Rechnungskauf im Ausland: Wie Onlinehändler Risiken vermeiden und Chancen nutzen

Von Gastautor | 1. September 2015 |

Rechnungskauf im Ausland: Wie Onlinehändler Risiken vermeiden und Chancen nutzen
André Boeder, Paymorrow
Kaufen deutsche Verbraucher im Internet ein, bezahlen sie am liebsten per Rechnung oder Lastschrift. Dagegen sind Nachnahme oder Sofortüberweisung beim Online-Shopping eher unbeliebt. Das belegt die Studie des Kölner EHI Retail Institut „Online-Payment 2015“, die auf Basis der Top 1000 der Online-Shops in Deutschland 2014 durchgeführt wurde. Das Ergebnis der Studie ist nicht verwunderlich: Deutsche gehen beim Shoppen gern auf Nummer sicher. Erst die Ware, dann die Bezahlung, lautet die Devise. Bieten also Shop-Betreiber die beliebtesten Zahlarten an, sorgt das für geringere Kaufabbruchquoten und höheren Umsatz.

Bei einer Ausweitung der Online-Aktivitäten ins Ausland liegt es deshalb nahe, diesen Service ebenfalls anzubieten. Doch wie verbreitet ist der Kauf auf Rechnung im europäischen Ausland tatsächlich? Wie managen Onlinehändler das notwendige Inkassoverfahren? Und wie schützt man sich vor Betrügern? André Boeder, Geschäftsführer von Paymorrow, gibt in einem Gastbeitrag für etailment fünf Tipps, damit das Auslandsgeschäft deutscher Online-Shops auch in puncto Bezahlung erfolgreich wird.

1)      Zahlungsgewohnheiten überprüfen

Die Vorlieben von Online-Käufern sind in Deutschland und im europäischen Ausland unterschiedlich. Das ist beim Bezahlen nicht anders. Überprüfen Sie deshalb unbedingt, welche Zahlungsarten in Ihren anvisierten Zielländern von den Online-Kunden akzeptiert werden. Ein Kauf auf Rechnung ist sowohl in den deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz als auch in Polen beliebt. Im Kommen sind Länder wie Schweden und Dänemark. Aber auch in den Niederlanden ist Rechnungskauf eine probate Zahlungsart.
Dort erfreuen sich allerdings Bezahlsysteme wie iDEAL, das holländische Pendant zu giropay beziehungsweise sofortueberweisung.de, großer Beliebtheit. Dagegen ist in Frankreich der Kauf auf Rechnung völlig unbekannt. Unsere Nachbarn bevorzugen den Scheck. Nach einer Untersuchung des Preisvergleichsportals Idealo kann mit dem vergleichsweise alten Zahlungsmittel in 68 Prozent der französischen Shops bezahlt werden. In Spanien und Italien ist die Zahlung per Vorkasse im Online-Handel überaus weit verbreitet. In Spanien beispielsweise bieten 84 Prozent der Shops diese Zahlungsart an. Die Kreditkarte wiederum ist im gesamten europäischen Raum etabliert. So auch in Großbritannien. Dort dominiert die Kartenzahlung den Online-Handel sogar. Beliebt ist auf der Insel auch PayPal.
Kurios: In Italien zahlen Web-Shopper nach wie vor gern per Postanweisung. Während diese Zahlungsart hierzulande bereits vor mehr als zehn Jahren abgeschafft wurde, lässt sich damit laut Idealo in rund jedem fünften der untersuchten italienischen Shops bezahlen.

2)      Bonitätsprüfungen einschränken

Um den Kauf auf Rechnung als Bezahlart anbieten zu können, benötigen Online-Händler eine Bonitätsprüfung. Die heutige Technik erlaubt es, Bonitätsprüfungen für den Kunden unsichtbar bereits im Bestellprozess durchzuführen. Damit kann diese erfolgen, bevor sich der Kunde überhaupt für ein Bezahlverfahren entscheidet. Allerdings kosten Bonitätsprüfungen Geld und sind im Ausland zudem deutlich teurer als hierzulande. Die aktive Zahlartensteuerung ist deshalb außerhalb Deutschlands nicht zu empfehlen. Lassen Sie also erst nach Auswahl der Zahlungsart Rechnungskauf eine Bonitätsprüfung durchführen.

