Händler gegen eBay: Warum die Empörung verständlich - aber naiv ist

Wenn ebay oder Amazon "Qualitätsoffensiven" ankündigen, kommt Händler-seitig regelmäßig Empörung auf. Jeder Relaunch und jede Neuausrichtung wird per se als "Zwangsmaßnahme" und "Gängelung" interpretiert und führt zu Drohgebärden. Die Einführung des neuen eBay stellt da keine Ausnahme dar. Im Gegenteil. Ausgehend vom Branchenblog ecommercebytes, seit jeher das führende Watchblog und "Zentralorgan der Beschwerdeführer" in eBay- und PayPal-Angelegenheiten in den USA, ist der geballte Ärger über das neue eBay nunmehr auch im Kommentarfeld von etailment angekommen: "Nicht mit uns! Ihr wollt doch nur kassieren! Wo wärt ihr denn schon ohne uns?" 

Soweit so bekannt. Also eigentlich alles nur "business as usual"? Jein. 
Warum die Empörung der Händler einerseits verständlich, andererseits aber auch naiv ist.

E-Commerce 3.0: Marken, Bequemlichkeit & Sichtbarkeit

eBay Deutschland-Chef Stephan Zoll hatte die neue Marschrichtung jüngst im Interview mit ChannelPartner vorgestellt: 

Nach dem eBay der Anfangszeit und der Ergänzung um professionelle Angebote zu Festpreisen sind wir nun auf dem Weg in den E-Commerce 3.0, in dem es vor allem darum geht, Kunden zu begeistern und ihnen inspirierende Einkaufserlebnisse zu bieten. Dabei können wir den Händlern vielfältige Unterstützung und gute Möglichkeiten bieten.


E-Commerce 3.0. Hört, hört. Die PR-Texter der Bucht kleckern nicht, sondern klotzen. Und zwar mit großen Schielaugen Richtung Amazons Marketplace: Der bietet Besuchern nämlich deutlich mehr Übersicht und "Discoverability". Durch ein nutzerbasiertes Empfehlungsystem für Waren, eine klare Linie in der Benutzerführung und einen weniger überladenen Datenbank-Charakter. Man kann es drehen und wenden wie man es möchte: Amazon lockt ein kaufkräftigeres Klientel an als eBay und vermag diese Kaufkraft zudem besser abzuschöpfen. 

Der ARPU pro Marktplatzbesuch ist entsprechend höher als beim Wettbewerber eBay, der einst als bunte Flohmarktwelt den Grundstein für den Boom im Online-Handel gelegt hatte.
Auch indem er Händler-Existenzen ermöglichte und förderte, lange bevor etablierte Katalogversender erkannt hatten, wohin sich der Versandhandel künftig entwickeln würde. 

Im heutigen E-Commerce 3.0 zählen nun aber nicht mehr eine "bunte" Sortimentsbreite- und Tiefe oder Angebots- und Händlervielfalt, sondern vielmehr Marken, "Convenience" und "Discoverability". 

Da möchte eBay mitziehen. Mit den versprochenen Vorteilen für alle Beteiligten? Wohl kaum. Denn was Stephan Zoll nicht erklärt: Was aus der Vielzahl der Händler werden soll, die vielleicht noch in den Phasen 1 und 2 der eBay-Entwicklung "feststecken". 

Will man die wirklich unterstützen? Newcomer oder Händler, die zwar einst das Wachstum und den Erfolg der Plattform überhaupt erst möglich gemacht haben, die selbst über die Jahre aber nicht in dem Maße mitgewachsen sind, als dass sie es sich heute überhaupt leisten könnten "zu begeistern", oder aber die geforderten "inspirierenden Einkaufserlebnisse" zu bieten?

