Pinterest: Der Katalog der Wunschträume

Von Olaf Kolbrück Olaf Kolbrück | 5. März 2012 |

Pinterest Logo

Ungefähr einmal am Tag werde ich gebeten, doch einmal zu erklären, was Pinterest denn nun genau ist. Weil das mit wenigen Worten nicht zu erledigen ist, habe ich einmal einen längeren Grundsatzartikel zu Pinterest formuliert.

Zum Ausdrucken und Herumreichen für jene, die selbst nach Worten suchen, und für jene, die es nicht selbst ausprobieren wollen.  Denn mit den Worten "Es ist eine digitale Bilder-Pinnwand" ist das visuelle Social Network, dass das Zeug zum Massenphänomen hat, nur unzureichend beschrieben.

Die Funktionsweise ist simpel: Stellen Sie sich eine alte Kork-Pinnwand vor, auf der Sie Bilder anpinnen, die Sie interessant finden, während Sie durchs Web surfen: Modefotos aus Webshops wie Zalando, schicke Häuser von einer Immobilien-Seite, Designprodukte aus Blogs, Autos aus Magazinen, Frisuren aus Styling-Portalen, Rezeptfotos oder schlicht Dinge, die Sie schön oder spannend finden.

Diese Pinnwände (Boards), die Sie zu verschiedenen Themen anlegen können, sind öffentlich sichtbar. Sie selbst können anderen Nutzern oder schlicht anderen interessanten Boards folgen,% deren Bilder wieder pinnen, also weiter verbreiten, „Pins liken“ oder kommentieren. Facebook-Nutzer dürfen ihre Pins auch gleich ihren Freunden in diesem Netzwerk mitteilen.

Pinterest wird damit zu einem großen bunten Bilderbuch, vollgepackt mit schönen Dingen, ohne dass die Teilnehmer dabei viel von ihrem Leben preisgeben müssen. Das elektrisiert Nutzer, Marken und sogar Medienunternehmen.

Nordstrom Pinterest

Die nackten Zahlen: Seit März 2010 online, kletterte die Zahl der Besucher in den USA laut Comscore auf fast 12 Millionen im Januar, die sich im Schnitt bis zu 100 Minuten monatlich durch die Collage-artigen Bilderwelten anderer Nutzer klicken. Pinterest habe die 10-Millionen-Nutzer-Marke schneller überschritten als jede andere Website in der Geschichte des Internets, jubelt der US-Tech-Blog „Techcrunch“. Das liegt zum einen daran, dass die einfache und aufgeräumte Optik intuitiv klarmacht, worum es bei der Mischung aus Katalog und Lifestyle-Magazin geht: Es ist eine Art Empfehlungsnetzwerk für Produkte, das sich an Menschen mit gleichgelagerten Interessen richtet. Ein Guckkasten zum Wünschen und Träumen, in dem Frauen Hochzeiten planen, Kleider umschwärmen, die sie gerne tragen würden und ihre Wohnung in Gedanken einrichten.

Für den E-Commerce ist das mehr als reizvoll. Sind doch die Produktfotos, die Deko-Ideen und Fashion-Lösungen, die die Nutzer bei Pinterest teilen, mit einem Link zur Originalquelle, vielfach einem Webshop, versehen. Das Pinboard wird so zum Traffic-Bringer. Das funktioniert:  Schon jetzt schaufeln Empfehlungen durch Pinterest mehr Datenverkehr auf entsprechende Websites als Linkedin, Google+ und Youtube zusammen.

Modeketten wie Nordstrom, der US-Händler Home & Garden, der Reiseanbieter Travelchannel und sogar General Electric nutzen denn auch Pinterest.com bereits mit eigenen Boards zu unterschiedlichen Themen, um Kunden zu inspirieren und die Weiterverbreitung via Netzwerk zu erleichtern. Die verlinkten Bilder führen dann mit wenigen Klicks auf entsprechende eigene Angebote. Der Modeversender Land’s End hat sogar bereits eine Kampagne unter dem Motto „Pin it to Win it“ initiiert, um die Lust am Teilen weiter anzustacheln.

