Studienvergleich: Warum E-Commerce-Umsätze nicht gleich E-Commerce-Umsätze sind

Wo steht „Der E-Commerce“ gerade in Deutschland?

Welchen Umsatz machte „Die Branche“ eigentlich im Jahr 2012? Waren es 27,6 Milliarden Euro (bvh), 29,5 Milliarden mit einer Prognose für 2013 von 33,1 Milliarden (HDE), oder sind es in 2012 schon 33 Milliarden gewesen (IFH)? Oder sind es gar jetzt schon 50 Milliarden („E-Commerce Europe“)? Oder wird diese Marke erst erst „im kommenden Jahr“ geknackt werden (Jochen Krisch, auf Basis von Zahlen des bvh)? Und jetzt? Wir haben nachgeschaut...

Daten = Daten?

Krisch Graf
Was stimmt denn nun? Das kann man sich aussuchen, denn jeder Branchenverband und jeder Marktforscher behauptet etwas anderes. Laut Jochen Krisch liefert hierbei der bvh die zuverlässigsten Daten, wenn es um den Online-Handel geht, und laut Joachim Graf ist das Problem „Abweichungen“ ein alter Hut: Alle Studienanbieter, die mit Daten des statistischen Bundesamtes arbeiten, rechnen die Online-Umsätze per se kleiner, da dieses nur die Daten der Handels-Unternehmen berücksichtigt, deren Umsatzanteile im Online-Geschäft mehr als 50% ihrer jeweiligen Gesamtumsätze ausmachen. Stimmt das?


E-Commerce = Online-Versandhandel = Interaktiver Handel?


Vielleicht gibt es aber auch ganz andere Gründe: Mangelnde Trennschärfe im Umgang mit dem Begriff „E-Commerce“ innerhalb der Fachwelt ist definitiv einer davon: Waren? Dienstleistungen? Physische Güter? Digitale Güter? 
Fasst man die Bereitstellung digitaler Güter eigentlich als Dienstleistung auf, oder verortet man sie unter „Waren“? Vielleicht interpretiert es der eine so und der nächste Anbieter anders? 

Ganz schnell wird auch mal in der Presse einfach „E-Commerce“ mit “Online-Versandhandel“ gleichgesetzt, in dem zwar die Zahlen für den Online-Versandhandel angeführt werden, der Dienstleistungsbereich (der bvh trennt hier und fasst beides unter "Interaktiver Handel" zusammen) vernachlässigt wird, aber dennoch von „E-Commerce-Wachstum“ die Rede ist. Auch wenn sich die Bezüge im Regelfall jeweils aus dem Kontext ergeben: Letztlich bleiben doch nur die Zahlen und die Schlüsselwörter hängen, so dass im verlinkten Beispiel im Nachhinein die Gleichung „Umsätze E-Commerce in Deutschland=27,6 Milliarden Euro“ stehen bleibt. Irreführend. 

So weit, so (un)klar. Was kann man da machen? Am besten den Humor nicht verlieren.

Deshalb fassen wir noch einmal die passenden Studien und Grafiken für das Jahr 2012 in einer Übersicht zusammen. Je nach Neigung, Intention und persönlicher Interpretation des „E-Commerce"-Begriffs kann so jeder das für sich passende Ergebnis rauspicken:
Der stationäre Händler kann sich nach Bedarf seine Situation „schön präsentieren“ und Pure Player sich ihre eigene Stadt in den Wolken als Flipchart auflegen. Jeder so, wie er mag.

„E-Commerce-Umsatz 2012 in Deutschland“-Studien im Vergleich


BVH (PDF)

Könnte sein, dass Jochen Krisch Recht hat: Sauber getrennt nach Waren (und Warengruppen) und Dienstleistungen (zusammen “Interaktiver Handel“) stellt sich hier für den Online-Versandhandel das Zahlenwerk auf den ersten Blick sauber dar. 27, 6 Milliarden Euro allein hier für den Online-Versandhandel stehen hier auf dem Deckel. Andere Umsätze (z.B. aus Katalogversand) werden separat ausgewiesen.

Umsatz: Online-Versandhandel 2012 bvh




IFH
(Link)

Zeitreise, Zufall oder Tippfehler? Die „gleichen“ 27,6 Milliarden Euro, die der bvh für den Internethandel 2012 veranschlagt, stehen beim IFH schon für 2011 auf dem Zettel und man geht für 2012 von bereits 33 Milliarden Euro Umsatz in Deutschland aus. Jeweils unter dem Sammelbegriff (?) „Internethandel“.

IFH


HDE (PDF) 

Beim HDE veranschlagt man 29,5 Milliarden Euro für das Jahr 2012 in Deutschland und prognostiziert 33,1 Milliarden Euro für das Jahr 2013. Die Nähe zu den 33 Milliarden Euro, die das IFH schon für 2012 erfasste, erscheint mir fast schon verdächtig. Schon wieder eine Zeitreise? Quelle für den HDE sind „eigene Prognosen“ und der E-Commerce-Begriff wird hier nicht weiter definiert.     

E-Commerce Umsatz in Deutschland prognostiziert bis 2013 

E-Commerce Europe (Infografik als PDF)

Unklar. Hintergründe zur Studie des Europäischen E-Commerce Verbandes gibt es nicht kostenfrei. Da in der Grafik jedoch von „E-Commerce-Nationen“ ausgegangen wird, und auch Daten zum Online-Reisemarkt mit abgebildet wurden, gehe ich davon aus, dass „E-Commerce“ hier wieder weitläufiger erfasst wurde, also zumindest die Umsätze aus (physischem) Waren- und dem Dienstleistungsgeschäft aggregiert wurden. Insofern wäre zum Beispiel diese Rückschau für den deutschen Markt des Jahres 2012 
nicht vergleichbar mit den 27,6 Milliarden Euro, die der bvh für den gleichen Zeitraum erfasst hatte, da deren Zahlenwerk sich nur auf den Online-Versandhandel bezieht.
 
Umsatz E-Commerce Deutschland

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Thema: E-Commerce

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Erstellt 24. Mai 2013 13:14 | Permanent-Link

    Ich nutze daher in Vorträgen schlicht seit langem nur noch diese Kurve/Statistik, um die Entwicklung zu versinnbildlichen. Das passt schon. Auch wenn Wikipedia meint, das wäre die Bevölkerungsentwicklung in Bangladesh.
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bangladesh-demography.png

  2. Erstellt 24. Mai 2013 13:55 | Permanent-Link
    Zahlen müssen interpretiert werden

    Ein weiteres Verwirrspiel ist, dass bei den einen die Retouren eingerechnet werden, bei den anderen sind sie schon draussen. Der Vergleich einer Konsumentenstudie mit einer Handelsstudie, die nur die Großen erfasst ist ebenfalls schwierig.

    Bei Händlerstudien wird ganz oft der Longtail vergessen, Konsumenten erinnern sich bei Nachbefragungen oft nicht, ob sie online gekauft haben - und wenn ja, wo. Mit dem Daumenwert "40 Milliarden" liegt man im B2C-Markt meiner Einschätzung relativ richtig, wobei man sich hüten sollte, allzuviele kleinteilige Analysen mit möglichen Wachstumsraten etc. anzustellen. Für strategische Geschäftsentwicklungsplanung sind qualitative Analysen ohnehin ertragreicher....

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