Mobile Payment muss zum spielerischen Spaß werden

Von Olaf Kolbrück Olaf Kolbrück | 14. März 2014 |

Haben Sie sich in letzter Zeit einmal einen Kassenplatz im Supermarkt oder an der Tankstelle angesehen? Da sieht es ungefähr so aus, wie auf einer Messe. Eine zusammengewürfelte Ausstellungsfläche für Bezahlsysteme. Und nun auch noch Mobile Payment-Systeme.

Kein Wunder, dass die Kassierer keinen Bock darauf haben, der Handel lustlos reagiert oder gleich das Handtuch wirft, weil er im Wirrwarr der Systeme, Standards und Anbieter schlicht den Überblick verliert. Und der Kunde? Ach ja, der Kunde! Den haben im Grunde alle Anbieter dabei ein wenig vergessen.

Mobile Payment muss zum spielerischen Spaß werden
Vision von Paypal für Beacon


Mehr als 27 verschiedene Payment-Dienstleister zählt Mobiforge. Bekannte Namen sind dabei wie PayPal, Kreditkartenanbieter, die Telkos, IT-Dienstleister und jede Menge Start-ups, die das Handy zur Geldbörse machen (wollen).

Hinzu kommen auf der andere Seite der Kasse, Anbieter von iPad-Kassensystemen wie Orderbird, iZettle, Payleven, Sumup, Square und Streetpay, bei denen mit Karte bezahlt, dann aber per Dongle am iPad oder iPhone abgerechnet wird. Zumindest für die kommenden Jahre taugliche Lösungen für Dönerbuden, Restaurants und die eine oder andere Boutique.

Die ganz großen Erwartungen aber ruhen auf der mobilen Geldbörse. Da ruhen sie in aller Breite. Denn die Fragmentierung des mobilen Marktes hemmt den gesamten Markt und blockiert den Kopf für die wirklich wichtigen Fragen.

Die Situation erinnert ein wenig an den Formatkrieg bei der Einführung der Videokassette: VHS, Betamax, Video2000 oder VCR kämpften damals um die Kunden. Im Mobile Payment sind es neben QR-Code-Varianten über eine Bezahl-App, Verfahren mittels Near Field Communication (NFC) und Bluetooth.

Technisch und Feature-seitig sind all die Lösungen höchst unterschiedlich.

NFC-Bezahlverfahren klappen berührungslos, man muss nur das Smartphone in die Nähe eines Kassenterminals halten. Aber iPhones unterstützen kein NFC und werden es wohl auch nie. Zudem streiten sich die Markteilnehmer darum, wo und wie das Sicherheitselement integriert wird. Auf der SIM-Karte oder im Gerät? Eine Machtfrage zwischen Gerätehersteller und Mobilfunk-Anbieter. So wird das nichts.

Das QR-Code-Verfahren wiederum muss man sich  so vorstellen wie das Fadenspiel. Nur das hier QR-Code, Pins und Spezialzeichen zwischen Kunde und Kassierer hin und her gereicht werden. Dafür klappt das mit jedem neuern Handy.

Immerhin aber beschränken sich die Lösungen hier wie dort nicht mehr auf die reine Bezahlfunktion. Gutscheine, Rabatte, Einkaufslisten, digitale Kassenbons werden implementiert. Ohne solchen Zusatznutzen aber wird künftig gar nichts gehen.

Neue Hoffnung: Beacon, das auf die Technologie Bluetooth Low Energy (BLE) setzt. Günstig einsetzbar und verbraucht weniger Akku als die alte Bluetooth-Technik. Zudem lassen sich damit vom Markt per Beacon-Station Werbebotschaften an Kunden vor der Tür senden. BLE hat eine Reichweite von bis zu 30 Metern und macht damit auch Indoor-Navigation möglich. Auch, wenn gerade mal kein Internet in der Nähe ist. NFC funkt gerade einmal eine Handbreit.

Mobile-Payment-Experte Maik Klotz von Buhl Data Service hat das Wirrwarr in einem Vortrag gut aufbereitet.


Noch mehr Durcheinander? Gerne doch.
Die Anbieter wissen nämlich selbst nicht genau, in welche Richtung sich der Markt und die Technik entwickelt. Kreditkartenanbieter Mastercard bietet seinen Service MasterPass mit NFC und QR-Code-Technik an. Yapital, von der Otto Group ins Rennen geschickt und unter anderem bei Rewe im Rollout, setzt auf QR-Code und Beacon. Die Beispiele ließen sich endlos in unterschiedlichen Kombinationen fortsetzen.

Beacon, der Leuchturm, gilt jedoch ("Hurra, ein neues Spielzeug") fast schon als Heilsbringer. Das Investment ist vergleichsweise günstig, die Optionen sind vielseitig. Da stört es auch wenig, dass noch längst nicht jeder Handynutzer den neuen energieschonenden Standard Bluetooth Low Energy (BLE) nutzen kann - geschweige denn davon weiß (Das Learning bislang ist ja: Blouetooth aus, weil das den Akku schont). Aber BLE kann eben auch Werbung pushen.

Die ersten Anbieter stehen also schon parat, um zu zeigen was Beacon leisten kann. barcoo testet die Bluetooth-Technologie im mymuesli Laden in München und sendet den Nutzern Nachrichten mit besonderen Angeboten. Couponing-Anbieter Gettings plant mit dem Payment Services-Anbieter net mobile AG einen Piloten in Düsseldorf. Shopnow tummelt sich unterstützt mit Springer-Geld, in Läden in Hamburg und Berlin und das Hamburger Start-up Yoints von Sarik Weber pilotiert Testläufe in Drogerieketten. Der Nachteil: Es wird erstmal nur in Marketing-Kategorien gedacht. Gezahlt werden muss auf klassischem Weg.


