tumblr: Eine "Porno-Müllhalde" geht ihren Weg

Von Karsten Werner Karsten Werner | 22. Mai 2013 |

Yahoo kauft tumblr für 1,1 Milliarden US-Dollar. In bar! Huch. Ein Mix aus sozialem Netzwerk und Blog-Dienst. Braucht man das? Sollte man da jetzt mitmachen? Was hat es mit diesem Kanal auf sich? Wofür eignet der sich eigentlich?

Berechtigte Fragen, über die man diskutieren kann. Und es auch sollte: Die Facebook-Gemeinde „überaltert“ gerade, junge Leute ziehen sich immer weiter in die Privatsphäre der Gruppen-Chats von Messenger-Clients wie Whats App zurück. Twitter wird immer mehr nur von Nachrichten-Freaks frequentiert. Und der Nerd-Kosmos Google+? Der durchschnittliche Nutzer verweilt dort für ganze sieben Minuten. Im Monat.

Käme da ein neuer tumblr –Boom vielleicht gerade richtig? Könnte da was gehen? Content Marketing? Blogs? Oder gar ein neuer Sales Channel? Entwickelt sich der Dienst jetzt dank Yahoo auch noch in Deutschland zu einer neuen Mitmachplattform?

Aufgrund vieler „nackter Tatsachen“ gilt die Plattform hierzulande leider weithin als „Porno-Müllhalde“ und wird als Blog-Plattform nicht ernst genommen. Zu Unrecht. Schuld am schlechten Leumund dieses Netzwerks ist dabei aber nicht etwa ein „Zuviel" an nackter Haut, sondern vielmehr sind es Vorurteile innerhalb der deutschen „Blogosphäre“. Ein Kommentar.

Von der „Generation Blogroll“ als Schmuddel-Ecke abgestempelt

Anders als in den USA, haftet der Stempel „Schmuddel-Ecke“ hartnäckig an dem Netzwerk. Wie ein Tattoo. Man bloggt dort nicht, sondern „buffert“ und „crosspostet“ allenfalls Bilder, Zitate und Anreißer. Während in den vereinigten Staaten Meinungsführer der Technikszene wie MG Siegler via tumblr bloggen, oder Wallstreet-Analysten es mit ihren tumblrn gar in renommierte Publikationen wie den Business Insider schaffen, leidet der Dienst in Deutschland nach wie vor unter einem Negativimage. Allenfalls nutzt man ihn als „Restetruhe“: Alles was irgendwie zu groß für Twitter aber zu klein für das eigene „richtige“ Blog ist, wandert dort rein. Tumblr sei funktional zu eingeschränkt, man hätte zu wenig Kontrolle über die eigenen Inhalte, es sei "Porno-Müllhalde" und deshalb Schmuddel-Plattform. Deckel zu, Stempel drauf, Fertig?

gesamtzahl-der-blog-post-bei-tumblr

tumblr-Zielgruppe: 13 bis 22 Jährige. Yahoo will cooler werden

Wer nun aber einmal -anlässlich dieses spektakulären Exits Richtung Yahoo- das angeblich fünftgrößte Netzwerk der Welt näher ins Auge fassen möchte, sollte sich von derlei Vorurteilen nicht beeindrucken lassen: Die Plattform bietet einiges an Potenzial: Offenheit dank Lese-/Schreibschnittstelle (anders als Google+), problemlose Anbindung an eine Vielzahl von Editoren, ausgereifte native 1st -und 3rd-Party-Apps für mobile Betriebssysteme: Keine andere Blog-Plattform lässt sich derart einfach „nebenbei bespielen“. Für eine junge Zielgruppe, die lieber Inhalte produzieren möchte, anstatt sich mit Plugins und technischen Feinheiten rumzuärgern, die ideale Umgebung.

Einfachheit, Remixe, Kollaboration

Ohne die Macken komplexerer Plattformen wie Wordpress oder Blogger, lässt sich ein tumblr-Blog gänzlich „aus der Hosentasche“ per Smartphone befüllen: Etwaige Barrieren, wie die Notwendigkeit zum nachträglichen Feintuning via Online-Dashboard, um Text- und Bildinhalte abschließend noch einmal zurechtzurücken und iframe-Patzer auszubügeln, gibt es hier nicht. Diese Einfachheit geht zwar in der Tat zu Lasten des Funktionsumfangs, dafür funktioniert tumblr jedoch auch mobil nahezu fehlerfrei. Innerhalb eines bestimmten Rahmens lassen sich hier Text-, Bild- und Bewegtbild-Inhalte mit einfachen Handgriffen generieren und auch remixen. Ein weiterer Vorteil ist die einfache Möglichkeit „Kollaboratives Bloggen“ anzubieten: Sei es in einem Fun-Blog wie Chantalismus, oder einem Gehaltsvergleichscheck wie WasJournalistenVerdienen: Andere tumblr-Nutzer (und auch Nicht-Nutzer, per E-Mail) können die Plattform mit einfachsten Mitteln befüllen: Eine Freigabe-Funktion dazwischen geschaltet, fertig.

Grundsätzlich funktionierte das natürlich auch mit anderen CMS, nur da wäre es deutlich aufwendiger zu realisieren: Sieht man von der Erstellung eines eigenen Themes (sondern nutzt Standard-Templates des Dienstes) und der etwaigen Anbindung von Advertisern ab, dann lässt sich ein solcher tumblr -auch von Laien im Umgang mit Content Management Plattformen, innerhalb von 20 Minuten umsetzen. Von der Idee, bis zum fertigen Blog. Dieser Ansatz, Ideen nicht verschieben oder „auf Wiedervorlage“ parken zu müssen, sondern „seamless“ umsetzen zu können, ist die große Stärke der Plattform und ein wesentlicher Faktor für dessen bisherige Erfolgsgeschichte.

Verweildauer Soziale Netzwerke

Die „Generation Blogroll“ als Meinungsmacher

„Porno-Müll“? Gibt es auch. Aber den Dienst darauf zu reduzieren, oder gar das Content-Wachstum und die Verweildauer allein daran festzumachen, wäre mir zu einfach. Ein Vorurteil, das die „Generation Blogroll“ in Deutschland dem Service zu Unrecht andichtet: In die Jahre gekommen, vom Echtleben eingeholt und deshalb selbst immer weniger Zeit zum Bloggen, schützt man mit derlei Behauptungen nur den eigenen Status Quo. Damals. Früher. "Kerl, war das schön." Und jammert und nörgelt: Dass Plattformbetreiber sozialer Netzwerke (wie eben auch tumblr) immer mächtiger werden, und dass man nicht mehr Herr über die eigenen Inhalte sei (die allerdings immer weniger werden...).
Gleichermaßen fordert man von Jüngeren aber auch mehr Engagement, wofür eine Plattform wie tumblr eigentlich ideal geeignet wäre: Ingesamt handelt es sich also um ein -zumindest unter Marktgesichtspunkten- gänzlich überflüssiges Befindlichkeiten-Karussell innerhalb von Teilen der deutschen Blogosphäre, die sich im Umgang mit sozialen Netzwerken und Blog-Diensten jedoch als Expertengruppe und Meinungsführer betrachtet.

In den USA gibt es zwar auch Kritik (Erlösmodell?), die allgemeine Stimmungslage ist jedoch eine andere: Man nimmt den Dienst erst. Deshalb hat Yahoo ihn auch gekauft.

Grafiken: Statista


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