Mobile Payment: Warum die Geldbörse nicht verschwinden wird

Von Karsten Werner Karsten Werner | 23. Januar 2013 |

Mobile Wallet
Retro Gadget Geldbörse: Vom Aussterben bedroht.
Angeblich vom Aussterben bedroht? "Physische" Geldbörse (Tankquittungen auch)

Der Hype um das Mobile Payment treibt nicht nur Handel, Banken und IT-Dienstleister um, sondern auch die Mobilfunk-Carrier. 

Die sehen sich in der Zukunft des elektronischen Bezahlens gern in einer, nein, in DER Schlüsselrolle: Als Infrastrukturanbieter des mobilen Wirtschaftens und gleichermaßen als Dienstleister für die dazu benötigten Payment-Prozesse. Klingt nach einem perfekten Plan. Oder? Ein Kommentar.

 

 

 

"Kinder, die heute geboren werden, werden keine physische Geldbörse mehr haben, wenn sie 20 Jahre alt sind!" 

Zu dieser Aussage ließ sich Telefonica Deutschland-CEO Rene Schuster auf der DLD in München hinreißen.

Sein Schlusssatz in einem Plädoyer für das Mobile Payment. Der Grund für diese, den Nachwuchs betreffende, Zukunftsvision war der Start des neuen Telefonica-Services "mPass Geld senden". Als Standard für ein mobiles Bezahlsystem ist "mPass" bereits drei Jahre alt, aber jetzt soll es endlich losgehen. Also jetzt so richtig: Handy-zu-Handy-Überweisung, per Telefonnummer und unabhängig vom Netzbetreiber, sofern der Carrier des Empfängers ebenfalls den "mPass"-Standard unterstützt. "Mitte Februar" soll der Dienst in Deutschland starten.

Auch die digitale Geldbörse "O2-Wallet" soll jetzt nach Deutschland kommen: Bezahlen im Vorbeigehen, dank NFC-Chip auf der SIM-Karte. Hier startet man jedoch vorerst nur mit einem "Friendly User Test" in die Pilotphase. Mittelfristig will man aber ganz vorn dabei sein, wenn es um das Provisionsgeschäft im Mobile Payment geht, schließlich wird das dahingehende Markpotenzial regelmäßig auf "Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter" prognostiziert. Ein Milliardenmarkt. Die Frage dabei ist aber: Warum sollten die Konsumenten dahingend ausgerechnet den Mobilfunk-Carriern vertrauen?

Schöne neue Welt?

Man kennt das. Messe-Trubel: Rauf auf's Podium, Mikro in die Hand, und dann ab dafür: "Da geht's lang. Das ist die Zukunft!"

Am besten, man schließt dann noch mit einem knackigen Einzeiler ab, damit der eigene Auftritt im Überangebot der Messe-Statements im Gedächtnis verbleibt, und natürlich auch, damit Journalisten einen Aufhänger haben. Da wird die Zukunft so "Awesome" und "Fantastic" geredet, bis niemand mehr daran zweifelt. Ach, und übrigens: "In den USA und Asien ist das schon längst Standard", verkündet der weltgewandte und parkettsichere CEO, um etwaige Restzweifel wegzuwischen. Denn wer jetzt noch Einwände hätte, dem fehlte schließlich der entsprechende Horizont. Der ist kein "Global Player", der kommt "vom Dorf".

Hamburg ist das größte Dorf Deutschlands

Apropos "Dorf" Da gibt es weder "Echtzeit" und oftmals auch "kein Netz". Vor 20 Jahren nicht, heute nicht, und ob das in 20 Jahren anders sein wird, ist stark zu bezweifeln. Das gilt zumindest für O2 als Infrastrukturanbieter, denn bei der Definition von "Dorf" ist man seitens der Telefonica nicht kleinlich: Hamburg ist zum Beispiel auch noch eins: Ob zu Stoßzeiten am Hauptbahnhof oder aber im Fußballstadion. Überall, wo was los ist, knicken die Kapazitäten des Carriers unter Last ein. Und falls es -sollten sich die frostigen Temperaturen halten- zu einem "Alstervergnügen" kommen würde, könnten O2-Kunden wieder alles machen: Schlittschuhlaufen, Bratwurstessen und Fotos knipsen. Nur Mitteilen könnten sie es niemandem: Telefonieren oder gar Fotosharing fällt dann flach. Kein Netz.

Die Bratwurst in der Bude am Alsterufer mit dem Handy bezahlen? Wie denn?

"Designed for Disconnect", oder was die Mobilfunk-Carrier gern verschweigen

Das geht per "mPass Geld senden" dann nicht. Per NFC schon, aber der Wurstbuden-Besitzer am Alsterufer hätte da nicht viel von: Zwar funktioniert die drahtlose Übertragung von einem Gerät zum anderen, aber Transaktionen könnten nicht abgeschlossen werden. Am Ende des Payment-Prozesses braucht es dann doch eine drahtlose Verbindung zu einem Server. Geht. Später. "Designed for Disconnect" heißt das Zauberwort, mit dem die Carrier arbeiten. Systemarchitektur auf Basis lückenhafter Netzverbindungen: Die Datenströme werden "geparkt" und die Übertragung setzt dann ein, wenn wieder eine Verbindung hergestellt werden kann. Als Kunde kennt man das schon: Die Neujahrs-SMS aus dem Freundeskreis, die man am 02. oder 03. Januar bekommt. Merkt jemand was? 