Universal Studios Entertainment Pinterest

Das klappt auch in entgegengesetzter Richtung. Untersuchungen zufolge hat in den USA beinahe jeder zehnte Online-Händler inzwischen einen „Pin it“-Button, ähnlich dem „Like“-Button von Facebook, zu seinen Produkten hinzugefügt, um die Empfehlung an die Community zu erleichtern. Pinterest selbst bietet ein Bookmarklet an, dass man in die Browserzeile integriert, um während des Surfens problemlos zu „pinnen“.

Medien beobachten die Lust an der sozialen Bildersammlung, die hierzulande noch ein Nischenvergnügen ist, ein wenig mit Argwohn. Schließlich bildet sich da auch ein neues Medienangebot im Wettbewerb um Klicks und Aufmerksamkeit heraus. Sie können es aber auch für ihre eigenen Zwecke nutzen.

Eines der beliebtesten Angebote derzeit bei Pinterest kommt von der Zeitschrift „Better Homes and Gardens“. Die „Pins“ des Magazins führen dann zum Originalartikel samt Abo-Werbung. Selbst das für Hype-Reflexe eher unverdächtige „Wall Street Journal“ macht Pinterest zur redaktionellen Außenstelle, präsentiert seine besten Bilder von der New York Fashion Week im Netzwerk und macht mit unterschiedlichen Board-Themen Lust auf seine Ressorts. Bilder-Satelliten gibt es auch von „Time“, „New Yorker“, „USA Today“ und „Guardian“. Gegenwärtig aber ist Pinterest vor allem für Frauentitel interessant. Schätzungen zufolge sind mehr als zwei Drittel der Nutzer weiblich.

pinterest statistik
Mittlerweile finden monatlich über 11 Millionen Nutzer den Weg zu Pinterest.com (Grafik: Statista)

Und das Geschäftsmodell? Das ist noch weitgehend unklar. Eine Einnahmequelle sind die Links. So ersetzte das Portal in einem Test kürzlich die von Nutzern automatisch zu den Bildern hinterlegten Links durch eine Affiliate-URL, die das Netzwerk dann bei einem Klick in den Webshop prozentual an den Einkäufen beteiligte. Die eigentliche Monetariserungsquelle aber dürfte im Datenschatz liegen. Schließlich teilen die Nutzer Pinterest freiwillig und in Massen ihre Vorlieben und Wünsche mit.

Ausgestattet mit rund 40 Millionen US-Dollar Risikokapital mag man sich da bei der Suche nach Erlösquellen noch Zeit lassen.

Gänzlich unbeschwert ist die fröhliche Lust an der Bilder-Pinnwand indes nicht. Die Weiterverbreitung der Bilder von Drittseiten, deren Kopie auf einem US-Server gespeichert wird, bewegt sich in einem mehr als dunkelgrauen Bereich des Urheberrechts.

Etailment.de gibt es auch bei Facebook, Twitter und Google+. Oder abonnieren Sie den Newsletter


Kindle Kindle
Drucken Artikel versenden

Die Welt da draußen ist groß und hektisch – vor allem für Einzelhändler, die den Erfolg im E-Commerc ...
Topartikel
Amazon: Hat Jeff Bezos einen Plan B?
Ein wenig erinnert mich Jeff Bezos derzeit an einen Investmentbanker in meinem ersten Krimi „Keine f ...
So knacken Sie die IT-Geheimnisse des Mitbewerbers
Sie wollten immer schon mal wissen, wo der Mitbewerber in Sachen Traffic steht? Sie würden noch lieb ...
Bloomy Days: Von Rocket Internet zur Blumenfrau
Wenn sich im Leben etwas ändert, kann einen das auf gute Ideen bringen. Bei Franziska von Hardenberg ...
Warum Empfehlungen im Warenkorb gefährlich sind - und wie sie das Risiko vermeiden
Haben Sie schon mal Waren an der Einkaufskasse einfach stehen lassen? Eher selten. Ist ja auch irgen ...
Zalando:
Personalisieren, inspirieren - bei Zalando erledigt das Individuelle jetzt ein neuer Produktstream n ...

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats