Appgefahren - das bieten Händler auf dem Smartphone

Von Stephan Lamprecht | 4. Juli 2016 |

Die Frage nach der besten Strategie, mobile Kunden zu erreichen, wird von Händlern unterschiedlich beantwortet. Die einen bieten der Kundschaft einen für mobile Endgeräte optimierten Shop, andere entscheiden sich zusätzlich auch für die Entwicklung einer App. Etailment hat sich einige davon genauer angesehen. Was bieten die Händler hier an Mehrwert?

Die Entscheidung für oder gegen die Entwicklung einer App ist natürlich auch eine des Budgets. Die Entwicklungskosten sind nicht gerade gering, wenn eine Anwendung sowohl für Apple-Geräte als auch Android veröffentlicht werden soll. Außer dem grundlegenden Konzept lässt sich hier kaum etwas auf die jeweils andere Plattform übertragen. Außerdem braucht es in der Regel einen ordentlichen Batzen Werbegeld, um in der Masse neuer Apps gesehen zu werden. Was wird den Kunden aber nun von den Händlern geboten, die sich dazu entschieden haben, in eine App zu investieren?

Um das herauszufinden, wurde ein kleines Testfeld zusammengestellt. Dazu wurden die Apps installiert, die vor 14 Tagen im Google Playstore in der Kategorie "Shopping" die ersten Plätze belegt haben. Aus dieser Liste wurden dann nicht berücksichtigt: Reine Service-Apps, um Kleinanzeigen anzulegen oder zu verwalten (z.B. eBay Kleinanzeigen, Shpcock), Gutschein- und Prospekt-Apps, Barcode-Apps und Rebuyer. Das lichtete die Reihen dann bereits deutlich. Über die Personalisierungsfunktionen von About You hatten wir bereits ausführlich berichtet, so dass auch diese App in diesem Beitrag nicht erneut auftaucht.

Media Markt

Appgefahren - das bieten Händler auf dem Smartphone
Die Startseite der App wird von einem herausgestellten Produkt beherrscht. Prominent am oberen Rand sind die Suchfunktionen untergebracht.

  • Marktsuche
  • Produktsuche per Texteingabe
  • Scanfunktion

Mit dem Scanner können QR-Codes, aber auch Augmented Reality Szenarien in den Märkten gescannt werden. Aus Nutzersicht etwas verwirrend ist auf den ersten Blick, dass es zwei Suchfunktionen zu geben scheint. Einmal das gerade erwähnte Suchfeld sowie ein Icon für die Suche am oberen Bildschirmrand. Die Produktsuche lieferte aber auch beiden Wegen die gleichen Ergebnisse.

Natürlich kann auch einfach im Warenangebot über die Kategorien gestöbert werden. In der Detailbeschreibung eines Artikels wird die Verfügbarkeit des Produkts im gewählten Markt abgefragt. Die Verfügbarkeit im Shop und voraussichtliche Lieferzeit zeigt der Shop unmittelbar an.

Die App bietet eine sehr gut strukturierte Vergleichsliste für Artikel. Nachdem wenigstens zwei Produkte auf die Liste genommen wurden, können diese individuell verglichen werden. Dazu wählt der Nutzer einzelne Features aus, die ihm wichtig sind und bewertet dann die Alternativen. So kommt er Schritt für Schritt seinem Wunschprodukt näher. Angeboten wird auch die (fast obligatorische) Wunschliste, auf der Artikel "geparkt" werden können. Über das Menü ist dann auch der Zugriff auf ein vorhandenes Kundenkonto oder die Neuanlage möglich.

Fazit: Praktisch, sauber verarbeitet, nüchtern.

Amazon

Appgefahren - das bieten Händler auf dem Smartphone
Benutzer-Konto und Prime bilden zentrale Elemente in der Verkaufsstrategie von Amazon. Da verwundert es nicht, dass der Nutzer unmittelbar nach dem ersten Start der App dazu aufgefordert wird, ein neues Konto anzulegen oder sich mit seinen bestehenden Daten anzumelden. Existiert das Konto schon länger, dann präsentiert sich die Startseite der App anschließend als verkleinerte Darstellung des Shops selbst. Inspirationen, zuletzt angesehene Artikel - alles dabei, was auch im Browser auf dem Desktop angeboten wird. Und natürlich kann auch auf das Kundenkonto zugegriffen werden.

Die Suchfunktion der App ist nützlich und macht Spaß. Denn der Kunde kann hier nicht nur Text eingeben, sondern auch Spracherkennung einsetzen (Echo und Alexa lassen grüßen) sowie mit der Kamera Gegenstände und EAN-Codes aufnehmen. Während die Spracherkennung sehr gut funktioniert, ist die optische Erkennung ab und an doch stark überfordert.

Für Primekunden gibt es eine Übersicht der aktuellen Sparangebote und zusätzlich auch die Option, die auf dem Smartphone gespeicherten Fotos in die Amazon Cloud zu senden.