Das ist in den USA und in Asien (gemeint sind dabei eigentlich immer nur Japan und  Südkorea) übrigens tatsächlich oft anders. Dort gibt es vielfach die Kapazitäten, um das umzusetzen, was in Deutschland bisher lediglich propagiert wird: Transaktionen in Echtzeit. Social Location Mobile Marketing in Echtzeit. Eventbezogenes Mobile Couponing und Erreichbarkeit sogar in übervollen Sport-Arenen. Da ist der "Markt viel weiter". Mit dem Verweis auf die Entwicklung ausländischer Märkte, wird in Deutschland gern für die eigenen Ambitionen geworben und dabei gibt man sich innovativ: Man holt "das Neue" auch in hiesige Breiten. Jetzt müssen die Kunden das aber auch mal endlich einsehen und dürfen sich der schönen neuen Digitalwelt nicht mehr verweigern.

Ursache und Wirkung werden hier aber vertauscht: Man gibt sich als Teil der Lösung aus, dabei ist man Teil des Problems und letztlich Hauptverursacher einer vermeintlichen Mobile Payment-Distanziertheit der Deutschen: Man hat selbst jahrelang geschlafen, konnte beim Ausbau der Infrastruktur mit der Entwicklung der Kundenbedürfnisse nicht Schritt halten und hat deshalb, immer noch, Probleme die Leistungen im eigentlichen Kerngeschäft zur Zufriedenheit der Verbraucher bereit zu stellen. Was nicht ohne Wirkung geblieben ist: Deren negative Kommentare zu Carriern im Web sind Legion und das entsprechend geringe Markenvertrauen in die Mobilfunk-Anbieter dito: Man braucht sie, aber man kann sie nicht leiden.  Und jetzt sollen die Kunden eben diesen Anbietern auch noch bei der Abwicklung sensibler Bankgeschäfte vertrauen? Wo sie in einem Technologieland wie Deutschland nicht einmal ihr Kerngeschäft zufriedenstellend erledigen und dabei aus Gründen der Kosteneffizienz ganze Regionen "disconnected" lassen?  

Fazit: Wer in der Zukunft den "Master of Mobile Payment" anstrebt, sollte in der Gegenwart erstmal seine "Zwischenprüfung" schaffen

Dass sich das mobile Bezahlen auch in Deutschland etablieren wird, davon ist auszugehen. Dass es Bargeld gänzlich ersetzen wird, jedoch nicht und dass ausgerechnet seitens O2 hier derart auf die Pauke gehauen wird, verwundert: Wie will ein Unternehmen in nur 20 Jahren so nachhaltig die Zukunft prägen, dass physische Geldbörsen "nur noch in Geschichtsbüchern" zu finden sind, wenn es nicht einmal die Gegenwart bewältigt bekommt? Wer will, dass ihm die Konsumenten die Abwicklung von Bezahlvorgängen anvertrauen, der muss eben dieses Vertrauen vorab erst schaffen. In der Gegenwart. Und dazu gehört es, vom Bahnhof über das Stadion bis rein in die Uckermark "zu liefern". Egal, ob sich das rechnet, oder nicht. Nur so wird man dann auch die angestrebte Transformation zu "Digitalen Dienstleistern" umsetzen können. Andernfalls wird sie noch viele Jahre zu finden sein. Die Geldbörse. Physisch.


Kindle Kindle
Drucken Artikel versenden

Thema: Mobil

Neue Händler aus der Nische
In unserem gestrigen Beitrag ging es darum, wie Händler eine mögliche Nische zum Aufbau eines Online ...
Topartikel
Cyberport: Attacke mit besseren Daten und besserem Service
Cyberport baut in München einen eigenen E-Commerce Hub auf.  Es ist so etwas wie die "Abteilung Atta ...
Beacons - leuchten sie noch?
Vor gut zwei Jahren rissen Meldungen zu geplanten Einsätzen von Beacons nicht ab. Das Marketing zeig ...
Local Heroes: Lebensmittel-Startup Emmasbox schärft den Fokus
Gut zwei Jahre nach dem Marktstart kann das Startup Emmasbox, das Lebensmittelhändlern mit gekühlten ...
So finden Händler Ihre Nische
Am Anfang steht die Idee: Warum nicht vom Wachstum des E-Commerce profitieren und einen eigenen Onli ...
Neue Händler aus der Nische
In unserem gestrigen Beitrag ging es darum, wie Händler eine mögliche Nische zum Aufbau eines Online ...

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats