einkauf steuern und Fehldispositionen vermeiden. Frederic Knaudt erzählt als Beispiel hier gerne seine Erfahrungen mit Meersalz, von dem es in den stationären Supermärkten meist jede Menge Varianten gibt. Bei Picnic stehen nur zwei verschiedene Produkte zur Auswahl, "und niemand hat bisher nach mehr gerufen", sagt Knaudt.Trotz dieser Effizienz und dem angekündigten defensiven, organischen Wachstum wird es spannend sein, ab wann Picnic Geld verdienen wird. Denn Gratislieferung ist eben Gratislieferung. Das Mutterunternehmen in den Niederlanden ist bisher davon entfernt, profitabel zu sein. Frederic Knaudt versichert, dass für Deutschland keine Vorgabe gebe, wann Picnic die Gewinnzone erreicht haben muss. "Wir wollen erst einmal wachsen."

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