Fazit: Die App von Amazon leistet sich keine Schwächen und dürfte bei Stammkunden einen dauerhaften Platz auf dem Smartphone erreichen.

Deichmann

Appgefahren - das bieten Händler auf dem Smartphone
Die App zieht den Nutzer direkt über die Startseite in das Produktangebot hinein und ist ansprechend gestaltet. Die angebotenen Kategorien führen dann aber direkt in den mobilen Shop von Deichmann. Der begrüßt den Kunden mit dem Hinweis, dass auch eine App angeboten wird. Im Menü der App ist die Suche nach der nächsten Deichmann-Filiale enthalten, die dann auch als bevorzugter Standort gespeichert werden kann.

Enthalten ist ebenfalls ein Scanner, mit dem Bar- und QR-Codes aufgenommen werden können. Das ist natürlich praktisch, wenn man sich mit der App gerade auf Shopping-Tour befindet, aber den Artikel doch lieber bestellen möchte. Die Produktsuche im Shop zeigt zwar die Option für die Suche eines Artikels in der Filiale. Leider ist aber keine Verknüpfung zum bevorzugten Store möglich. Das mag aber auch einfach nicht funktioniert haben. Produkte landen entweder direkt im Warenkorb oder auf der obligatorischen Merkliste.

Fazit: Ansprechend gestaltet, besitzt aber noch etwas Luft nach oben, was zusätzliche Services anbelangt.

Saturn

Die App von Media Markt bildet die Blaupause für die App von Saturn (oder umgekehrt, wie Sie wollen). Die angebotenen Funktionen sind identisch und damit trifft auch das Fazit zu.

Lidl

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Der Discounter stellt die aktuellen Angebote der Woche in den Fokus der App. Über die Push-Meldungen des Smartphones kann sich der Kunde an die Sonderangebote erinnern lassen. An Services bietet Lidl die Filialsuche mit Speicherung der Lieblingsfiliale. Außerdem ist der Zugriff auf ein angelegtes Kundenkonto genauso möglich, wie dessen Neuanlage.

Über die App ist auch der Zugriff auf den Online-Shop möglich. Hier wird der Nutzer Schritt für Schritt durch die verschiedenen Kategorien geleitet, bis er dann auf die Produktseiten stößt. Mit einer Wischgeste kann ein Artikel dann in die Einkaufsliste übernommen werden. Die Liste darf dann auch über die Funktionen des Betriebssystems geteilt werden. Für den Abruf weiterer Informationen zu Produkten ist ein QR-Code-Scanner mit dabei. Deutlich im Menü von den anderen Funktionen getrennt sind Zusatzdienste und Aktionen, zum Beispiel Rezeptvorschläge.

Fazit: Solide gearbeitet, technisch sauber umgesetzt. Wer bei Lidl kauft, wird die App wahrscheinlich häufiger nutzen.

Netto

Appgefahren - das bieten Händler auf dem Smartphone
Ohne Zweifel steht bei der Netto-App die Kundenbindung im Fokus. Neben der obligatorischen Filialsuche mit Speicherfunktion werden auf der Startseite die Sonderangebote der Woche ausgelobt und der Kunde dazu aufgefordert, ein Kundenkonto anzulegen. Darüber können dann Coupons und Gutscheine eingelöst werden. Die Anlage des Kundenkontos ist darüber hinaus auch notwendig, um mit der App auch an der Kasse bezahlen zu können. Mit einem Fingertipp können Artikel rasch auf die Einkaufsliste übernommen werden.

Etwas unverständlich, dass Netto die Einkaufsliste etwas versteckt und nicht prominenter im Menü untergebracht hat. Denn diese kann sowohl mit dem Scanner (Bar- und QR-Codes), über die Angebote und über die Spracheingabe des Smartphones bestückt werden.

Fazit: Die App ist als Einkaufsbegleiter durchaus nützlich und sauber programmiert. Die Benutzerführung hat noch etwas Potenzial zur Verbesserung.

Kaufland

Nach dem ersten Start bittet die App von Kaufland erst einmal zur Filialsuche. Außerdem wird der Kunde dazu angeregt, sich ein Kundenkonto anzulegen. Dies ist unter anderem auch dafür notwendig, seine Einkaufslisten mit anderen Kaufland-Kunden (also etwa Familienmitglieder) zu teilen. Wer noch nicht weiß, was er dann kaufen soll, findet über das Menü Zugang zu Rezepten. Mit einem Fingertipp lassen sich dann alle Zutaten auf die Einkaufsliste setzen.

Fazit: Eine funktionale App, die gut funktioniert, aber mit wenig Highlights.

BonPrix

Die App von BonPrix ist das, was man wohl eine klassische Shopping-App nennen würde. Direkt von der Startseite aus geht es gleich mitten in das Warensortiment und dessen Kategorien. Die Übersichtsseiten bieten einen schnellen Überblick über die Produkte, auf den Detailseiten sind dann alle wesentlichen Informationen vorhanden. Darunter auch die Kundenbewertungen. Mit einem Fingertipp landet der Artikel in der Einkaufstüte oder auf der Wunschliste. Als Suchfunktion wird eine reine Textsuche angeboten, die aber die Spracherkennung des Smartphones integriert.

