Hess Natur: Neuer Ärger im Biowolle-Paradies

Von Bert Rösch | 23. August 2012 |

Wir sind die Konsumenten von hessnatur
Der Öko-Modeversender Hess Natur legt seit seiner Gründung im Jahr 1976 sehr viel Wert auf unbelastete und nachhaltig produzierte Stoffe. Trotzdem ist die Atmosphäre beim Butzbacher Unternehmen seit Monaten vergiftet. Und nachhaltig ist vor allem der Ärger, den sich der neue Eigner Capvis kontinuierlich bei Mitarbeitern und Kunden zuzieht.

Bis zur erste Augustwoche sah es noch so aus, als hätte sich die Aufregung um den Einstieg des Schweizer Finanzinvestors etwas gelegt.Doch nun sind die alten Ängste wieder da.

 Mindestens die Hälfte der Mitarbeiter war offenbar gewillt, Capvis eine Chance zu geben. Schließlich war es längst noch nicht bewiesen, dass der Investor wie eine klassische Heuschrecke agiert. Unter anderem, weil das Management seit der Übernahme im Juni immer wieder betont hatte, dass es an der Strategie und der aktuellen Führungsspitze festhalten werde. „Mit großem Respekt vor der geschaffenen und gelebten Vision des Gründers Heinz Hess möchten wir gemeinsam mit den Führungskräften und Mitarbeitern das Unternehmen in seiner spezifischen Identität mit seinen Werten bewahren und perspektivisch mit Augenmaß entwickeln“, sagte etwa Capvis-Partner Daniel Flaig im Juni.

wolf_lüdge

Doch nun sind die alten Ängste wieder da, und die Kritiker fühlen sich in ihren Prognosen bestätigt. Grund ist die überraschende Abberufung des langjährigen Hess Natur-Geschäftsführeres Wolf Lüdge, der bei der Belegschaft große Wertschätzung genoss.

„Unter seiner Führung hat das Haus seine Marktführerschaft im deutschsprachigen Raum ausgebaut und ökologische und soziale Projekte angestoßen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Betriebsrats, der Hess Natur selbst über die Genossenschaft hnGeno kaufen wollte und somit im Streit um Capvis nicht ganz objektiv urteilen kann. Als Verdienste führt das Gremium unter anderem das Anbauprojekt für Biobaumwolle in Burkina Faso an, zudem den Beitritt zur holländischen Fair Wear Foundation zur Sicherung der Sozialdstandards. Ferner habe der Lüdge Hess Natur zur nachhaltigen Modemarke entwickelt, indem er viele namhafte Designer verpflichtete.

Diese Strategie schlug sich nicht nur in Designpreise wie den Humanity in Fashion
Award, sondern auch in den Geschäftszahlen nieder. 2011 erwirtschaftete das Versandhaus
einen Gewinn in Höhe von 5 Mill. Euro, bei einem Umsatz von 73 Mill. Euro. Das entspricht einer Marge von über 7%. Darüber hinaus lobt der Betriebsrat die gute Zusammenarbeit mit dem 44-Jährigen, der das Talent besessen habe, die Mitarbeiter immer wieder zu motivieren und „den Sinn für nachhaltiges Wirtschaften begreifbar zu machen“.

Den Grund für die Entlassung des seit 2001 tätigen Geschäftsführers bleibt Capvis bis dato schuldig. Den Mitarbeitern wurde lediglich schriftlich mitgeteilt, dass „keine gemeinsame Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und gemeinsame Weiterentwicklung des Unternehmens gefunden werden konnte“.

Beginnende Entmenschlichung?

Im Internet brach daraufhin ein Shitstorm los, insbesondere im Blog und auf der Facebook-Seite von Hess Natur sowie auf der Website des Instituts für Dreigliederung (Dreigliederung.de) und auf der Protest-Site Wir-sind-die-Konsumenten.de, auf der bereits vor dem Einstieg von Capvis Stimmung gegen den Finanzinvestor gemacht wurde. Die Kundin Corinna Czaplinski wertet Lüdges Entlassung als „ein Anzeichen für die beginnende Entmenschlichung von Hess Natur durch den neuen Besitzer“.

 Die meisten Kommentatoren bezweifeln, das Capvis die Philosophie von Hess Natur weiterführt und stattdessen Produktions-, Sozial- und Qualitätsstandards senkt, um möglichst viel Gewinn zu erzielen. Schließlich hat Capvis seinen Investoren versprochen, ihre Einlagen innerhalb von zehn Jahren zu verdoppeln.

marc_sommer
Marc Sommer

Heftig kritisiert wird auch die Berufung von Beiratschef Marc Sommer zum kommissarischen Geschäftsführer von Hess Natur. Nicht nur, weil Capvis lange Zeit behauptet hatte, dass der ehemalige Chef von Arcandors Versandhandelssparte (u.a. Quelle und Hess Natur) nicht ins operative Geschäft eingreift. Sondern auch, weil viele Kunden und Mitarbeiter ein Problem mit der Person Marc Sommer haben. Sie werfen dem Manager vor, bei Arcandor für mäßige Leistung überzogene Bonuszahlungen kassiert zu haben. Beim Essener Landgericht ist noch ein Verfahren anhängig, in dem Arcandor-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg fast 24 Mill. Euro von sechs ehemaligen Vorständen zurückfordert.

