Passt nicht“ und „gefällt mir nicht“ sind die meistgenannte Gründe für den Umtausch online gekaufter Bekleidungsartikel. Schließlich weiß der Kunde in der Regel erst nach Erhalt der Ware, ob sie ihm passt und steht. In der Folge investieren E-Fashion-Shops seit Jahren hohe Summen in so genannten Virtual Dressing-Tools. Doch es hapert an der Visualisierung und am emotionalen Einkaufserlebnis per Augmented Reality. Doch das könnte sich schon bald ändern.

Im Zuge der Euphorie um 3D-Kinofilme werden 3D-Kameras immer beliebter. Sie kosten zwar noch um die 150 Euro, dürften aber mit steigender Verbreitung günstiger werden. Unbestätigen Medienberichten zufolge baut Intel ab kommenden Jahr standardmäßig 3D-Kameras in seine so genannten Ultrabooks (flache Notebooks) ein. Auch Microsoft plant angeblich, Asus-Notebooks mit Kinect-Kameras auszustatten, die sich bereits bei der Spielekonsole X-Box bewährt haben. Dann könnte der weltweit aktive Augmented Reality-Spezialist Total Immersion die neue Lösung Try Life ausrollen, die auf der 3D-Technik von Fitnect basisert. Sie ermöglicht eine virtuelle Anprobe, die deutlich realitätstreuer ist als die bestehenden Augmented Reality-Anwendungen.

Zuletzt hatte Otto auf seiner Facebook-Page die App „Virtuelle Anprobe“ gestartet. Das Angebot hat jedoch das gleiche Problem wie die Pendants bei JCP Teen, H&M, Springfield&Co: Die Proportionen von Kleidung und Kunde sind nur sehr schwer in Einklang zu bringen.

Dagegen macht bei Try Life die ausgewählte Kleidung sogar die Bewegungen des Kunden mit, sodass dieser unter anderem checken kann, wie das Kleid von hinten aussieht. Allerdings befindet sich das Tool noch in der Testphase. Das gleiche gilt für die Adaption der Software für die virtuelle Schuhanprobe. Diese funktioniert auch mit herkömmlichen Kameras, sogar mit denen in Smartphones. Try Life zeigt eine durchsichtige Version des ausgewählten Schuhwerks, sodass der Nutzer sehen kann, ob er mit seinen Füßen im Schuh aneckt. Als Referenzgröße dient ein Werbe-Flyer.

Noch genauer bei der Passform-Simulierung im Internet ist das Pilotprojekt Fits.me aus dem Hause Otto. Der Hamburger Handelskonzern hat Roboter getestet, die computergesteuert die Formen und Maße beliebiger menschlicher Oberkörper annehmen. Dazu werden den Maschinen echte Kleidungsstücke in verschiedenen Größen angezogen. Anschließend nehmen die Metall-Models verschiedene Torso-Formen an.

Diese orientieren sich an den Maßen, die der Nutzer am heimischen PC eingegben hat. Die Aufnahmen erscheinen laut Otto ohne Zeitverzögerung sofort auf dem Bildschirm. Während der Pilotphase von Ende April bis Juni 2011 ließen die Hamburger 15 Artikel in allen Größen an den sogenannten Fit Bots ablichten. Der Versandelskonzern will das Projekt auf jeden Fall fortführen. Denkbar sei etwa der Einsatz eines weiblichen Roboters mit der Typenbezeichnung Female Fit Bot.

Dieser ist bereits im Online-Shop von Hawes&Curtis zu sehen. Der britische Retailer nutzt den männlichen Pendant seit 2010. Weitere Anwender von Fits.me sind unter anderem die britischen Labels Barbour By Mail, Pretty Green, der US-amerikanische Luxus-Online-Shop und der estnische T-Shirt-Produzent Sangar. Aus Estland stammt auch die Software Fits.me, und zwar vom gleichnamigen Start-up, das nach eigenen Angaben bis zu 100.000 verschiedene Körperformen simulieren kann. „Die Technologie hat das Potenziel, ein wesentliches Kundenproblem im E-Commerce zu lösen: die fehlende Möglichkeit der Anprobe“, sagt Dr. Matthias Häsel, der bei Otto das E-Commerce Innovation Center leitet. Für Unternehmen biete Fits.me die Chance, die „Kaufwahrscheinlichkeit zu erhöhen und die Retourenquote zu verringern“.