3)      Risikomanagement betreiben

Betrug ist im Online-Handel ein großes Thema und die Betrugsvarianten sind facettenreich. So passiert es häufig, dass Ware bestellt, aber nicht bezahlt wird. Betrüger kaufen mit gestohlenen Kreditkarten oder benutzen für den Bestellprozess fiktive Daten. Bonitätsprüfungen allein bieten hier kaum Schutz. Für Online-Shops im Ausland kommt erschwerend hinzu, dass die internationale Strafverfolgung deutlich komplizierter ist als im eigenen Land. Eine Betrugsprävention ist deshalb unabdingbar.
Das gilt umso mehr, je teurer die Produkte sind und je leichter sich diese wiederverkaufen lassen.
Schauen Sie deshalb genau hin: Bestellen auffällig viele Kunden aus der gleichen Straße? Ordern Neukunden besonders große Warenmengen? Ist der Artikel bereits bei anderen Betrugsversuchen aufgefallen? Insbesondere bei Produkten wie Notebooks oder Smartphones kommt das häufig vor. Ist die Rechnungsanschrift auch die Lieferanschrift? Passen Name und E-Mail zusammen? Oder besteht die E-Mail-Adresse aus Fantasienamen? E-Mail-Adressen von ehrlichen Käufern enthalten meist den Namen des Bestellers. Gehen viele Bestellungen mit gleicher E-Mail oder Telefonnummer ein? Was ergibt die Abfrage der IP-Adresse? Verbirgt sich dahinter eventuell ein Anonymisierungsdienst? Haben Sie einen Betrug aufgedeckt, sperren Sie das Kundenkonto.
Tatsache ist: Ein gutes Risikomanagement schützt den Online-Händler vor Zahlungsausfällen. Allerdings gilt es zu bedenken, dass auch die Instrumente zur Risikoprävention überwacht werden sollten. Denn nur so lässt sich verhindern, dass Kunden in einer zu streng konfigurierten Risikoprüfung aussortiert werden.

4)      Inkassoverfahren klären

Erinnerungs-Mail, 1. Mahnung, 2. Mahnung, Übergabe an ein Inkassobüro: Ganz so einfach wie in Deutschland ist das Geldeintreiben im Ausland nicht. Online-Shops können das Inkassoverfahren über ihren deutschen Dienstleister abwickeln, wenn dieser mit ausländischen Partnern zusammenarbeitet. Allerdings ist das nur dann sinnvoll, wenn der Händler lediglich einen geringen Teil seiner Waren ins Ausland verkauft. Als Faustregel gelten hier etwa zehn Prozent. Ansonsten haben Shop-Betreiber die Möglichkeit, mit einem jeweils nationalen Inkassobüro zu kooperieren.

André Boeder

André Boeder ist Inhaber und Geschäftsführer der Paymorrow GmbH, Hamburg. Zuvor war er neun Jahre lang Geschäftsführer des E-Payment-Anbieters ExperCash. Im Online-Handel ist Boeder bereits seit 2000 tätig. Paymorrow zählt im deutschsprachigen Raum zu den führenden Anbietern von Zahlungslösungen im Internet und ist spezialisiert auf die Bezahlformen Rechnungskauf und SEPA-Lastschriftverfahren.

In beiden Fällen müssen sie darauf achten, welche Gebühren bei Inanspruchnahme der Inkassodienstleistung anfallen. Entscheidend ist außerdem, in welcher Reihenfolge verrechnet wird – also ob der Händler oder der Inkassodienstleister bei einer (Teil)zahlung zuerst bedient werden. Auch, wer Auslagen für Adressermittlung und Gerichtsgebühren übernimmt, sollte unbedingt vorab geklärt werden.  Manche Inkassodienstleister übernehmen auf Wunsch auch das komplette Debitoren-Management.

5)      Konto im Zielland eröffnen

Seit der Einführung von SEPA (Single Euro Payments Area) im Jahr 2014 ist die Überweisung ins Ausland problemlos und ohne zusätzliche Gebühren möglich. Allerdings stehen viele Online-Käufer dem skeptisch gegenüber. Es lohnt sich deshalb, vor Ort ein nationales Konto zu eröffnen. Falsch wäre es dabei jedoch, die Zahlungen nur alle 14 Tage zu checken und gegebenenfalls zu mahnen. Kunden, die ohnehin betrügerische Absichten haben, tätigen oft innerhalb kürzester Zeit eine zweite und dritte Bestellung. Verbuchen Sie deshalb täglich die eingehenden Zahlungen.
Wählen Sie zudem kein zu langes Zahlungsziel – bei einem Zahlungsziel von beispielsweise 30 Tagen geraten Rechnungen häufig in Vergessenheit. Ideal sind 14 Tage. Dies wiederum setzt eine reibungslose Retourenabwicklung voraus. Gibt es hierbei Schwierigkeiten, haben sich auch 21 Tage bewährt.

Fazit: Auch wenn Rechnungskauf und Lastschrift im europäischen Ausland nicht so weit verbreitet sind wie in Deutschland, lohnt es sich, diese Zahlarten anzubieten. Voraussetzung ist allerdings, ein solides Risikomanagement aufzusetzen und einen Inkassodienstleister ins Boot zu holen. Zudem hilft die Eröffnung eines Kontos im Zielland dabei, das Vertrauen des Kunden zu gewinnen.


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