Das Schweigen über die Datenskandale schadet dem E-Commerce

Von Bert Rösch | 30. Januar 2014 |

Das Schweigen über die Datenskandale schadet dem E-Commerce
Die direkten finanziellen Schäden der jüngsten Datenschutz-Skandale (zuletzt die Meldung des BSI über einen millionenfachen Klau von Online-Zugangsdaten) dürften nach dem jetzigen Erkenntnisstand nur gering ausfallen. Gefahren drohen eher auf immaterieller Ebene. Millionen von Bundesbürgern könnten jetzt das Vertrauen in den Online-Modehandel verlieren, der sich gerade erst als Vertriebskanal etabliert hat. Doch der Onlinehandel steuert nicht gegen. Stattdessen: Großes Schweigen.

Besonders diejenigen, die lange gezögert hatten, sensible Konto- oder Kreditkartendaten in Online-Bestellformulare einzutippen. Doch auch viele Internetnutzer, die bislang eher unbesorgt durch das Netz gesurft sind, dürften jetzt ins Grübeln kommen. Schließlich reiht sich der millionenfache Diebstahl von E-Mail-Adressen samt Passwörtern in eine lange Kette von Datenskandalen ein. Dass NSA&Co im großen Stil die E-Mail-Kommunikation überwachen, haben viele Deutsche noch schulterzuckend hingenommen. Doch spätestens jetzt dürfte selbst den arglosesten Internetnutzern klar werden, dass im Web kaum noch etwas geheim ist.

Futter für E-Commerce-Skeptiker

Zugegeben: Dass die Online-Kunden jetzt in Scharen weglaufen, ist eher unwahrscheinlich. Die digitale Revolution ist nicht mehr aufzuhalten. Der internetaffine Modekunde hat sich längst an die vielen Online-Schnäppchen und das bequeme Bestellen von der Couch aus gewöhnt. Trotzdem sollten die Internethändler das Problem nicht unterschätzen. Schließlich sind E-Commerce-Skeptiker tendenziell eher konservativ, viele im höheren Alter. Und genau diese Bevölkerungsgruppe tauscht wenig um. Wer diese Kunden verschreckt, erhöht automatisch seine Retourenquote.

Mehr Bezahlungen per Rechnung?

Das Schweigen über die Datenskandale schadet dem E-Commerce
Dem Thema Datensicherheit widmet sich auch die TextilWirtschaft.
Gleichzeitig dürfte sich über alle Käufertypen hinweg der Trend verstärken, die online bestellte Ware per Rechnung zu bezahlen. Somit kommen die Händler deutlich später an ihr Geld als bei den Bezahlmethoden PayPal, Kreditkarte oder Lastschrift. Zudem erhöht sich mit der Zahl der Rechnungen auch das Risiko von Zahlungsausfällen. Die Online-Modehändler, die laut Prognose des Instituts für Handelsforschung 2013 in Deutschland einen Umsatz in Höhe von rund 10,3 Mrd. Euro erwirtschaftet haben, sind also gut beraten, wenn sie ihre Klientel aktiv und frühzeitig über die Gefahren des Online-Shoppings aufklären.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist aber de facto noch die Ausnahme. Wir fanden keinen namhaften E-Fashion-Anbieter, der seine Kunden zumindest im Kassenbereich grundlegend über die jüngsten Ereignisse und ihre mögliche Folgen für den Online-Shopper informiert. Zum Beispiel, dass „123456“ oder „Password“ keine sicheren Passwörter sind. Auch wenn sie die beliebtesten Geheimwörter der vergangenen zwei Jahre waren. Und erst recht nicht, wenn man sie für mehrere Online-Konten verwendet.

Shop-Betreiber klären nicht auf

Überhaupt sollten die Shop-Betreiber darauf drängen, aus aktuellem Anlass alle Passwörter zu ändern und diese möglichst häufig zu variieren. Und dass Virenschutzprogramme unverzichtbar sind. Mittlerweile auch bei den meisten Smartphones. Diese lassen sich leicht ausspionieren, wenn der Nutzer die falsche App herunterläst. Einzig das iPhone gilt noch als relativ widerstandsfähig, weil Apple alle Anwendungen sehr gründlich prüft.

Zusammen mit leicht verständlichen Informationen über die technischen Sicherheitsmaßnahmen des Anbieters ergäbe das ein Infopaket, das selbst die kritischsten Geister beruhigen dürfte. Am besten natürlich, wenn man es per Newsletter verbreitet oder direkt auf der Startseite des Shops prominent bewirbt. Wer sich dagegen komplett in Schweigen hüllt, läuft Gefahr, beim nächsten Datenskandal von Medien und Verbraucherschützern an den Pranger gestellt zu werden. Sie könnten der Branche zurecht vorwerfen, nicht rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen zu haben. Spätestens dann wäre der Image-Schaden nahezu irreparabel. Und die dadurch entstehenden Einbußen äußerst schmerzhaft.

Das muss wahrlich nicht sein. Eine totale Sicherheit im Online-Handel ist zwar eine Illusion. Aber wenn die Branche das Datenschutzproblem – und somit auch die Ängste der Verbraucher – ernst nimmt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die durch Datenpannen verursachten Kosten so etwas wie die Inventurdifferenzen bzw. Ladendiebstähle im stationären Handel werden. Ärgerlich, aber unvermeidlich, kalkulierbar und durchaus zu verschmerzen. Am Ende ist der millionenfache Identitätsdiebstahl vielleicht ein sehr nützlicher Weckruf, der aufmerksam macht auf ein Problem, das der Online-Handel zwangsläufig mit sich bringt. Man muss das Klingeln nur hören und rechzeitig abheben, bevor es Cyber-Schurken auf den Konten der Kunden tun.

Bert Rösch berichtet für die Fachzeitschrift TextilWirtschaft über E-Commerce, Logistik und IT in der Modebranche. Sie erscheint, ebenso wie etailment, in der dfv Mediengruppe.

Foto: Security concept: Lock on digital screen, contrast, 3d render - Shutterstock

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Thema: Marketing

Schlagworte: Datenschutz, Daten, Kundendaten

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