Bankkredite sind bei vielen Start-ups verrufen. Warum eigentlich? Schließlich waren die Voraussetzungen für Fördermittel noch nie so gut.

Morgens um 9 Uhr in der Frankfurter City, viele Geschäfte sind noch geschlossen. In einem Nebengässchen, etwa hundert Meter Luftlinie von der Hauptwache entfernt, betreten wir das Café Roseli. Hier treffen wir die Inhaberin Sevil Erdinc-Cakici, Manager der Frankfurter Sparkasse, und Ingrid Hengster. Sie ist Vorständin bei der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und begleitet uns in der Mainmetropole einen Tag lang beim Besuch unterschiedlicher Start-ups.

Ingrid Hengster, Vorständin bei der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)
© Thorsten Sulz
Ingrid Hengster, Vorständin bei der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)

Es geht um die Systematik von Firmengründungen – und um Finanzierungen, die auf unterschiedlichsten Wegen über die KfW-Förderprogramme laufen. Der Kapitalbedarf in der Gründerszene nimmt zu.

Steigender Kapitalbedarf in der Gründerszene

Fast jeder vierte Gründer greift auf externe Mittel wie Bankdarlehen zurück. Seit 2013 hat sich die Zahl derjenigen verdoppelt, die sich mehr als 25.000 Euro von externen Kapitalgebern verschaffen, wie aus dem jährlichen Gründungsmonitor der KfW hervorgeht.

Zu diesen Kreditnehmern zählt auch Sevil Erdinc-Cakici, die Inhaberin des Frankfurter Cafés. Offen spricht sie über anfängliche Finanzierungsprobleme für den 2013 übernommenen Betrieb. Ihr Geschäftsmodell ist einfach und erscheint auf den ersten Blick nicht einzigartig. Ein Café mitten in Frankfurt müsste eigentlich immer laufen. Doch Startinvestitionen im mittleren fünfstelligen Bereich für Mobiliar und Inventar wie die teure Espressomaschine wollen aufgebracht werden. Schließlich müssen Personalkosten für studentische Hilfskräfte und die hohe Miete eingespielt werden.

Bei ihrer Hausbank blitzte die junge Unternehmerin ab. Dafür kam die Unternehmerin schließlich an anderer Stelle gut an: Mit der KfW als Refinanzier bekam Erdinc-Cakici problemlos ihren Kredit von der Frankfurter Sparkasse. Am Ende bewerteten die Institute stärker die Unternehmerpersönlichkeit als Bestandtteil des Geschäftsmodells.

So wie der Frankfurterin geht es Tausenden von Firmengründern. Die offizielle Zahl ist beeindruckend. Deutschlandweit wagten im vergangenen Jahr 672.000 Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit, wie der KfW-Gründungsmonitor zeigt. Manche Gründungen sind allerdings weniger von Mut als von der Verzweiflung getrieben. So macht sich rund ein Viertel aller Gründer nur deshalb selbstständig, weil sie keine berufliche Alternative sehen. Dagegen gründeten 310.000 Menschen ihr eigenes Unternehmen, weil sie fest an ihre Geschäftsidee glauben.

Szenenwechsel:

Die vier Jungunternehmer Christopher Oster, Steffen Glomb, Marco Adelt und Chris Lodde gründeten 2015 die Clark Germany GmbH. Der Kontrast zum Café Roseli könnte kaum größer sein. Clark ist ein digitaler Dienstleister, offiziell Versicherungsmakler, der sich auf die Optimierung von Versicherungstarifen spezialisiert hat – für Privatpersonen und Unternehmen. Das Geschäftsmodell fußt auf der Unzufriedenheit vieler Deutscher mit ihren Versicherungen, der Unüberschaubarkeit des Versicherungsmarktes und der Tarife.

Der Prozess läuft schnell. Über die eigene App von Clark erhält der Kunde nach zweiminütiger Anmeldung eine Übersicht aller seiner Tarifdetails sowie Einschätzungen zu seinen Verträgen. Clarks innovativer „Robo-Advisor“ analysiert und vergleicht die Versicherungen des Kunden mit dem Tarifangebot und überprüft sie auf Optimierungsmöglichkeiten. Bis zu 50 Prozent ihrer Beiträge können die Kunden dadurch sparen, verspricht das Unternehmen. Zudem fließen in die Algorithmen auch Komponenten wie die Zahlungsmoral der Versicherer ein.