Empörung über das neue eBay
Empörung über das neue eBay


Neu bei eBay: Der "(Händler)-Mohr" hat seine Schuldigkeit getan, nun darf er gehen

Ein Dilemma: Einst durch ihr Angebot und ihr Engagement für den Erfolg der Marktplätze maßgeblich mitverantwortlich, aber oftmals weiterhin ohne eigene oder aber nur mit schwachen Shops und Markenpräsenzen im Web vertreten, entsprechend den Großteil ihrer Umsätze über die großen Marktplatzbetreiber realisierend, müssen diese Händler nun zuschauen, wie sie von den Plattformbetreibern nun "undankbar" durch gezielte Gebührenerhöhungen und Qualitätsvorgaben selektiert und an den Rand gedrängt werden.
 
Statt "Artenvielfalt" wird von den Marktplatzbetreibern auf einen Schmusekurs und eine Charmeoffensive mit und zu Markenartiklern, Verbundgruppen und den großen Retailern gesetzt. Und wer zu klein ist, fällt einfach durchs Raster. Seitens des Marktplatzes scheint das auch so gewollt: Die Anliegen der Händler sind spätestens seit dem Erfolg von PayPal unter dem Konzerndach zu vernachlässigen: Die Payment-Sparte ist (gänzlich unabhängig vom Marktplatzgeschehen) ein Umsatzbringer, der binnen weniger Jahre das Handelsgeschäft überflügeln wird. Anleger goutieren das, so dass der Aktienkurs des Unternehmens innerhalb eines Jahres um 50 Prozent zulegen konnte.

Auch wenn es paradox klingt: eBay bräuchte eBay gerade nicht. Hinzu kommt, dass das Marktplatzgeschäft seit dem Einstieg in den Mobile Commerce wieder läuft. Die Apps gelten als Referenzprodukte im Mobile- und Couch Commerce. Umsatz und Gewinn stimmen also auch im Kerngeschäft. Worauf also warten, wenn es darum geht, die Handelsplattform strategisch neu aufzustellen? Und dabei auch mit Altlasten aufzuräumen...
 
eBay hat lange gebraucht, um sich aus dem Tal der Tränen Mitte der Nullerjahre zu befreien und der Zeitpunkt für eine Neuausrichtung, gar für eine Zäsur, könnte besser nicht sein. Gegen jedweden Unmut: Weg mit Ramsch und weg mit dem Malus, von Markenartiklern verschmäht zu werden. Weg mit dem Image als Resterampe und Schnäppchen-Bude.
Und weg mit den Händler-Milieus, die eben noch für dieses Image stehen, oder einfach das Tempo und die Qualitätsansprüche im neuen E-Commerce 3.0 nicht stemmen können oder wollen. Durch Daumenschrauben in Form von Gebührenordnungen oder erhöhten Qualitätsansprüchen lässt sich das einfach erreichen. Selektion durch die Hintertür.

Empörung über das neue eBay
Empörung über das neue eBay


Abschöpfung von bestimmten Händlern-Milieus

Zusammengefasst: eBay knipst gerade Händlern, die nicht in das neue Konzept passen (ein zweites Amazon zu werden), durch neue Qualitätsvorgaben und unter dem Vorwand eines erhöhten Kundennutzens (BTW: war dieses "Maximum" an Sicherheit nicht eigentlich schon längst durch den PayPal-Käuferschutz gegeben? Mhh, wohl doch nicht...) zielgerichtet auf dem eigenen Handelsplatz das Licht aus: Im E-Commerce 3.0 sind KMUs und einstige Wegbereiter des Online-Handels oft nur noch "über", oder fühlen sich zumindest so. 

Wütende Händlerkommentare unter inflationärem Einsatz von Ausrufezeichen verwundern da kaum. Da hat sich Zorn aufgestaut. 

Berücksichtigt man dabei zudem noch die Gebührenentwicklung in den vergangenen Jahren, ließe sich dem Marktplatzbetreiber gar gezieltes Skimming unterstellen. Abschöpfung bestimmter Händler-Milieus zur Marktplatzbereinigung?

Das scheint aus Sicht der Marktplatzbetreiber durchaus gewollt: Online-Handel ist ein Massengeschäft geworden und für die Marktplätze sind oft nur noch die Retailer interessant, die auch dieses Massengeschäft abbilden können. Nischenanbieter sind für eBay und Co nur noch als Indikatoren für künftige Trends relevant, nicht aber als Wachstumstreiber oder gar systemrelevante Bausteine auf dem Weg zu einem Vollsortimenter.

