Zwischenruf aus der Provinz - vielleicht sind die Innenstädte schon tot?

Von Stephan Lamprecht | 24. November 2015 | 2 Kommentare Kommentieren

Zwischenruf aus der Provinz - vielleicht sind die Innenstädte schon tot?
Ich lebe gern in meiner kleinen Stadt direkt vor den Toren Hamburgs. Und als interessierter Bürger von Ahrensburg hat es mich gefreut, als ich vor einigen Wochen von einer Veranstaltung las, auf der Bürger, Abgeordnete und Kaufleute gemeinsam über die drohende Verödung der Innenstadt diskutieren wollten.

Was wenige Tage später über die Diskussion in der lokalen Presse berichtet wurde, las sich einigermaßen erschütternd. Es gibt in Ahrensburg inzwischen Ladenzeilen, die leer stehen. Die Verödung der Innenstadt - hier wird sie greifbar. Umso erstaunlicher, dass offensichtlich bei der Veranstaltung nichts wirklich Substanzielles herausgekommen ist.

Schuld am aktuellen Zustand sind, nach Meinung der Beteiligten, zwei Dinge:

  1. Zu wenige Parkplätze.
  2. Natürlich das Internet.


Sicher, die Stadt Ahrensburg hat seine Innenstadt in den vergangenen Jahrzehnten extrem, positiv ausgedrückt, verkehrsberuhigt. Es gibt wenige Parkplätze in der Nähe des Zentrums und die Verkehrsbetriebe haben auch keine andere Chance, als Bushaltestellen etwas weit vom Schuss zu betreiben. Aber das soll tatsächlich die Ursache für den Kundenschwund sein?

Natürlich hat auch Ahrensburg die Veränderungen durch das Internet erlebt. Das wird immer noch sehr plastisch am Beispiel des Buchhandels. Von einstmals vier sind noch die Filiale einer größeren Kette und ein selbstständiger Buchhändler übrig geblieben.

Nun gelten derzeit ja regionale Marktplätze mehr oder weniger als Chance für lokale Händler, wieder mehr Kundschaft in die Innenstädte zu ziehen. Wahrscheinlich habe ich zu viel erwartet, aber von einer Online-Initiative der Kaufleute meiner Stadt war indes nichts zu lesen.

Aber wäre der Aufbau eines Portals oder die Nutzung eines regionalen Marktplatzes tatsächlich die Lösung?

Was ist mit den strukturellen Problemen?

Aus meiner Sicht greifen die aktuellen Diskussionen um die Verödung der Innenstädte einfach zu kurz. Da wird lieber auf das Internet geschimpft, als vor der eigenen Tür zu kehren. Denn regionale Marktplätze im Internet lösen nicht die grundlegenden Probleme und falschen Entwicklungen.

  1. In der Innenstadt von Ahrensburg gibt es etwa fünf Apotheken, sechs oder sieben Friseure, zwei Juweliere, vier Optiker und unzählige Bäckereien mit der üblichen Mischung aus Mittagstisch, (schlechten) Kaffeespezialitäten aus dem Automaten und Kuchenbuffet. Alles Gewerbe, die den Vermietern sichere Einnahmen versprechen ("Haare müssen die Leute immer schneiden"). Bloß kein Risiko eingehen. Und wer meint, dass dies nur ein Problem der Provinz ist, braucht nur einige Kilometer nach Hamburg zu fahren und sich einige Stadteile anzusehen, in denen der gleiche Leerstand und der gleiche öde Mix an Geschäften vorherrscht (dort gibt es dann mehr Sonnenstudios und Spielhallen).
  2. Es gibt in der Innenstadt viele kleine Läden. Zu wenig Fläche, um ein breites Sortiment anbieten zu können. Doch genau das versuchen viele Händler nach wie vor. Statt Spezialisierung wird versucht, die Lücken im Sortiment zu überspielen.
  3. Der lokale Handel wirft in solchen Diskussionen im Brustton der Überzeugung ja immer ein, dass hier der Kunde umfassend beraten wird. Ehrlich? Das ist leider oft einfach nur noch Mumpitz. Es gibt in meinem Ort einige leuchtende Beispiele. Ja. Aber ansonsten bietet sich hier das gleiche Bild, wie auch bei den großen Ketten. Aushilfen werden als Berater verkleidet, deren Beratung dann darin besteht, mit dem Kunden Kataloge zu wälzen oder online zu recherchieren. Das kann ich aber eben auch selbst. Dazu muss ich nicht in die Innenstadt.
  4. Wenn ich mir die Geschäfte in meinem Ort so ansehe, kenne ich einige davon bereits seit Kindertagen. Mit anderen Worten - die Inhaber dürften (wenn nicht bereits die zweite Generation das Steuer übernommen) langsam dem Ruhestand entgegensehen. Nur, ob sich angesichts der aktuellen Entwicklung ein Nachfolger finden lässt?