Immerhin: Paypal zeigt, dass mit Beacon und der Übermittlung der Daten an das Kassensystem der Händler auch die Bezahlung per Gesichtserkennung keine Zukunftsmusik mehr ist. Tests für das freihändige Bezahlen laufen derzeit in Berlin. Klingt besser als mit dem QR-Code herumzufuchteln - bis einen die Kassiererin auf dem Bild partout nicht wiedererkennen will. 


Trotz aller Unwägbarkeiten ist der Handel in Lauerstellung. Kein Wunder, gelten Mobile-Payment-Kunden doch als besonders konsumfreudig. 

Wer sich am Ende durchsetzt?

Ein Blick auf den Formatkrieg bei den Videokassetten zeigt, dass nicht unbedingt die überlegene Technik sein muss. Das Rennen entschieden damals Marketing-Konzepte und der Preis.

Das könnte sich wiederholen.

Gerade, wenn es ums Geld geht, spielen vertrauenswürdige Marken eine Rolle. Da hat sogar die Deutsche Post als Spätstarter mit Paysmart eine Chance, wenn man den Absender deutlich herausstreicht. Ein Momentum, das Yapital als Teil der Otto Gruppe bislang nicht nutzt.
Aber auch die Kreditkartenanbieter und PayPal können hier punkten. Denen vertraut der Kunde ja im Zweifel ohnehin schon und ist womöglich gerade hier künftig eher bereit, eine biometrischen Identifizierung mitzumachen, die dann Pin-Codes überflüssig macht.

Wichtig auch: die Verbreitung. Das ist besonders für Paypal von Vorteil, weil es bestehende Gewohnheiten seiner Nutzer aus der Onlinewelt schlicht in die Kohlenstoffwelt transferieren kann, während andere Anbieter vielfach erst zumindest die kulturelle Hürde in die digitale Welt nehmen müssen.

Mobile Payment muss zum spielerischen Spaß werden
Trinkgeld per App: Starbucks kann es
Nutzwert, Zeitersparnis, Bequemlichkeit - das sollen die Mehrwerte für den Kunden sein. Klappt aber nur, wenn eine "One-Size-Fits-All-Unisex"-Lösung da ist, die Bezahlung, Coupons und Co in einem bietet. Auch hier tun sich besonders PayPal, aber auch Yapital mit ihrem Omnichannel-Ansatz hervor. Der ist ohnehin zukunftsweisend. Wenn der Kunde beim Einkauf schon nicht mehr zwischen Kanälen trennt, wird er das auch nicht beim Payment tun. Reine Loyality-Lösungen werden da wohl nur noch die Hardcore-Schnäppchenjäger erreichen. Gleichwohl ist auch das noch ein Massenmarkt. 

Trotzdem wird es noch lange dauern bis Mobile Payment vom Fleck kommt. Weniger Komplexität, mehr Feature (Coupons, Peer-to-Peer-Überweisung) und Bequemlichkeit, sind nur Bausteine, aber nicht das Fundament. Überzeugen kann Mobile Payment nur dann, wenn es etwas aufbietet, was der klassische Bezahlvorgang, jener unangenehmste Moment beim Einkauf, sonst nicht bietet - Spaß nämlich. 

Es muss Lust machen, mit dem Handy zu bezahlen: Über Belohnungsanreize, kleine intelligente Helferfunktionen wie eine Einkaufshistorie oder Trinkgeld-Optionen bei der Starbucks-Apps.

Über die Starbucks-App laufen übrigens inzwischen schon rund 10 Prozent aller Transaktionen.

Das kann man in weiten Teilen der Vielseitigkeit der App und Milieu-Vorteilen zuschreiben, aber auch dem Sinn für Details. Die neue Version wird einen Schüttelmodus enthalten, um den Bezahl-Barcode auf dem Bildschirm anzuzeigen.

Man kann das kindisch oder blödsinnig finden. Aber das ist genau der Ansatz den es braucht, um das Bezahlen zum spielerischen Vergnügen zu machen. Dann fragt kein Mensch mehr nach dem Format.


Kindle Kindle
Drucken Artikel versenden

Thema: Mobil

Schlagworte: Mobile Payment

alibaba vr
Guten Morgen etailment-Leserinnen und Leser!Ach, würde man beim Premieren-Einsatz von Innovationen d ...
Topartikel
Chatbots - das nächste große Ding im Handel?
Der Blick in das digitale Jugendzimmer oder eine Fahrt mit der U-Bahn zur Rush Hour zeigen es deutli ...
P&G und Dollar Shave Club: Warum der Milliarden-Deal so wegweisend ist
Es war die scheinbar wahnwitzigste Meldung der Woche. Der Konsumgüterriese Unilever zahlt eine Milli ...
Beacons - leuchten sie noch?
Vor gut zwei Jahren rissen Meldungen zu geplanten Einsätzen von Beacons nicht ab. Das Marketing zeig ...
So finden Händler das passende CRM-System
Personalisierung in der Kundenansprache tut Not. Daten helfen, Software hilft. Doch die Auswahl des ...
Gastbeiträge bei etailment: So geht`s
Das tut uns leid. Gegenwärtig nehmen wir keine neuen Beiträge an. ...

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats