Twitter kooperiert mit American Express: Einkaufen per Hashtag
Twitter kooperiert mit American Express: Einkaufen per Hashtag
Verkaufen per Tweet: Twitter kooperiert mit American Express.

"Per Tweet", nicht etwa "via Twitter"?

Richtig. Gemeint ist der Verkauf auf der Microblogging-Plattform selbst. Alles "Neu" im Social Commerce? Nein. Solche Dienste werden bereits seit über einem Jahr über diverse Drittanbieter angeboten. Gekauft wird dabei entweder per Erwähnungs-Tweet, oder per Antwort-Nachricht inklusive eines passenden Hashtags. Jetzt steigt Twitter selbst in dieses Geschäft ein und kooperiert dabei mit American Express. Wie der Twitter Commerce funktioniert, warum er einerseits fasziniert, aber letztlich doch keine Zukunft hat. Ein Kommentar.

Was ist was im Social Commerce?

Social Commerce ist zwar mittlerweile ein gängiger, dabei aber auch ein äußerst dehnbarer Begriff, dem es mitunter an Trennschärfe fehlt. Was steckt hinter diesem Sammelbegriff für Facebook Commerce und Twitter Commerce?

Zum einen wird die Bezeichnung im Marketing-Kontext mit reinen Werbeformaten auf den Plattformen (Sponsored Posts/-Tweets, Brand Pages, etc.) und im Rahmen von Social Logins ("Frictionless" Shop-Logins über die Accounts sozialer Netzwerke) verwandt. Seitens des Handels werden jedoch auch die Möglichkeiten betrachtet, direkt über soziale Netzwerke Sales generieren zu können. Hierbei gibt es zwei verschiedene Ausprägungen: Shopbetreiber können potenzielle Kunden über die sozialen Netzwerke zum Kauf animieren und via Links in ihre Shops oder auf Landing Pages lotsen. Die andere Möglichkeit besteht darin, einen Shop auf der Plattform selbst zu betreiben. Um letztgenannte Variante handelt es sich hier.

Twitter als Marktplatz: Die kürzeste Form eines Kaufprozesses

Was sich sich im Rahmen von Facebook noch leicht nachvollziehen lässt, wirft im Umfeld des Microblogging-Dienstes jedoch Fragen auf. Wie soll das funktionieren? Bisher gar nicht, denn Shops ließen sich auf der Plattform nur schwer umsetzen. Deshalb wird mit Tweets gearbeitet: Kurz und direkt. Eine Antwort auf einen Verkaufs-Tweet mit der passenden Erwähnung oder dem passenden Hashtag schließt eine Transaktion direkt ab. Ausführliche Tests der Anbieter und Berichte zu diesem Thema hatte ich bereits hier und hier verfasst.

Die Funktionsweise in der Kurzform am Beispiel des Anbieters Chirpify: Twitternutzer registrieren sich manuell oder per Social Login bei Chirpify, vervollständigen ihr Profil bei diesem Dienst und verknüpfen dieses anschließend mit ihrem Twitter-Account und ihrem PayPal-Konto. Ab dann kann man auf entsprechende Angebots-Tweets per Erwähnung und Angabe von Geldbeträgen antworten und schließt Transaktionen damit direkt ab. Das Billing läuft automatisiert via PayPal im Hintergrund ab, ohne weitere Aktivität seitens der Käufer. Klingt kompliziert, ist es aber nicht: In 10 Minuten lässt sich dieser einmalige Anmelde- und Einrichtungsaufwand komplett umsetzen. Erlösmodell? Bei erfolgreichen Abschlüssen erhebt Chirpify als Intermediär Transaktionsgebühren.

Jetzt vermutet auch Twitter selbst hinter diesem Geschäftsmodell der Drittanbieter ein attraktive Einnahmequelle und versucht sich selbst als Vermittler zu positionieren. Dazu kooperiert man mit American Express. Nutzer des Microblogging-Dienstes können ihre Amex-Daten mit ihrem Twitter-Account verknüpfen und dann per Tweet mit einem passenden Hashtag Käufe abschließen. Wie es funktioniert, zeigt das Video.

Für Spendesammler interessant

Unabhängig von etwaigen Barrieren für den deutschen Markt (AGBs, Verbraucherschutz, etc -> Derlei Dienste sind offiziell bisher nur in den USA verfügbar), wirft dieses Modell Zweifel auf: Wie sollen hier jemals relevante Sales generiert werden?

Für meinen Chirpify-Test aus dem Februar 2012 hatte ich mich als US-Bürger bei dem Dienst angemeldet und dem Entwickler der Plattform per Tweet eine Spende zukommen lassen. Die in Echtzeit von meinem PayPal-Konto abgebucht wurde. Für Machbarkeit und Umsetzung dieses "Checkout-Prozesses" konnte ich mich begeistern. Lässt man sich darauf ein, dann erscheinen die Einsatzmöglichkeiten solcher Services zunächst enorm, denn wenn irgendeine Form von Einkauf oder Fundraising barrierefrei ist und gleichermaßen Impulshandlungen forciert, dann diese.

Retailer würden im Rauschen untergehen

Für den Handel stellt sich die Situation jedoch kritisch dar: Twitter altert und seine Nutzerschaft altert mit. Nach der "Generation Facebook" ist die "Generation Smartphone" dran und die nutzt ganz andere Dienste als Newsquellen und Kommunikationsplattformen. Obwohl sich die Microblogging-Plattform selbst ganz anders positioniert, stellt sich doch gerade heraus, dass es für den Großteil der Nutzer immer noch um "Nachrichten" geht. Und immer mehr Anwender nutzen dabei Tools und Client-seitige Filter, um sich von "überschüssigem" Nachrichtendruck und unnötigem Informationsballast zu befreien. Noise Control. Anders als Facebook entwickelt sich Twitter immer mehr zu einer "Arbeitsoberfläche": Arbeit für Politiker, Journalisten und Prominente zur Informationsbeschaffung, als Stimmungsbarometer oder um sich im Kanon seiner Social Media Aktivitäten selbst zu vermarkten.

Und in dieses Milieu alternder und Social-müdiger Twitter-Arbeiter platzt der Dienst nun mit seiner Offensive und möchte sich selbst als Intermediär und Marktplatz positionieren? Noch mehr Buzz, der noch mehr Rauschen schafft? Retailer, die sich per "Sponsored Sales Tweets" in die Timelines der Nutzer schleichen? Wer würde das wollen und in dieser Umgebung tatsächlich Shoppen gehen?

Fazit: Twitter Commerce in Form eines Marktplatzes hat keine Zukunft

Hier scheint es, als würde Twitter lediglich -getrieben von der Suche nach einer weiteren Erlösquelle- einfach nach dem nächsten Strohhalm greifen, da sich die Erlöse aus der klassischen Werbevermarktung nicht wie gewünscht entwickeln. Technik? Das technische Potenzial derlei Lösungen ist immer noch faszinierend. Aber davon sollte man sich nicht blenden lassen. Multichannel E-Commerce? Die Drittanbieter hatten nie die Mittel, um hier einen Markt zu schaffen und diese Idee voranzutreiben und Twitter selbst kommt mit seiner Offensive einfach zu spät: Eine alterndende Nutzerschaft, durch restriktive API-Policy verzockte Sympathien auf Seiten digitaler Meinungsführer und ein zunehmender Vertrauensverlust durch Hacker-Angriffe. Als Basar für News, Meinungen und Stimmungen hat Twitter eine Zukunft. Als Marktplatzbetreiber im Online-Handel jedoch nicht.