Stephan Uhrenbacher ist ein Web-2.0-Gründer, der so einige spannende Web-Unternehmen auf seine Visitenkarten drucken könnte. Der Macher von Qype brachte einst für Bertelsmann Geo.de ins digitale Gleis, gründete Travelchannel, wechselte zu Lastminute.com und Doc Morris, beteiligte sich später am Öko-Fashion-Marktplatz Avocadostore.de und gründete 9flats.

Das  Privatzimmer-Vermittlungsportal sammelte in einer Finanzierungsrunde gerade einen zweistelligen Millionenbetrag. Mit dabei: die  Telekom über ihr Beteiligungsunternehmen T-Venture. Vor wenigen Tagen stieg 9flats in die TV-Werbung ein.

Gründe genug, Uhrenbacher zur Zukunft des Sharings und dem Standing der Startups in Deutschland zu befragen. 

9flats macht gerade richtig Dampf. Erst der Einstieg von T-Ventures, nun der TV-Spot.  Wird das Sharing physischer Produkte jetzt zu einem relevanten Trend, weil Menschen mehr Wert auf Zugang legen als auf Besitz?

Stephan Uhrenbacher: Ich bin felsenfest überzeugt, dass das ein Trend ist, der sich in den nächsten fünf Jahren, vielleicht auch innerhalb der kommenden zehn Jahre in weiten Teilen der Bevölkerung manifestieren wird.

Und diesen Massenmarkt peilen Sie nun im TV an?

Stephan Uhrenbacher: Man muss das Thema in die Köpfe der Menschen bekommen. Eben auch bei jenen , die keinen Facebook-Account besitzen. Wir kommunizieren deshalb, dass 9flats auch für  Normalverbraucher interessant ist. Es war uns dabei auch wichtig, das Konzept zu erklären, weil es noch kaum bekannt ist.  Davon profitiert sicherlich das gesamte Segment, aber auch die Marke 9flats, weil wir die Ersten sind, die davon erzählen. 

 "Es ist kein entscheidender Treiber, total vernetzt zu sein."

Welche Rolle spielen Vernetzungsaspekte für den Erfolg von Modellen wie 9Flats?

Stephan Uhrenbacher:  Ich könnte jetzt natürlich das große Facebook-Twitter-Loblied singen. Das stimmt natürlich auch ein wenig. Aber bei Wohnungen funktioniert es viel einfacher. Ich  muss nicht für jeden Käufer einen Verkäufer finden. Die Zielgruppen müssen nicht identisch sein. Ich kann beispielsweise mit professionellen Vermietern in Spanien zusammenarbeiten und gleichzeitig mit Privatleuten und Touristen in Deutschland. Der Mieter muss also nicht jemand sein, der hipp und überall vernetzt ist. Vielmehr schließt der Kundenkreis auch durchschnittliche Familien und ältere Menschen mit ein. Ich spreche also einen Massenmarkt an. Das ist auch für die Vermieter attraktiv, weil sie Nutzer nicht in der Early-Adopter-Community akquirieren müssen. Natürlich vereinfacht es die Transaktion, wenn man Bewertungen hat, wenn man ein Facebook-Profil hat. Aber es ist kein entscheidender Treiber, total vernetzt zu sein.

Warum haben sich beim Sharing für das Thema Wohnen entschieden?

Stephan Uhrenbacher:  Dort ist das meiste Kapital gebunden. Wohnen kosten am meisten und es ist viel wert, wenn man Wohnraum untervermietet. Immer wenn Sie nicht da sind, kann die Wohnung  jemand anderes nutzen.

Sie sind ein großer Autofan. Hätte es da nicht nahelegen, sich dem Thema Carsharing zu widmen?

Stephan Uhrenbacher: Carsharing macht vielleicht für Daimler und BMW Sinn, nicht aber, wenn ich eine Peer-to-Peer-Plattform aufbauen will. Der echte Wert, den so ein geteiltes Auto bietet, liegt im Bereich einer Leasingrate. Um diesen Wert zu realisieren, muss ich einen relativ hohen Aufwand an Transaktionskosten bewältigen: Wo ist der Schlüssel, wo parkt das Auto, wenn man nicht eigene Parkplätze hat und so weiter.

Wo hätte Sharing noch eine Chance?

Stephan Uhrenbacher: Sharing könnte in nischigen Bereichen sehr gut funktionieren. Yachtvermietung, Privatflugzeuge – das ließe sich alles noch professionalisieren. Der gesamte Bereich Investitionsgüter bietet Chancen. Je teurer ein Produkt ist und je seltener es genutzt wird, desto größer ist das Potenzial für Sharing. 

"Wir tun gut daran, so langsam selber zu erfinden" 

Zeigt der Einstieg von T-Ventures bei 9flats, dass das Standing von Startups in Deutschland besser ist als ihr Ruf?

Stephan Uhrenbacher: Deutschland ist innerhalb des Internet-Segments weder Leader noch der Follower Nummer Eins. Der Abstand schrumpft aber. Wir stehen nicht so schlecht da, weil Deutschland ein sehr großer Markt ist, der eben nicht englischsprachig ist. Das verzögert den Markteintritt von US-Unternehmen und lässt deutschen Startups etwas Zeit. Allerdings ist zu beobachten, dass dieser Zeitvorteil schrumpft und US-Unternehmen schneller internationalisieren als früher. Wir tun also gut daran, so langsam selber zu erfinden. Natürlich gibt es hierzulande weniger Venture-Capital als in den USA. Aber wenn jemand richtig gut ist, hindert ihn niemand, in ein Flugzeug zu steigen und sich von woanders Kapital zu holen. Bei Qype kam das erste Geld aus Frankreich.

Gegenwärtig kann man eher das Gefühl bekommen, gerade in Berlin sei eher zuviel Geld auf dem Markt?

Stephan Uhrenbacher: Zumindest ist dort - wie immer - zuviel Hype. Da gibt es ständig viel Spreu und wenig Weizen. Es gibt natürlich auch einige große Namen und tolle Startups mit Substanz, die es dann auch schaffen, internationale Talente anzuziehen.

Statt um Geldgeber, kämpfen also nun alle um die besten Leute?

Stephan Uhrenbacher: So gut Deutschland bei der Innovation physischer Produkte ist, so schlecht waren wir in der Vergangenheit bei der Innovation von Softwareprodukten. Dazu fehlt es hierzulande tatsächlich an den Menschen und vor allem an entsprechenden Ausbildungsgängen. Ich bin zudem immer wieder erstaunt darüber, wie sehr sich die amerikanischen Startup-Biographien auf die Erfahrungen der Vergangenheit berufen können. In Deutschland wächst die Szene erst langsam nach. Wir haben hier historisch ein Defizit. Aber es wird strukturell langsam besser.