Es hat ja schon beinahe etwas reflexartiges  – Kaum erscheint irgendwo ein Beitrag, wie jüngst rund um das Oryx-Projekt (siehe Kurz vor 9) ehemaliger Mitarbeiter der Samwer-Schmiede Rocket Internet, wird en passant genüsslich am Image der Samwers gekratzt. Klonlabor, raues Klima und rüder Führungsstil, für den als Beleg die jüngste „Blitzkrieg“-Mail mit eher ungalanter Ausdrucksweise von Oliver Samver angeführt wird, lauten die Gebetsmühlen-artigen Vorwürfe. SpOn verweist auch sogleich auf eine lange, kritische Geschichte im „Manager Magazin“.

Doch vom dauernden Samwer-Bashing zunehmend ermüdet, frage ich mich: Steckt hinter der Kritik etwas vom üblichen Neid auf den Erfolg, manifestiert sich da auch so etwas wie ein Kulturschock einer Branche, die eher kuschelige Barcamp-Atmosphäre gewohnt ist?

Schon den mantra-artigen Copycat-Vorwurf finde ich mehr als müßig. Wer wäre jemals auf die Idee gekommen Autobauern nach Gottlieb Daimler vorzuwerfen, sie bauten nur Klone? Wer hätte je von Vorwürfen mit moralischem Unterton gehört, andere Unternehmen hätten das Konzept der Fließbandfertigung von Henry Ford kopiert? Aus meiner Sicht hat das viel mit  dem Wegbeißen von Wettbewerbern zu tun.

Vor allem aber, gelingt es den Samwers neue Märkte und Projekte schnellstens zu besetzen – und, hier stimmt der Klon-Vorwurf dann erst recht nicht mehr, sie an lokale Gegebenheiten anzupassen.  

Manch einer kritisiert die Masse an Projekten übrigens als planlos. Häufig sind das jene, die einst fasziniert auf Google schauten, weil Google Projekte wie nasse Nudeln an die Wand warf, um dann zu sehen, was kleben bleibt.  

In diesem Zusammenhang wird auch schnell eine fast schon gehetzte Schnelligkeit bei der Geburt neuer Plattformen bemängelt. Sicher, Nachhaltigkeit sieht womöglich anders aus.

Aber ich glaube, dass der Markt die an anderer Stelle oft geforderte Innovationskraft auf Dauer eher belohnt.

Schnelligkeit hat etwas mit der Unternehmenskultur zu tun, von einem „ein Klima von Druck und Angst“ berichtet SpOn.

Hängt man die Vorwürfe ein bisschen tiefer, dann mag man ein raues Klima konstatieren, doch dann dürfte das Unternehmensreich Samwer kaum anders gestaltet sein als manch ein Großkonzern der Konsumgüter – oder Pharmabranche. Selbst Bundesliga-Vereine ticken so. Stammplätze gibt es nicht - kaum ein Trainer, der seine Mannschaft so nicht anspornt. 

Und die Samwers spielen vielleicht nicht schön, aber auf Sieg. Wer, wie sie Markttreiber sein will und in lokalen Märkten möglichst als First-mover auftreten  und schnelles Wachstum generieren will, der muss Prozessoptimierung und ständige Verbesserung der Effizienz leben - 25 Stunden am Tag. Der fordert dann aber auch eine gewisse Ergebnissicherheit. Die Kälte der Zahlen bestimmt dann die Betriebstemperatur.

Wer einmal in einem Großkonzern gearbeitet hat, der weiß, dass solche Punkte von jedem Vorstand manchmal fast schon schmerzhaft auf Herz und Nieren abgeklopft werden. Vielleicht mit netteren Worten. Aber auch nicht immer. Aber zumeist erbarmungslos.

Man muss die Brüder deswegen nicht gleich sympathisch finden. Aber muss man sie gleich als die Bösen in der Branche personifizieren? Vielleicht irre ich mich auch?  Was meinen Sie?