Drastischer Kommentar bei Amazon: Bude anstecken
Drastischer Kommentar bei Amazon: Bude anstecken

Es gibt Kunden, die kaufen Steak, 1 Euro für hundert Gramm, und fragen sich nicht, ob das Tier jemals gelebt hat. Es gibt Kunden, die kaufen beim Mode-Discounter das T-Shirt für 3,99 und fragen sich nicht, welche Kinderhände da genäht haben. Und es gibt Menschen, die bestellen bei Zalando, mit kostenlosem Versand und Retouren, und sind nach einem ZDF-Bericht plötzlich völlig perplex. Winz-Lohn von 7,01 Euro die Stunde, miese Arbeitsbedingungen, mangelnde Hygiene prangert der ZDF-Bericht  „Gnadenlos billig“ bei ZDF-Zoom an. Prompt erlebt Zalando, neben Amazon vom ZDF in Visier genommen, einen Shitstorm bei Facebook. Sogar vor Gewaltandrohungen wird nicht zurückgeschreckt. 

Schämt euch, Ausbeutung, Drecksladen - bei Facebook macht sich die Empörung Luft. Von Kaufverzicht ist vielfach die Rede.  "Man sollte denen die Bude anstecken", fordert gar ein "Amazon-Fan" bei Facebook.

Man hätte es ahnen können. Schon als Günter Wallraff die Missstände beim Paketzusteller GLS anprangerte, hätte dem letzten Kunden klar sein müssen: Der Wettbewerb um den besten Preis und noch mehr Marge im Versandhandel funktioniert auf weiten Strecken nur,  wenn an den Personalkosten gespart wird. Bis an die Grenze des Zumutbaren und auch darüber hinaus.  

Neu ist das alles schließlich nicht. Einiges davon wärmt der ZDF-Bericht nur auf. Die Gewerkschaft Ver.di schimpfte beispielsweise schon 2010 über Lohn-Dumping bei Amazon, hob 2006 den Vorwurf der Ausbeutung auf das Schild. 

Im November 2011 berichtete unter anderem die Süddeutsche Zeitung, bei Amazon würden Hartz-IV-Empfänger zu Praktikanten - und der Steuerzahler zahlte ihnen weiter Arbeitslosengeld.

Negativschlagzeilen und Boykottdrohungen verpufften. Geschadet hat es dem Umsatz bestenfalls in homöpathischen Dosen. 

Denn das ist die bigotte Seite an der schnellen Empörung. Wenn sich die erste Aufregung gelegt hat, dann zählt, von Einzelfällen abgesehen, wieder der Preis. Bei Zalando, bei Amazon und anderswo. Der Kunde ist ein vergessliches und bequemes Wesen. Erste Regel also bei Shitstorm: Kein Panik. 

Ein wenig scheint darauf auch Zalando zu setzen.  Dort schiebt das Management, man kennt das, via Facebook  und Unternehmensblog Partnerunternehmen die Schuld in die Schuhe. Nicht minder bigott heißt es: „Wir freuen uns, dass Ihr Euch mit solchen Themen auseinandersetzt und uns in die Verantwortung nehmt“ und verspricht, man werde die betroffenen Partner „stark prüfen und noch regelmäßiger kontrollieren, damit es zu keinen Missständen mehr kommen kann.“  Künftig wolle man „für die Angleichung aller Standards Sorge tragen.“ Auf deutsch: „Tschuldigung, Schwamm drüber.“ 

Auf der Zalando-Fanpage hagelt es böse Kommentare
Auf der Zalando-Fanpage hagelt es böse Kommentare

Das ist schade. Zalando könnte jetzt nach vorne preschen. Die Kritik zum Anlass nehmen, Nachhaltigkeit und Social Responsibilty zum eigenen Auftrag machen. Das brächte Sympathiepunkte bei einer Kundschaft und in einer Gesellschaft, die zunehmend auf solche Werte achtet. Auch beim Einkauf. Doch das ist ein langfristiger Trend. Vielleicht zu langfristig für die Pläne der Samwer-Brüder.  

Und es wäre vielleicht auch nicht so elegant für die Kostenstruktur. Schließlich ist da noch der Wettbewerber Amazon, der aus Sicht der Gewerkschaften immer wieder gerade einmal das Nötigste unternimmt, um die Wogen zu glätten. Gerade erst, wenige Tage vor dem ZDF-Bericht,  war wieder einmal von „menschenunwürdigen“ Zuständen in der Logistik die Rede.

Es hat ja auch immer wieder ausgereicht. Denn in spätestens zwei Wochen wird vor allem wieder über den Preis geschrien, nicht über den Lohn der Zuarbeiter in der Logistikkette.

 Der Autor hat vor dem Studium eine zeitlang als Kommissionierer in einem Großlager einer Handelskette gearbeitet. Gezahlt wurde nach Stundenlohn, erwartet damals schon ein ständig steigendes vorgegebenes und kontrolliertes Pensum.