Das Geschäftsmodell zieht, das Portfolio wurde auf Altersvorsorge für Privatpersonen und kleinere Unternehmen ausgedehnt. Inzwischen beschäftigt Clark 40 Mitarbeiter, zwei Drittel davon sind Software-Entwickler. Vom Nachrichtennetzwerk Bloomberg wurde Clark als einziges deutsches Unternehmen unter die globalen Top-50-Start-ups gewählt.

Finanziert wurde der Aufbau in mehreren Schritten. Nachdem zum Start im Juni 2015 aus verschiedenen Quellen Geld eingesammelt worden war, folgte 2016 Venture-Kapital aus öffentlicher Hand. Im März 2016 hatte das Bundeswirtschaftsministerium gemeinsam mit der KfW den Co-Investmentfonds Coparion gegründet. Dieser beteiligte sich auch an Clark. So flossen in der zweiten Finanzierungsrunde bereits 13,2 Millionen Euro in das Unternehmen.

Gute Finanzierungsmöglichkeiten für digitale Projekte

Wenn es um Startfinanzierungen geht, sind Unternehmen wie Clark gegenüber Neugründungen in traditionellen Branchen wie der Gastronomie oder rein stationären Händlern im Vorteil. Digitale Projekte stoßen bei Investoren auf deutlich mehr Gegenliebe – und das längst nicht nur bei Firmengründungen.

Clark ist ein digitaler Dienstleister, der sich auf die Optimierung von Versicherungstarifen spezialisiert hat
© KFW/Heinrich Völkel, Ostkreuz
Clark ist ein digitaler Dienstleister, der sich auf die Optimierung von Versicherungstarifen spezialisiert hat
„Mittelständler beschäftigen sich bisher zu wenig mit dem Thema Digitalisierung“, sagt KfW-Vorständin Ingrid Hengster. Gerade mal ein Fünftel ihrer Investitionen stecken Unternehmen in der Größenordnung bis 500 Millionen Euro Jahresumsatz in die Digitalisierung.
Deshalb haben die KfW und das Bundeswirtschaftsministerium kürzlich ein Milliarden-Förderprogramm aufgelegt. Zum einen übernimmt die KfW bei Krediten für Digitalisierungsprojekte bis zu 70 Prozent des Haftungsrisikos, was den Kredit gebenden Bankern die Furcht vor ungewissen Rückzahlungen nehmen soll. Und zum anderen gibt es für Mittelständler projektgebunden deutlich günstigere Kredite aus dem ERP-Programm. Viele Mittelständler können auch auf Start-up-Gelder zugreifen, denn bei mehr als einem Drittel der Unternehmen ist binnen fünf Jahren der Generationswechsel fällig. Oft ist dies mit Neugründungen verbunden, dann wird die Digitalisierung nachgeholt.

Kapital gegen Cyberattacken

Die nächste Station auf der Start-up-Tour kommt eigentlich aus Bochum, ist aber überall im Netz unterwegs: VMRay. Das 2013 gegründete IT-Unternehmen ist mit seiner sogenannten Sandbox-Technologie spezialisiert auf die Analyse von Schadsoftware und die Abwehr von Cyberattacken. Kunden sind Unternehmen, Behörden und Regierungen. Die VMRay GmbH finanziert sich vornehmlich durch Venture-Kapital. In dem Unternehmen stecken gleich zwei Gesellschaften, die über die KfW ausgestattet sind: Der Hightech-Gründerfonds der KfW und als neuer Investor der 2016 abgeschlossenen Series-A-Finanzierungsrunde die eCapital AG. Diese ist ebenfalls mit Kapital der KfW ausgestattet.

So findet das Geld der staatseigenen KfW viele Wege zu extrem unterschiedlichen Start-ups, auch zu Händlern.

Der Beitrag (hier gekürzt) erschien zuerst in der Ausgabe von "Der Handel 7/8-2017".

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