Branchenexperten halten dem 50-jährigen Sommer aber zugute, dass er erst zu Arcandor gerufen wurde, als die Pleite des Gesamtunternehmens und des Universalversenders Quelle
nicht mehr abzuwenden war. Immerhin reduzierte sich unter seiner Ägide der Verlust
der Versandhandelssparte von 316 auf 8 Mill. Euro. Und bei seinen vorherigen Jobs bei Bertelsmann gelangen ihm mehrere Turn-arounds hochdefizitärer Unternehmen. Bei den Banken genoss der ausgebildete Dirigent und studierte Betriebswirt so viel Ansehen, dass sie ihn nach der Insolvenz von Arcandor ausdrücklich darum baten, das Unternehmen bis zur Auflösung als alleiniger Vorstand zu führen.

Ebenso schießen die Kritiker über das Ziel hinaus, wenn sie behaupten, dass der Investor Capvis ins Rüstungsgeschäft verstrickt sei. Als Beleg führen sie die Tatsache an, dass das US-Unternehmen HarvourVest einer der größten Geldgeber von Capvis ist. HarbourVest wurde von einem ehemaligen Geheimdienst-Offizier der US-Armee gegründet und ist unter anderem am Flugzeugmotorenhersteller Avio beteiligt, der die italienische Armee zu seinen Kunden zählt. Zudem verwaltet HarbourVest rund 87 Mill. Dollar des australischen Verteidigungsministeriums. Bei einem Volumen von insgesamt 18 Mrd. US-Dollar aber ein eher unbedeutender Geldgeber.

Verfehlte Kommunikationspolitik  rächt sich

Sehr viel berechtigter ist dagegen die Befürchtung, Capvis könne an den Sozialstandards von Hess Natur drehen. Schließlich hatte Capvis beim Investment WMF Medien- und Gewerkschaftsberichten zufolge die Löhne gesenkt und die Produktion nach China verlagert.

Bei diesem Punkt rächt sich nun die verfehlte Kommunikationspolitik von Capvis. Wer schon in Bezug auf die Funktion von Marc Sommer und die Zusammenarbeit mit dem bestehenden Management wortbrüchig wird, der – so das Credo der Kritiker – hält vermutlich auch nicht sein Versprechen hinsichtlich der Produktions- und Sozialstandards. Anstatt nun offen auf die Kunden und Mitarbeiter zuzugehen, steckt Capvis den Kopf in den Sand und lehnt weiterhin jede Stellungnahme ab. Und das, obwohl die Kundschaft von Hess Natur sehr sensibel ist. „Ich kenne kein Handelsunternehmen, mit dem sich die Kunden so verbunden fühlen und sich mit den Werten so auseinandersetzen und identifizieren“, schreibt der Kunde Holger im Unternehmens-Blog.

„Mehr Offenheit würde Capvis an dieser Stelle gut tun“, sagte der Kommunikationsberater und Reputation-Manager Klaus Eck. Seiner Ansicht nach sind die bloggenden Kunden Markenbotschafter. „Und die sollte man gewinnen, indem man respektvoll mit ihnen umgeht und sie zur Kenntnis nimmt.“

Denkbar sei etwa ein Blog-Interview mit Marc Sommer über seine Strategie für Hess Natur. „Man kann natürlich zurückhaltend kommunizieren, aber man muss überhaupt kommunizieren, sonst entstehen Verschwörungstheorien“, sagt der PR-Experte. Als Gegenbeispiel führt er den Schlecker-Blog an, der ehrlich über die Insolvenz der Drogeriekette berichtet und somit Schlimmeres verhindert habe.

Bei Hess Natur haben dagegen die Proteste und die Vogel-Strauß-Politik von Capvis dazu geführt, dass der Gewinn 2012 voraussichtlich um 45% und der Umsatz um 20% sinkt. Das wurde den Mitarbeitern kürzlich auf einer Versammlung mitgeteilt. Weitere Informationen sollen bald folgen. „Wir werden gegenüber den Mitarbeitern verstärkt in die Kommunikation gehen“, kündigte Sommer an. Auch Capvis will offensichtlich sein Schweigen brechen. Die Schweizer werden am heutigen Donnerstag in Butzbach erwartet.


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Thema: E-Commerce

Schlagworte: Hess Natur, Capvis

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