E-Book-Piraten zwischen Mastbruch und Rumbuddel

Von Holger Ehling | 19. August 2013 |

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Wenn es um das Problem der digitalen Piraterie geht, wird Musikern und Filmleuten das öffentliche Mitleid in großer Dosierung zuteil, Verlage und Autoren werden gerne übersehen. Wenn die französische Regierung Kulturgüter aus den Freihandelsabkommen mit den USA ausschließen will (und die deutsche Regierung schon mit dem Begriff nichts anzufangen weiß), dann spricht sie vor allem über ihre hoch subventionierte Filmindustrie, die (nicht subventionierte) Buchbranche spielt auch bei ihr keine Rolle. Was damit zu tun haben mag, dass die Büchermacher überall auf der Welt wirtschaftlich keine überragende Rolle spielen. Der deutsche Buchmarkt, weltweit nach den USA die Nummer zwei, hat 2012 rund 9,5 Milliarden umgesetzt, das sind ungefähr zwei Drittel von Aldi Süd. Ein kleiner Teich, in dem sich eine handvoll große und sehr viele kleine Fische tummeln.

Ebenfalls gering dimensioniert ist das Geschäft mit elektronischen Büchern: In Deutschland haben E-Books einen Marktanteil von etwa 2 Prozent. Das Wachstum ist zwar kräftig, bis hierzulande aber US-amerikanische Verhältnisse herrschen, wo zuletzt fast schon jedes dritte Buch in elektronischer Form verkauft wurde, dürfte aber noch einige Zeit ins Land gehen.

Trotzdem haben die Piraten den E-Book-Markt als lohnendes Ziel entdeckt. Von Massenware wie Krimis, Science Fiction, Fantasy und Liebesromanen bis hin zu Sachbüchern und wissenschaftlichen Werken wird beinahe alles kopiert, was in elektronischer Form verfügbar ist. Besonders bei den Wissenschaften, wo Bücher teuer und die studentischen Budgets klein sind, ist die Zahl der illegalen Angebote und Downloads seit Anfang 2012 dramatisch gestiegen. Die Verlage wehren sich mit dem untauglichsten aller Mittel, nämlich mit hartem DRM, das, wie die Musikindustrie unter Schmerzen gelernt hat, legale Nutzer abschreckt und für Piraten keinerlei Probleme bereitet.

Spotify für E-Books

Die Geschäftsmodelle der Anbieter von Illegalem sind unterschiedlich: Gratis-Plattformen, Billig-Downloads und Abonnements – alles ist dabei, und das schon seit Jahren. Weshalb die Aufregung, die die Branchenpresse erfasst hat, als jetzt die Plattform boox.to ein Gebührenmodell ankündigte, recht amüsant ist. Bisher hatte man sich aus Spenden finanziert; angeblich stehen 36.000 E-Books zum Download bereit, jetzt reicht das Geld nicht mehr. 10 Euro für drei Monate sollen die Nutzer zukünftig bezahlen, was für 1000 Downloads ausreichen soll. In reichlich großmäuligem Piratenjargon kündigt die Plattform an: „Wir brennen die Wunschwelt der Verlage ab“. Und: man werde das neue Spotify für E-Books.

Wenn denn ein Spotify für Verlage entstehen würde, mit einer überschaubaren Flatrate für unbegrenzten Download, wäre wohl der gesamten Branche und vor allem den Lesern gedient. Zweifel sind angebracht, ob das kurzfristig funktionieren wird: An legalen Verleihportalen herrscht in Deutschland kein Mangel, allerdings leiden Skoobe, Ciando, Amazon und auch Divibib, das Angebot der Bibliotheken, darunter, dass viele Verlage sich gegen die digitale Ausleihe sperren und das Angebot dementsprechend noch wenig attraktiv ist.

Wenn jemand damit bedroht wird, dass seine „Wunschwelt“ abgefackelt wird, ist dessen mangelnder Enthusiasmus durchaus zu verstehen. Weshalb auch verständlich ist, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in der vergangenen Woche jubelte, als der Bundesgerichtshof ein deutliches Zeichen setzte und den Filehoster RapidShare dazu verdonnerte, keine illegalen Inhalte zu hosten und deren Download zuzulassen; das Unternehmen muss auch dafür sorgen dass einmal entfernte illegale Inhalte nicht auf anderen Wegen auf seinen Servern landen.