Wer bereits Kunde bei BonPrix ist, erhält mit der App auch Zugriff auf das Kundenkonto, um sich Bestellübersichten und Kontobewegungen ansehen zu können.

Fazit: Die App ist funktional, lädt schnell, bietet aber wenig Spaßfaktoren.

Otto

Appgefahren - das bieten Händler auf dem Smartphone
Wohl eher wenig überraschend, bietet Otto in seiner App nahezu den identischen Funktionsumfang der App von BonPrix. Die Startseite rückt aber Sonderaktionen und Artikelempfehlungen in den Fokus. Der Zugriff auf das Sortiment erfolgt entweder über Kategorien im Menü oder die Suchfunktion. Artikel lassen sich auf einer Merkliste zwischen parken. Nach der Anmeldung ist der Zugriff auf das Kundenkonto möglich. Eine Besonderheit ist das Feature "find ich gut" - hier kann der Kunde (oder besser aktuell wohl die Kundin) sich durch einen Stapel von Produktvorschlägen blättern und wie bei Tinder rasch bewerten. Etwas überraschend für einen Händler dieser Größe und Sortimentsbreite hat es eine Vergleichsliste nicht in die App geschafft. Die Detailseiten zu Produkten lassen allerdings keine Wünsche offen und umfassen auch die Bewertungen anderer Kunden.

Fazit: Keine Frage, die App ist gelungen und funktioniert. Bietet aber für ein Unternehmen dieser Größe wenig Mehrwerte. Ein Produktscanner oder auch eine Vergleichsliste täten der Otto-App gut.

EMP

Appgefahren - das bieten Händler auf dem Smartphone
Kennen Sie nicht? Dann leben wahrscheinlich keine Jugendlichen in Ihrem Haushalt und Sie selbst sind auch schon aus dem Alter heraus, wo es regelmäßig in Rockkonzerte ging. Bei EMP gibt es Merchandising und Modeartikel für junge Leute (oder Junggebliebene). Der Händler setzt stark auf seinen Kundenclub "Backstage". Dieses Pendant zu Prime von Amazon kostet eine Jahresgebühr, umfasst aber Vorteile bei den Preisen und Liefergebühren. Und zu jedem Artikel zeigt die App dann auch die mögliche Ersparnis an. Optisch ansprechend gemacht, bietet die App alle Funktionen, die man von einem solchen Programm wohl heute erwarten darf. Zugriff auf das Kundenkonto, Wunschliste für Artikel und aktuelle Lieferauskunft.

Fazit: Kunden von EMP spart die App den Besuch des Online-Shops. Technisch sauber umgesetzt.

Edeka

Mit seiner App reiht sich Edeka in den Reigen der Apps des Lebensmittelhandels ein und bietet auch die bei den Mitbewerbern vorhandenen Funktionen. Über die Marktsuche kann die bevorzugte Filiale hinterlegt werden. Deren Angebote lassen sich auf Einkaufszettel übernehmen. Über die Anlage eines Kundenkontos können mobile Coupons eingelöst und in der Filiale bezahlt werden. Die Nutzung der Bezahlfunktion ist vom regionalen Markt abhängig. Zur Inspiration bietet Edeka den Kunden regelmäßig wechselnde Rezepte, dabei können auch Vorlieben hinterlegt werden.

Fazit: Eine schöne App, der Nutzwert der einen oder anderen Funktion ist aber abhängig von der regionalen Struktur der Edeka.

Zalando

Appgefahren - das bieten Händler auf dem Smartphone
Die von Zalando gesammelten Erfahrungen in Technologie und Shop-Gestaltung sind auch der App anzumerken. Sie zieht den Kunden durch ansprechende Fotos in die Einkaufswelt hinein. Die Bedienung erfolgt über eine sehr klar strukturierte Symbolleiste, die sich intuitiv bedienen lässt. Warenkorb, Merkliste und Suchfunktion genügen. Fast selbstverständlich ist der Zugriff auf das Kundenkonto möglich. Diese Klarheit setzt sich auch auf den Produktdetailseiten fort, wo etwa über ein zusätzliches Icon auch rasch Varianten angezeigt werden können. Die Produktsuche bietet neben der Texteingabe, einen Bar- und QR-Code-Scanner und eine Fotosuche, die erstaunlich gut funktioniert. Der Kunde richtet die Kamera auf ein Kleidungsstück und legt nach der Aufnahme einen Bildausschnitt fest. Die Logik versucht dann, passende Produkte und Farbvarianten zu identifizieren.

Fazit: In Sachen Oberflächengestaltung und Struktur setzt Zalando durchaus Maßstäbe. Und die Fotosuche ist innovativ und bietet einen deutlichen Spaßfaktor.


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Thema: Mobil

Schlagworte: Einkaufs-Apps

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