In Ahrensburg wird übrigens seit fast zwei Jahren über die Position eines festangestellten Beauftragten für das Stadtmarketing (politisch) gestritten. Keine Pointe. Marktplätze im Internet sind eine Chance, aber sicherlich kein Allheilmittel.


Kindle Kindle
Drucken Artikel versenden

handmade amazon
Guten Morgen etailment-Leserinnen und Leser!Wie weltumspannend und umfassend ist Amazon? Die Antwort ...
Topartikel
Kurz vor 9: Amazon erschreckt mit massiven Verlusten, PayPal, eBay, Urbanara, Apple,
Amazon ist die Produktsuchmaschine Nummer 1 der Deutschen. Gute Sichtbarkeit im Ranking kann daher d ...
Die Top 100 der umsatzstärksten Onlinehändler in Deutschland
Die Dominanz der Top 3 im deutschen Onlinehandel - Amazon, Otto, Zalando - ist schier erdrückend. Zu ...
Christoph Lange, Zalando
Christoph Lange ist VP Brand Solutions bei Zalando in Berlin. Als Mitarbeiter Nr. 3 kam er 2008 zu Z ...
Rewe Digital: Schweizer Taschenmesser im Kampf gegen Amazon
Guten Morgen etailment-Leserinnen und Leser!Eine Studie der News-Organisation ProPublica zeigt gerad ...
Trendreport: Wie alltaugstauglich sind die Zukunftsvisionen für den E-Commerce?
Über 12.000 Produkte im ersten richtigen Virtual-Reality-Kaufhaus; ein Vertriebs-Bot, der E-Mails an ...

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Erstellt 25. November 2015 09:35 | Permanent-Link
    Innenstädte müssen sich neu erfinden!

    Gelungene Analyse, trifft so ähnlich auch auf Itzehoe zu.
    Irgendwie schade. Ich denke aber, dass es immer Innenstädte geben wird, geben muss. Sie müssen sich nun neu erfinden. Weg von Geschäften, in zu Treffpunkten, Plätzen, Räumen für Gemeinsamkeiten und Attraktionen für Jung und alt.
    Wieso nicht einfach mal einen Spielplatz mitten auf die Fußgängerzone bauen?

  2. Erstellt 25. November 2015 13:10 | Permanent-Link
    Wie sich die Ortschaften und ihre Einzelhändler doch ähneln!

    Gleiches Bild auch in meiner Heimatstadt - gerade wieder eine Diskussion über fehlende Kurzzeitparkplätze miterleben dürfen, die selbstredend der Grund fürs Ausbleiben der Kundschaft sind. Und das seit vielen Jahren. Für teuer Geld wurde eine Fußgängerzone inkl. anliegendem Parkhaus gebaut. Nach Protesten von Einzelhändlern, weil die Kunden ja nicht mehr direkt vorm Geschäft parken können, dann wieder zurückgebaut und Parkplätze eingerichtet (dann aus rechtlichen Gründen wieder teilweise am Wochenende zur Fußgängerzone erklärt - sonst hätten die Subventionen zurückgezahlt werden müssen). Logische Schlussfolgerung in der Denke des klassischen Einzelhändlers: An der immer noch zu geringen Anzahl an Parkplätzen muss es liegen.
    Mein Vorschlag: Eingangstür verbreitern und den Kunden mit Auto direkt ins Geschäft fahren lassen. Hilft bestimmt.

stats