Welle der Schadenersatzansprüche?

Geklagt hatten der Sachbuchverlag Campus aus Frankfurt und der Berliner Wissenschaftsverlag De Gruyter. „Das Urteil bestätigt, dass die von RapidShare bislang getroffenen Maßnahmen gegen die Nutzung illegaler Inhalte auf der eigenen Plattform nicht ausreichend waren. Insbesondere reicht es nicht, Inhalte lediglich nach einem Hinweis der Rechteinhaber zu löschen. Vielmehr ist RapidShare verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, die auch eine Wiederholung der Rechtsverletzung verhindern“, so der Verband.

Land in Sicht also für die Verlage, Schiffbruch für die Piraten? Rollt jetzt die Welle der Schadenersatzansprüche auf RapidShare und andere Filehoster zu, derer man habhaft werden kann?

Das Urteil hört sich tatsächlich nach einem heftigen Schlag ins Kontor der Piraten an. Allerdings stellt sich der BGH in direkten Gegensatz zur Rechtsprechung des obersten Gerichtshofs in Frankreich, der im vergangen Jahr entschied, dass eine eingehende technische Überwachung der Angebote den Filehostern nicht zuzumuten sei und sich ausdrücklich auf die EU-Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr berief. In dieser Richtlinie heißt es, wie üblich wachsweich und als Spielwiese für Juristen formuliert:

„(46) Um eine Beschränkung der Verantwortlichkeit in Anspruch nehmen zu können, muß der Anbieter eines Dienstes der Informationsgesellschaft, der in der Speicherung von Information besteht, unverzüglich tätig werden, sobald ihm rechtswidrige Tätigkeiten bekannt oder bewußt werden, um die betreffende Information zu entfernen oder den Zugang zu ihr zu sperren. Im Zusammenhang mit der Entfernung oder der Sperrung des Zugangs hat er den Grundsatz der freien Meinungsäußerung und die hierzu auf einzelstaatlicher Ebene festgelegten Verfahren zu beachten. Diese Richtlinie läßt die Möglichkeit der Mitgliedstaaten unberührt, spezifische Anforderungen vorzuschreiben, die vor der Entfernung von Informationen oder der Sperrung des Zugangs unverzüglich zu erfuellen sind.“ [die orthographischen Eigenheiten des Zitats entsprechen dem Original]

Einmal abgesehen davon, dass der Hinweis auf nationale Gesetzgebung zur Behandlung transnationaler Fragestellungen gequirlter Quark ist, bedeutet diese Formulierung nichts anderes, als dass die Inhaber oder Nutzer von Urheberrechten jeden einzelnen Verstoß beim betreffenden Filehoster melden müssen.

In die reale Welt übersetzt sähe das so aus: Der freundliche Einbrecher von nebenan liefert dem Hehler des Vertrauens heiße Ware. Der Hehler fliegt auf – jetzt wird er aber nicht verknackt; er muss nur dieses eine Stück Diebesgut rausrücken und darf ansonsten fröhlich weiter seine Geschäfte machen. Falls derselbe Einbrecher dieselbe heiße Ware noch einmal klaut und sie derselbe Hehler noch einmal anbietet, gibt es wieder nichts auf die Finger. Und beim zehnten, zwanzigsten, hunderttausendsten Durchgang auch nicht. Der Bestohlene ist selbst schuld, wozu schafft er sich schließlich Sachen an, die andere Leute auch gerne hätten?

Ob die BGH-Entscheidung vor dem Europäischen Gerichtshof bestehen kann, kann füglich bezweifelt werden. Wie es weitergeht mit der Verfolgung von E-Book-Piraten ist angesichts solcher Vorschriften und sich widersprechender nationaler höchstrichterlicher Entscheidungen leicht vorherzusagen: Die Freibeuter heben grinsend die Buddel mit Rum, es bleibt in Europa beim Tohuwabohu der Urteile und Rechtsnormen. Wer Urheberrechte besitzt oder sie verwerten will, ist selbst schuld.

photo credit: Let Ideas Compete via photopin cc

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Thema: E-Commerce

Schlagworte: E-Book, Buchhandel

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