Logistik: Geofencing - Kostengünstige Transportplanung für den Same Day Delivery?

Von Karsten Werner Karsten Werner | 26. April 2013 |

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Zeitfensterzustellung und Same Day Delivery sind momentan populäre Schlagwörter, wenn es darum geht, das Supply Chain Event Management für die "letzen Meile" des Distanzhandels fit zu machen. Trotz diverser Pilotprojekte und regionaler Lösungen, stellt sich für die Branche immer noch die Kostenfrage: „Wie kann sich das rechnen?“. Etailment wirft einen Blick auf die zur Zeit vielversprechendste - da kostengünstige Technik, dank derer Logistikabläufe für die forcierte "Instant Gratification" im E-Commerce fit gemacht werden könnten: Geofencing.

Digitale Kartengebiete kombiniert mit Planvorgaben: Vereinfachte Tourenplanung – und flexiblere Ad hoc-Disposition

Geofencing? Noch vor wenigen Jahren ein Kostentreiber, kommt die Telematik-Technik heute in jedem Smartphone zum Einsatz: Hierbei werden digitale Kartengebiete abgesteckt und anschließend via -mit Lokalisationstechnik (GPS) ausgestatteter Einheiten, Ein-und Austritte in diese Kartengebiete erfasst und in Form von Statusmeldungen kommuniziert.

Was Privatanwender bereits dank bestimmter Apps (zum Beispiel durch Foursquare oder das Freunde-Tracking unter iOS) kennen, entwickelt sich auch immer stärker zu einer treibenden Kraft in der Transport-Logistik: In Kombination mit bestimmten Planvorgaben, lassen sich Abhol-Prozesse einfacher steuern, Abweichungen schneller erkennen und dementsprechend verkürzen sich auch die notwendigen Reaktionszeiten für die Disposition von Ad hoc-Abholungen, bei einer gleichzeitigen Steigerung des Automatisierungsgrades: Musste bis vor wenigen Jahren noch eine direkte, klärende Kommunikation zwischen Fahrer und Disponent erfolgen, und mussten und "Picks" bei etwaigen Hindernissen und Planabweichungen manuell von einem Tourenfahrzeug auf ein anderes gebucht werden, lassen sich solche Prozesse innerhalb bestimmter Szenarien heute fast vollständig automatisiert abbilden.

Größere Flexibilität innerhalb von Nahverkehrs-Systemen

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Zwar ist die automatisierte Vergabe von Abholungen innerhalb bestimmter Tourengebiete seit Jahren etabliert, erreicht jedoch erst durch die Verknüpfung von Geoinformationen, den Möglichkeiten von Objektlokalisierung sowie der flächendeckenden Verbreitung mobiler Echtzeit-Datenübertragung eine neue Qualitätsstufe: Wurde früher lediglich ein „Pick“ auf ein anderes Fahrzeug innerhalb eines bestimmten Tourengebietes gebucht, ermöglicht Geofencing die Verknüpfung von Transportkapazitäten zwischen verschiedenen Tourengebieten und bricht damit die Statik innerhalb von Systemverkehr-Infrastrukturen im Nahverkehr an einer entscheidenden Stelle auf: Nicht nur die manuelle (nach Absprache DisponentFahrern) sondern auch die Algorithmen-basierte Zuordnung und Vergabe von Ad hoc-Abholaufträgen kann "grenzübergreifend" zwischen verschiedenen, vormals statischer, "am Kartentisch" erdachter Tourengebiete, erfolgen. Die tatsächliche räumliche (oder zeitliche) Nähe -unter Berücksichtigung weiterer Planvorgaben- eines Abholfahrzeugs zu einer möglichen Abholstelle, wird somit gegenüber "dem Kartentisch" in den Vordergrund gerückt.

