Regionale Marktplätze der Verlage: Der große Frust

Von Stephan Lamprecht | 29. Januar 2016 |

In dieser Woche hat Ebay erste Zahlen nach 100 Tagen seines Mönchengladbach-Projekts veröffentlicht. Die klingen durchaus ermutigend, schließlich wird den aktiven Händlern darin ein Jahresumsatz von 90.000 Euro in Aussicht gestellt. Wenig ist das nicht. Nur wie steht es um andere regionale Marktplätze und Initiativen? Hier versuchen sich auch eine Reihe von Regionalverlagen.  Das Ergebnis ist teilweise frustrierend.

Alles schick? Die Sache mit den regionalen Marktplätzen
Der Wochenkurier Markplatz - mit Optimierungsbedarf
Das bisherige Fazit des Experiments klingt positiv. Denn schließlich hatten einige der Händler zuvor gar keine Berührungspunkte mit dem E-Commerce. Teilweise wurden sogar Artikel bis nach Guadeloupe verkauft. Ein schöner Erfolg.

Guadeloupe - das klingt nach Aufbruch, Ferien, Sonne: Während ich dies schreibe, schweift mein Blick immer mal wieder auf den kahlen Baum vor meinem Bürofenster. Ein kalter und stürmischer Wind weht da draußen.

Und der Sturm, der von Amazon aus auf die Händler bläst, dürfte auch nach wie vor in Mönchengladbach wehen. Denn so schön der Versand von Waren nach Guadeloupe sicher ist, so willkommen die resultierenden Umsätze sind, zu mehr Kunden in der Innenstadt wird das wohl kaum führen.

Nicht überall schlagen regionale Online-Angebote so gut ein. Die Stadt Klagenfurt in Österreich hat jetzt die Notbremse bei ihrem Marktplatzangebot gezogen. Über 200.000 Euro wurden investiert, aber zuwenig Händler konnten von der Teilnahme überzeugt werden. "Ein totes Pferd könne man nicht reiten", so wird der zuständige Stadtrat zitiert. Und das dürfte in Deutschland teilweise nicht anders aussehen. Die Website von www.kauf-regional.de ist zum Beispiel schon seit einiger Zeit nicht zu erreichen.

Alles schick? Die Sache mit den regionalen Marktplätzen
Die Website eines Marktplatz-Teilnehmers. Kunden erfahren hier deutlich mehr und die Seite wirkt insgesamt auch einladender
Da stellt sich zumindest die Frage, ob die Verlagshäuser, die in den vergangenen Jahren in Marktplätze investiert haben, nicht ebenfalls versuchen, toten Pferden ordentlich die Sporen zu geben. Nehmen Sie nur einmal die beiden Portale Wochenspiegel Marktplatz und Wochenkurier Marktplatz.

Im Untertitel zu beiden Angeboten wird von einem modernen und attraktiven Portal gesprochen. Lassen Sie die Bilder in der Diashow dann einfach auf sich wirken. Teilweise unscharf, teilweise lokale Vertreter von Strukturvertrieben oder Lieferdienste, die auch anders im Netz gefunden worden wären. Wer bei beiden Seiten die Detaileinträge ansieht, wird sich als unbeteiligter Nutzer wohl ernsthaft fragen, welcher Mehrwert und Nutzen hier gegenüber einer einfachen Google-Anfrage geboten wird. Noch dazu, wenn dann die Webseite einiger Unternehmen deutlich ansehnlicher und moderner wirkt, als der offizielle Eintrag auf dem Marktplatz.

Rund um die Region Osnabrück gibt es den Lokal-Radar. Das ist einerseits ein (überschaubares) Firmenverzeichnis, zum anderen gibt es hier aber auch Angebote. Die Artikel kann ich dann zwar reservieren, aber ob ich jetzt wirklich eine Kartusche Kleber, Motorradreiniger und eine Brause bzw. Wasserhahn brauche, sei dahingestellt. Das ist schon das gesamte Warenangebot derzeit.

Alles schick? Die Sache mit den regionalen Marktplätzen
Das überschaubare Produktangebot auf Lokal-Radar

Nutzer, die mal gezielt eine URL wie kauf-in-deiner-stadt.de aufrufen, werden von einem Angebot zum nächsten weitergeleitet. Schließlich landet man bei Snipda, wo wenigstens der Untertitel ein regionales Einkaufen verspricht. Nun schön; ein buntes Sammelsurium an Produkten, Gutscheinen für Massagen oder Eintrittskarten wartet auf mich. Wenigstens nach Kategorien sortiert.

