Logistik: „Die Herausforderung lautet maximale Flexibilität“

Von Olaf Kolbrück Olaf Kolbrück | 29. Mai 2015 |

Zeit ist Geld im Onlinehandel. Das gilt erst Recht für die Logistik. Angesichts immer komplexerer Herausforderungen müssen Automatisierung und Schnittstellen gerade im Lager auf Höchstleistung getrimmt werden. Manfred Preiß, Vice President Sales bei SSI Schäfer in Graz, sagt, wie und wo man Schwachstellen ausmerzen kann.  

Logistik: „Die Herausforderung lautet maximale Flexibilität“
Manfred Preiß, SSI Schäfer
 

Baustellen, Staus, Streiks – Der E-Commerce leidet zunehmend unter der Verkehrsinfrastruktur. Also muss die Zeit an anderer Stelle gut gemacht werden. Wo sind im Zentrallager die besten Hebel?

Manfred Preiß: Die notwendige Zeit kann grundsätzlich nur über kürzere Durchlaufzeiten im Lager zwischen Auftragseingang und Auslieferung gewonnen werden. Dadurch kann die Cut-Off-Zeit nach hinten verschoben und somit der Verlust eines Liefertages vermieden werden. „Same Day Delivery“ ist ein Muss im E-Commerce, da dies auch die Return Quote deutlich reduziert. Dafür müssen die Prozesse im Lager wiederum gestrafft werden, beispielsweise durch paralleles Abarbeiten. Hier kann der Zeitgewinn zur Hälfte durch die Prozesse und zur anderen Hälfte durch automatische Kommissioniersysteme erreicht werden. Lieferung durch Drohnen wird ein Randbereich bleiben; Abholstationen, die eine zeitunabhängige Anlieferung in der Nacht ermöglichen, können eine Lösung sein.

Gerade auch bei Retouren ist Zeit Geld. Wie lassen sich hier beispielsweise durch Automatisierung die Prozesse beschleunigen?

Manfred Preiß: Beispielsweise werden die Produkte im Batch gepickt, einzeln in Taschensortern zwischengelagert und nach Tour und Lieferzeit automatisch in der gewünschten Reihenfolge des Auftrags sortiert und der Packstation angeboten. SSI Schäfer nennt dies „Fulfilment Factory“. Die Retouren werden nicht mehr eingelagert, sondern direkt in die Taschen des Sorters gepackt und bei Bestellung priorisiert vor der Neuware ausgeliefert. So wird man auch der Anforderung gerecht, zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem Zeitfenster von lediglich einer halben Stunde an die Haustüre liefern zu können.

Gleichzeitig soll Logistik dezentraler und kundennäher werden. Wie müssen IT und Logistik darauf ausgerichtet werden?

Manfred Preiß: Dezentrale und kundennähere Logistik, das gibt es bereits. Wenn ein deutscher Onlinehändler 80.000 Artikel auf Lager hat, per Internet aber 4 Millionen unterschiedliche Artikel zu bestellen sind, wird die Lagerhaltung auf Hersteller oder Dienstleister übertragen, die auch die Auslieferung im Namen und mit Briefkopf des Onlinehändlers versenden.

"Same Day Delivery“ ist ein Muss im E-Commerce, da dies auch die Return-Quote deutlich reduziert."


Ein interessanter Ansatz ist hier bereits bei Warenhausketten zu finden. Sie verwenden ihre Shops vermehrt als „Lager“ mit der Möglichkeit, die Ware, die in einer Filiale verfügbar ist, direkt aus der Filiale auszuliefern. Zusätzlich wird angeboten, die Ware in der Filiale direkt abzuholen und beispielsweise eine Anprobe zu machen. Dies vermindert die Returns enorm. Die Verfügbarkeit der Ware ist relativ einfach zu ermitteln, da die Kassensysteme meist online mit der Zentrale verbunden sind.

Saisonale Volumenschwankungen führen in vielen Branchen zu zusätzlichen Herausforderungen. Welche Instrumente stehen bereit, um schnell auf Spitzen reagieren zu können?

Manfred Preiß: Saisonale Schwankungen sind üblicherweise voraussehbar und dadurch berechenbar. Diese können beispielsweise durch gemietete Konsolidierungs- und Packplätze sowie Ausweitung von Schichten entschärft werden.

FTS gehören deshalb vielfach bereits zum Alltag. Gibt es eigentlich noch Bereiche, in denen der automatisierte Transport dem manuellen Transport nicht überlegen ist?

Manfred Preiß: Tatsache ist, dass aus wirtschaftlichen Gründen automatische Anlagen nicht auf absolute Spitzen ausgelegt werden. Dafür kommen die Spitzenzeiten zu selten vor – in etwa zweimal pro Jahr. Hier sollte dann auch ein manueller Prozess möglich sein, denn für kurze Wege kann der manuelle Transport sehr sinnvoll sein.
Wir haben jetzt schon einen sehr hohen und vernünftigen Automatisierungsgrad erreicht. Durch die Vielzahl an Artikeln, die nach Marketing-Gesichtspunkten verpackt sind und nicht nach logistischen Bedürfnissen, ist eine 100 %-ige automatische Kommissionierung unbezahlbar. Die Mischung aus Automation und ergonomischen Arbeitsplätzen hat Zukunft.

Wenn das Lagersystem bereits automatisiert ist – wo gibt es dann noch Optimierungspotenzial?