Das Video in einem -sehr vereinfachenden- "Erklärbär"-Format zeigt, wie das entsprechende Flottenmanagement funktioniert. Wobei die Technik faktisch schon einen Schritt weiter als mancher Anwender zu sein scheint: Den Disponenten im dargestellten Fall bräuchte es nicht mehr, die Planänderung -in diesem Fall "Neue Lieferadresse"- könnte dem Fahrer durch einen Abgleich mit den Sendungsdaten automatisch übermittelt werden. Sobald er eine bestimmte "Fence" überquert. Der Sprung über die "Fence", also der Wechsel von einem Planquadrat zum anderen, könnte hier als Auslöser für eine Routine zur Datenbankabfrage "Sendungsdatenabgleich" dienen, nebst anschließender Benachrichtigungsfunktion: Automatisierte Ad hoc-Disposition in Echtzeit.



Geofencing ist technische Grundlage und Markttreiber für neue Varianten der Terminzustellung im E-Commerce 

Geofencing stellt somit eine Grundlage dar, um bestehende Infrastruktur innerhalb der Systemverkehre seitens der Transportdienstleister flexibler nutzen zu können und hilft dadurch Markteintrittsbarrieren zu überwinden, was wiederum die Voraussetzung für eine Zeitfensterzustellung und den Same Day Delivery in der Fläche darstellt. Als kostengünstige Möglichkeit für eine weitgehend automatisierten Prozesssteuerung, ist diese Technik die treibende Kraft, um diese noch junge Variante von Termingeschäften für - bisher überwiegend statisch operierende, also an feste Touren und "Rundläufe" gebundene- Dienstleister überhaupt erst attraktiv zu machen: Ein Katalysator für die Entwicklung eines mehrseitigen Marktes (Handel->Transport-DL->Kunden->Handel->...). Dank technischer Innovationen in der Telematik, die sich vor 10 Jahren lediglich Größen wie der KEP-Branchenprimus UPS hätte leisten können, die aber heute für jedermann erschwinglich geworden ist. Vom weltweit operierenden Integrator, über den mittelständischen Spediteur, bis hin zum einzelnen Frachtführer, der via Smartphone, App und passender API zu einem Teil der Prozesskette einer neuen und flexibleren Form der Nahverkehrsdisposition werden kann.

Erst die Einbindung bereits bestehender Systemverkehrs-Infrastruktur in die Lieferketten kann kosteneffizente Tageszustellung im E-Commerce-Massengeschäft möglich machen

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Erst jedoch die Einbindung von bereits bestehenden (und durch die Möglichkeiten des Geofencing vorab flexibilisierten oder gar neu modellierten) Ressourcen in den Systemverkehren der großen Transportdienstleister, kann die Tageszustellung zu einem echten Game Changer für den elektronischen Distanzhandel werden lassen: Die Netzwerke von UPS, DHL, TNT, Hermes und Co reichen bis in ländliche Regionen hinein, in denen zeitsensible Haus-Haus-Verkehre -über die Vernetzung lokaler Kurierdienste, wie in Ballungsräumen üblich- bis dato nicht rentabel abzubilden sind.

Kommentar und Fazit

Same Day Delivery ist zur Zeit nur in Ballungsräumen verfügbar, und auch dort vorerst noch Luxus. "Standard" kann diese Express-Variante jedoch nur werden, wenn zum einen die Kosten gesenkt werden können und zum anderen auch die "die Fläche" abgedeckt werden kann. Beide Ziele lassen sich nur erreichen, wenn die Netze der großen Transportdienstleister mit eingebunden werden. Geofencing kann dabei helfen, diese dahingend zu öffnen und flexibler zu machen. Gelingt dies nicht, wird die Tageszustellung mangels entsprechender Kostendegression und nötiger Reichweiten zwar als Nische im Luxussegment bestehen können, im Massengeschäft jedoch weiterhin lediglich seine derzeitige Funktion als "Tempo-Benchmark" im Marketing-Mix der großen Retailer behalten.


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