Denn, anders als in den Gründerjahren, ist "Vollsortiment" im Hinblick auf die "Discoverability" gar nicht mehr gewünscht: Kunden sollen gezielt zu den Shops der Kooperationspartner gelotst werden und sich nicht irgendwo im Chaos der Datenbankstruktur durch ein Gewirr an Filterfunktionen klicken müssen: Mehr Bilder, mehr bekannte Marken, mehr Orientierung, mehr Umsatz pro Seitenbesucher. Weniger "Kleinvieh". Guter Plan? Unklar. Aber wie bereits erwähnt, ist das nicht von Belang: eBay kann sich einen möglichen Irrweg gerade leisten.

Und Privatverkäufer? Werden mehr geködert und hofiert als viele Gewerbliche: Wer Gebrauchtes verkauft, ist auf der Plattform unterwegs und somit gleichzeitig Umsatzbringer als Verkäufer wie auch als ein potenzieller Käufer. Während nur eines einzigen Seitenbesuchs.
So wird ein Milieu geschaffen, in dem Privatverkäufer einen Rest an Flohmarkt-Charme auf der Plattform aufrecht erhalten und bestenfalls ihre Erlöse gleich wieder bei den gewerblichen Anbietern ausgeben. 

Empörung über das neue eBay
Empörung über das neue eBay


Naivität der Marktplatzhändler: Der Irrglaube als Händler per se "wichtig" zu sein

Gezielte Inkaufnahme von frustrierten Händlern? Abschöpfung von bestimmten Händler-Milieus? Um diese loszuwerden? Kanalisierung von Besucherströmen nur zu bestimmten Markenartiklern und Partnern? Starker Tobak. Steil. Kann sowas eigentlich im Interesse eines Marktplatzes sein? Und lassen sich derlei Behauptungen überhaupt belegen? Nein, letztlich nicht ohne internes Zahlenwerk vorliegen zu haben.

Ein Vorwurf, dass eBay "nicht weiß, wer seine Kunden sind", oder eine Klage, "wie so ein Konzern überhaupt solche Fehler machen kann", zeigt, wie naiv hier manche Händler offensichtlich sind. Kundenmilieus zu identifizieren und entsprechende Cluster zu bilden, ist heute allgemein eine Selbstverständlichkeit. Und dabei schlechte Performer "auslisten" zu wollen, ist auch gängig. Selbst der umgekehrte Fall, Großkunden zu kündigen (selten schlau, aber hat es alles schon gegeben), falls im Rahmen eines Strategiewechsels plötzlich viellieicht bestimmte KPIs eine neue Gewichtung erfahren, sollte niemanden überraschen. 

Insofern schwingt in der Empörung der Händler auch immer ein bisschen deren Trugschluss mit, als Händler auf einer Plattform selbstredend eine wichtige Funktion inne zu haben, derer sich ein Marktplatzbetreiber offensichtlich nicht hinreichend bewusst sei...

Von Außen scheinen derlei Kommentare einer Art rührendem "Powerseller-Selbstverständnis der frühen ebay-Jahre" entsprungen zu sein. Als man noch eine große Familie und später Gemeinde war. In der jeder zählte.

Das kann heute durchaus gefährlich sein kann. Und das nicht erst seit dem neuen eBay. Händler, die immer mehr das Gefühl haben, von strategischen Launen eines Markplatzes abhängig zu sein, sollten sich nicht derart aufregen, sondern entsprechend handeln: Wer eh "inspirierende Einkaufserlebnisse" für den E-Commerce 3.0 schaffen soll, kann das auch über den eigenen Shop versuchen.