Manfred Preiß:  Optimierungspotenzial gibt es weiterhin, denn ohne Automatisierung geht es in der Logistikbranche nicht. Die Cut-Off-Zeiten werden immer kürzer und je später eine Online-Bestellung beim Kunden eintrifft, desto höher ist die Return-Quote.

Bei Kleinteilen ist ein A-Frame-Schachtkomissionierer in der Automation unschlagbar, weil Kommissionierung und Beschickung zeitlich entkoppelt sind. Bei Artikeln, die nicht für Kommissionierautomaten geeignet sind, ist das Prinzip „Ware-zur-Person“ am effizientesten. Hierfür gibt es ergonomische Arbeitsstationen wie „Pick to Tote“, die eine 6 bis 10-fache Pickleistung verglichen mit „Person-zur-Ware“-Arbeitsplätzen zulassen, bei gleichzeitig geringerer Belastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dies setzt aber auch voraus, dass ein schnelles Bereitstellungssystem vorhanden ist, wie beispielsweise ein Karussell oder Shuttle.

"Ohne Automatisierung geht es in der Logistikbranche nicht. Die Cut-Off-Zeiten werden immer kürzer und je später eine Online-Bestellung beim Kunden eintrifft, desto höher ist die Return-Quote."


Ein neu entwickeltes Produkt zur Lageroptimierung ist der Batch Pick’n Scan Sorter, der eine Kombination aus höchst effizientem Batch Pick mit anschließender Lese- und Sortiereinheiten ist. Dieser ermöglicht sowohl eine 100 %-ige Prüfung des Auftrags als auch die in manchen Branchen gesetzlich benötigte Nachverfolgbarkeit. Die Fehlerquote geht dabei gegen Null, was sowohl Kosten spart als auch die Kundenzufriedenheit erhöht.

So, wie die Logistiknetze selbst komplexer werden, wird auch die Komplexität der IT-Systeme steigen. Inwieweit sind hier die Logistiker gefordert mit eigenen Software-Lösungen Intralogistik, Transport-, Beschaffungs- und Produktionslogistik zu verheiraten?
Inwieweit wird sich dabei auch die Mensch-Maschine-Schnittstelle verändern?

Manfred Preiß

Manfred Preiß ist Vice President Sales bei SSI SCHÄFER in Graz. Das Familienunternehmen SSI Schäfer gilt weltweit als führender Spezialist für Lager- und Logistiksysteme sowohl als Komplettanbieter als auch als Komponentenhersteller. Die angebotenen Leistungen der Unternehmensgruppe reichen dabei von der Konzeptfindung über die Lagereinrichtung bin hin zur Realisierung komplexer Projekte.
Manfred Preiß: Die Vernetzung von Enterprise-Resource-Planning-Systemen (ERP) bis zum Materialfluss ist für die Zukunft unabdingbar. Im Moment ist die Vernetzung noch durch zu viele Schnittstellen geprägt. Selbst bei sehr namhaften Firmen ist es häufig noch nicht möglich, die Ware, die europaweit verteilt auf Lager liegt, einem Auftrag zuzuordnen und diesen konsolidiert auszuliefern. Der Versuch, aus dem ERP-System heraus den physikalischen Materialfluss zu steuern, scheitert bei höherdynamischen Anwendungen an der Echtzeitfähigkeit und den Antwortzeiten. Die Warehouse Management System (WMS)-Software ist hierzu immer mehr in der Lage – vor allem durch die Integration des Materialflussrechners.

Sie rüsten für die Suning Commerce Group, eines der größten privaten Einzelhandelsunternehmen Chinas, in Nanjing ein hochautomatisiertes E-Commerce-Logistikzentrum aus. In der ersten Ausbaustufe lagern im Logistikzentrum rund eine Million Artikel. Welche besonderen Herausforderungen tauchten dort auf? 

Manfred Preiß:  Die Herausforderung ist, die komplexen logistischen Abläufe zu vereinfachen und maximale Flexibilität zur Verfügung zu stellen, um auf im Bereich E-Commerce übliche Veränderungen des Produktportfolios reagieren zu können. Die Mensch-Maschine-Schnittstelle ist enorm wichtig und eine Trainingsphase für den optimalen Betrieb der Anlage unabdingbar. Für einen reibungslosen Anlernprozess bei häufigem Personalwechsel ist das Prinzip „Ware-zur-Person“ am besten geeignet. Die Arbeitsinhalte sind reduziert, lange Wegzeiten werden vermieden und die Fehlerquote minimiert.

Wer es nicht ganz so gewaltig mag, schwört neuerdings vermehrt auf Retrofitting. Was darf sich ein Kunde davon erhoffen?

Manfred Preiß:  Wir haben hierfür eine eigene Abteilung eingerichtet, die sehr gut ausgelastet ist. Die Herausforderung hierbei ist, dass wir auf Installationen treffen, die „gewachsen“ sind und von verschiedenen Lieferanten stammen, die es zum Teil gar nicht mehr gibt. Hier sind absolute Spezialisten gefordert, da sowohl Mechanik als auch Steuersoftware betroffen sind.

Wie steht es derweil um den laufenden Betrieb?

Manfred Preiß:  Der laufende Betrieb muss weiter gewährleistet sein. Nicht alles ist in Wochenend- und Nachtarbeiten realisierbar. Hier müssen wir den Kunden mit Provisorien unterstützen.


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