Im Virtual Dressing Room des US-amerikanischen Online-Magazins „Brides“ aus dem Hause Conde Nast müssen dagegen keine Fashion-Dummies angezogen werden. Dort reicht es, ein eigenes Ganzkörper-Foto hochzuladen. Anschließend muss die angehende Braut, Brautsjungfer oder Brautsmutter nach Anleitung Punkte an bestimmten Stellen ihres Fotos setzen. Somit kann das Programm das ausgewählte Kleid relativ genau über die Körperkonturen legen.

Der 3D Runway Designer von OptiTex und das Programm Modaris 3D Fit von Lectra spielen sich dagegen komplett in der virtuellen Welt ab. Die Lösungen visualisieren die Passformen von Kleidungsstücken anhand von Avartaren. Allerdings wird die Software derzeit hauptsächlich im B-to-B-Geschäft genutzt. Anwender des 3D Runway Designers sind Designer großer Labels wie Hugo Boss, Tommy Hilfiger und Zorana Kozomara. Eine abgespeckte Versionen kommt im US-amerikanischen Online-Shop MyStyleRules.com zum Einsatz.

Hierzulande gibt mehrere Online-Maßschneider, die das Anfertigen indivueller Kleidung anhand der eigenen Maße anbieten. Vorneweg das Berliner Unternehmen YouTailor, das seinen Kunden einen 3D-Design-Assistenten zur Verfügung stellt. Dieser zeigt innerhalb innerhalb weniger Millisekunden, wie ausgewählte Farben, Stoffen, Knöpfe, Taschen, Kragen, Ärmel und Knopfleisten am ausgewählten Kleidungstück aussehen. Die Körperkonturen werden aber nicht simuliert.

Wem das Ausmessen des eigenen Körpers zu umständlich ist, kann schon bald die neue Software Upcload nutzen, die das gleichnamige Berliner Start-up zusammen mit zwei auf Biometrie spezialisierten isrealischen Wissenschaftlern entwickelte hat. Sie ermöglicht dem Online-Kunden, seine Körpermaße mittels einer gewöhnlichen Webcam innerhalb weniger Minuten zu ermitteln.

Danach kann er sich bei Webstores einloggen, die mit Upcload kooperieren, um seine im System hinterlegten anonymisierten Maße mit den Passformen der präsentierten Artikel abzugleichen. In der Folge bekommt er nur noch Kleidungsstücke angezeigt, die ihm passen. In Deutschland hat bislang nur YouTailor die Anwendung getestet.

Nach Angaben von Upcload haben innerhalb einer zwölfmonatigen Testphase mehr 10.000 Probanten, nicht nur YouTailor-Kunden, die Messgenauigkeit von Upcload überprüft. Hauptergebnis: „Die Abweichungen bei den Messdaten waren nicht höher als bei einem professionellen Maßschneider“, berichtet Managing Director Sebastian Schulze. Er will im März mehrere mittelständische Online-Maßschneider als neue Upcload-Kunden präsentieren. Diese testen das Angebot seit November 2011.

Ein weiterer Probelauf findet in den USA statt. Dort nehmen ausgewählte Onlinde-Kunden des Outdoor-Anbieters The North Face die mehrfach prämierte Technik in Augenschein. Der offizielle Start soll noch in diesem Jahr zusammen mit weiteren US-amerikanischen Online-Shops erfolgen, mit denen Upcload derzeit verhandelt. Zum realitätsnahen Einkaufserlebnis fehlt somit nur noch das Fühlen der Ware. Aber auch in diesem hochkomplexen Feld bahnt sich bereits eine Lösung an. Die finnische Firma Senseg hat eine Technik entwickelt, die das Tastgefühl simuliert. Dazu werden elektromagnetische Felder erzeugt, die noch mehrere Millimeter oberhalb von Touchpads zu spüren sind. Anwenderbeispiele gibt es allerdings noch nicht.

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