Bildnachweis: Alle Kommentare bei etailment.de

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Thema: E-Commerce

Schlagworte: Ebay

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Thorsten
    Erstellt 8. Oktober 2013 14:44 | Permanent-Link

    Danke für die Belehrung! Saturn und C+C verkaufen Ihre B-Ware auf Ebay - wenn das mal kein Ramsch ist!
    Wir sind mit unseren Bildern, der Beschreibung und Darstellung sehr gut aufgestellt. Leider hat Herr Werner hier Kommentare angeführt die nichts mit seinem Beitrag zu tun haben. Der Wegfall von Provisionsrabatten oder das Einpreisen der Versandkosten und damit einher gehenden Provisionsmehrerlös für Ebay hat doch nicht zur folge das Händler verdrängt werden. Die Verkaufspreise werden angepasst! Der Kunde zahlt´s. Wenn das E-Commerce 3.0 ist - na von mir aus.

  2. Richard
    Erstellt 8. Oktober 2013 17:03 | Permanent-Link

    Ebay wird NIEMALS zu Amazon aufschließen. Und zwar weil man, meiner Erfahrung nach, Ebay nicht trauen kann. Als Käufer nicht (alleinegelassen nach dem Kauf einer Fälschung von einem Händler dessen schlechten Ruf Ebay seit langem unbestritten kannte) und als Verkäufer (Alleingelassen nach Erpressungsversuch durch Bande mit Hilfe falscher, negativer Bewertungen) auch nicht. Und Paypal? Hat sich mal jemand deren AGB (Käufer UND Verkäufer) durchgelesen? Meiner Meinung nach ist dagegen die kalabrische Mafia noch fairer.

  3. Monika
    Erstellt 11. Oktober 2013 14:27 | Permanent-Link
    Brave New Shopping World

    Gehen wir vom Einkaufserlebnis der Kunden aus, so wird das eBay wie es geplant ist, wohl ein ziemlich langweiliges und beliebiges Einkaufsportal. Das was bei eBay forciert wird gibt es überall. Nur noch langweiliger Einheitsbrei der über Masse verkauft wird.

    Wie hier andernorts schon festgestellt, soll sich eCommerce doch emotionalisieren. Wie bitte soll das denn mit dem Konzept von eBay funktioniern?

    Öde Einheitsware die von einzelnen Verkäufern abverkauft wird. Ramschladen der Markenartikler oder Abzockplattform für Chinaanbieter? Nein danke, darauf hab ich als Kunde keine Lust.

    Bei eBay gibt es nichts 'Besonderes' mehr zu entdecken, weil man es nicht mehr findet. Die Sortierung 'beliebteste' bringt nur die Ergebnisse für anspruchslose Kaufsüchtige. Die Verkäufer der 'Edelsteine' werden wieder verschwinden. Wenn jemand klug ist, dann wir er eine Dreibein-, evtl. Vierbein-Strategie fahren.
    Rakuten - eBay - eigener OnlineShop und Ladengeschäft.
    In dieser Kombination kann man dann die Vorteile ausspielen, die ein richter Händler noch hat. Kompetenz, Freundlichkeit und Ortsnähe.

    Es ist ein Trugschluss zu denken, das BigSeller da noch etwas zu bieten haben. Stellen sie da bloss keine Frage; haben sie da keine Reklamation. Sie bekommen NULL Antwort und ebenfalls keinerlei Information über den Stand der Dinge. (Meine eigene Erfahrung als Käufer bei mehr als 400 Käufen in den letzten 60 Tagen)

    Im übrigen, meide ich als Käufer konsequent ALLE Angebote mit eBay-Garantie (+ kostenlos&schnell) weil ich da nur abgezockt werde und das nicht unterstützen kann.
    Schon auf das 'kostenlos' hab ich verzichtet und wenn ich mal kaufen musste, so habe ich genau 1 Teil gekauft. Niemals hab ich mich im Anbietershop nach einem zweiten Stück umgesehen, weil ich weiss dass Portokosten dann doppelt berechnet sind.

    Vermutlich wird eBay allerdings mit der Strategie durchkommen. Die OECD Testergebnisse zeigen ja wie es um die Intelligenz der Deutschen bestellt ist: Leider nicht allzu weit.




  4. Bruno
    Erstellt 11. Oktober 2013 14:33 | Permanent-Link

    Bei der Entwicklung freut sich Rakuten auf die Händler die von Ebay fliehen

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