Lieblingsladen.de vom Verlagshaus Südkurier stellt gleich die Angebote ins Zentrum und hat dazu noch eine moderne Optik. Die Visualisierung der Anbieter auf der Startseite in Form von Apple-Monitoren ist vielleicht etwas bemüht, aber das ist ja Geschmackssache. Produkte lassen sich jedenfalls direkt reservieren.

Alles schick? Die Sache mit den regionalen Marktplätzen

Ebenfalls nicht hässlich sind die Seiten des als Franchise organisierten Systems der Lokalpioniere. Hier sind inzwischen eine ganze Reihe von Angeboten aus dem Boden gestampft worden. Die angebundenen Unternehmen erhalten Platz zur Selbstdarstellung und auch eine App ist verfügbar. Ein klassisches Branchenbuch also, das mit aktuellen Nachrichten und Veranstaltungstipps aufgewertet wird. Ob ich als Münsteraner nun unbedingt auf die Adresse www.dein-ms.de gekommen wäre, soll mal in den Raum gestellt bleiben. Einkaufen kann ich hier dort indes nicht.

Alles schick? Die Sache mit den regionalen Marktplätzen

Die Verlage

Ein Verlagsprojekt ist beispielsweise kauf-in-deiner-stadt.de (dahinter stehen die  WVW-ORA-Anzeigenblätter). Das Marketing-Unternehmen topQ1 GmbH in Belm bei Osnabrück startet vor Ort das Lokal-Radar und für die Regionen Südbrandenburg und Dresden den Wochenkurier-Marktplatz sowie für die Regionen Eifel, Hunsrück/Nahe, Mosel, Ahr und Trier den Wochenspiegel-Marktplatz.  Das Verlagshaus Südkurier bietet einen lokalen Marktplatz für lokale Händler von Villingen-Schwenningen bis Markdorf. Weitere zehn Städte sollen folgen. Lieblingsladen.de nennt sich der lokale Marktplatz. Der Verlag der “Braunschweiger Zeitung” (Funke-Mediengruppe) baut einen lokalen Online-Marktplatz für den Großraum Braunschweig/Wolfsburg/Salzgitter unter dem Namen “Shopping 38″.

Und da wären ja noch eine ganze Reihe von Marktplätzen und Initiativen, die wir im Artikel "Lokale Online-Marktplätze in Deutschland - der etailment-Praxistest" bereits ausführlicher dargestellt haben. Atalanda, Simply Local oder Locafox eröffnen den Händlern ebenfalls die Welt des E-Commerce, sind aber was das Warenangebot und die Darstellung der Händler anbelangt, teilweise deutlich weiter. Und sie schicken die Kunden dann zum Abholen in die Läden.

Leider ist die Sache mit den regionalen Marktplätzen für den Konsumenten mit einem kleinen Haken verbunden. Denn die Kunden müssten eben wissen, dass es diese Angebote gibt. Da wird Google der Gatekeeper Nummer eins bleiben.

Und jetzt probieren Sie doch einfach mal selbst aus, was passiert, wenn Sie nach lokalen Einkaufsmöglichkeiten plus Ihrem Wohnort suchen.

Da gibt es dann doch meiner Ansicht nach noch ein bisschen was zu tun.


Kindle Kindle
Drucken Artikel versenden

Local Heroes: Fashion For Home und die stationäre Strategie nach der Übernahme durch Home24
Ein peinlicher Schnitzer - ausgerechnet beim Thema Rasur. So endete unsere Woche. Vielleicht sollten ...
Topartikel
P&G und Dollar Shave Club: Warum der Milliarden-Deal so wegweisend ist
Es war die scheinbar wahnwitzigste Meldung der Woche. Der Konsumgüterriese Unilever zahlt eine Milli ...
Cyberport: Attacke mit besseren Daten und besserem Service
Cyberport baut in München einen eigenen E-Commerce Hub auf.  Es ist so etwas wie die "Abteilung Atta ...
Beacons - leuchten sie noch?
Vor gut zwei Jahren rissen Meldungen zu geplanten Einsätzen von Beacons nicht ab. Das Marketing zeig ...
Local Heroes: Lebensmittel-Startup Emmasbox schärft den Fokus
Gut zwei Jahre nach dem Marktstart kann das Startup Emmasbox, das Lebensmittelhändlern mit gekühlten ...
Gastbeiträge bei etailment: So geht`s
Das tut uns leid. Gegenwärtig nehmen wir keine neuen Beiträge an. ...

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats