Der Netrada-Deal könnte eine Trendwende im E-Commerce-Fulfillment einleiten

Von Bert Rösch | 15. Januar 2014 |

Netrada: Arvato macht den Deal perfekt und behält wichtige Kunden
Die Rettung des insolventen E-Fashion-Dienstleisters Netrada erfolgte nicht nur schneller als erwartet. Die vorige Woche erzielte Lösung fiel auch deutlich besser aus als es sich die meisten Beteiligten und Beobachter erträumt hatten. Schließlich fand sich mit der Bertelsmann-Tocher Arvato ein Käufer, mit dem sowohl die Mitarbeiter als auch die Handelskunden sehr gut leben können: Es bleiben, wie der Insolvenzverwalter mitteilt, der Netrada-Standort Garbsen sowie „nahezu alle“ Arbeitsplätze erhalten. Das gleiche gilt für das Kundenportfolio, das rund 80 Mode-Online-Shops umfasst, darunter die von Hugo Boss, Esprit und C&A. Somit läuft das Geschäft reibungslos weiter. Mit Tendenz nach oben.


Denn wie Arvato-Chef Achim Berg betont, gehört der E-Commerce zu den wichtigsten Wachstumsfeldern des Bertelsmann-Konzerns. Und Arvato verfügt in diesem Bereich bereits über umfassende Erfahrungen. Für die weitere Expansion stehen ausreichend Finanzmittel zur Verfügung. Dazu kommt die breite Aufstellung von Arvato. Sie ermöglicht ganz andere Preiskalkulationen und Argumentationen bei der Kundenakquise. Zum Bespiel, indem Dienstleistungspakete geschnürt werden, die neben E-Commerce auch Services wie Dialogmarketing und Customer Care umfassen.

Zu optimistische Umsatzprognosen

Somit ist es äußerst unwahrscheinlich, dass der Dienstleistungsgigant, der 2012 einen Umsatz in Höhe von 4,45 Mrd. Euro erwirtschaftete, ähnlich schnell kalte Füße bekommt wie der bisherige Netrada-Eigner Apax. Dieser hatte im Oktober 2013 überraschend den Geldhahn zugedreht. Zugegeben: Das bereits vor der Insolvenz geschasste Netrada-Management hat sich mit der – vermutlich vom Investor eingeforderten – Expansion in die USA und nach China sowie dem Bau teurer Logistikzentren etwas übernommen. Auch basierten die Verträge mit den Modemarken meistens auf viel zu optimistischen Umsatzprognosen.

Dennoch handelt es sich bei Netrada immer noch um ein relativ gesundes Unternehmen, das über wertvolles Know-how in einem der größten Wachstumsmärkte des Handels verfügt. Laut Prognose von Forrester Research wird sich das Volumen im europäischen Online-Handel mit Mode und Kosmetik bis 2016 auf 50 Mrd. Euro erhöhen. 2012 waren es noch 28 Mrd. Euro gewesen. Keine Branche wächst online schneller.

Verträge neu verhandelt

Netrada: Arvato macht den Deal perfekt und behält wichtige Kunden
Autor Bert Rösch bewertet in der TextilWirtschaft regelmäßig Trends im Fulfillment
Andernfalls hätten die für ihr solides Wirtschaften bekannten Gütersloher sicherlich die Finger vom Mitbewerber gelassen oder nur Teile des Unternehmens gekauft. Allerdings knüpften sie ihren Einstieg an bestimmte Bedingungen. Vorneweg die vielfach kritisierten Verträge. Diese wurden im Vorfeld bei den sechs größten Kunden neu verhandelt. Weitere sollen folgen. Für die Modehersteller mag das zunächst schmerzhaft sein. Doch langfristig fahren sie damit sicherlich besser. Denn was nützen die besten Konditionen, wenn der Dienstleister daran zugrunde geht?

Die Folgen kämen den Kunden deutlich teurer zu stehen, da eine Migration der IT zu einem anderen Anbieter viel Zeit, Geld und Ressourcen kostet. Außerdem können Vereinbarungen, die das Risiko nicht allein dem Dienstleister aufbürden, das Online-Geschäft auch antreiben.

Der Grund: Ein Online-Shop kann nur dann richtig erfolgreich sein, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Das war bislang nur selten der Fall, da das Online-Geschäft für gewöhnlich komplett outgesourct wurde – mitsamt fast allen Risiken und nahezu jeder Verantwortung. Wenn es schief lief, musste der Dienstleister bluten, nicht aber der E-Commerce-Verantwortliche des Kunden. Ein Grund, warum dieser für gewöhnlich wenig Zeit und Geld in die Verknüpfung der Online- und Offline-Kanäle steckte. Das ist aber in
Zeiten von Multichannel essenziell wichtig, insbesondere beim Marketing.

Aufatmen in der Branche

Die Netrada-Übernahme könnte somit eine Trendwende im E-Commerce-Fulfillment einleiten. Denn wenn auch der neue Marktführer Arvato auf faire Verträge pocht, dann weicht bei den anderen E-Commerce-Dienstleistern der Druck, riskante Vereinbarungen zu unterschreiben. Und vielleicht überlegt sich der eine oder andere Anbieter künftig zweimal, ob er einen ungeduldigen Investor ins Boot holt, der zunächst kräftig aufs Tempo drückt, dann aber bei der ersten Leckage panikartig ins Wasser springt. Daher atmete die Online-Branche auch erleichtert auf, als klar wurde, dass Apax Netrada nicht an einen anderen Investor weiterreicht.

Ähnliches gilt für Alternative Nummer zwei, den Verkauf von Netrada an ein Kundenkonsortium. Dieses wäre vermutlich früher oder später an den unterschiedlichen Interessen der Vertragspartner und dem hohen Abstimmungsbedarf gescheitert. Somit kennt der Netrada-Deal fast nur Gewinner. Größter Verlierer ist Apax: Laut Insidern hat die Wagniskapitalgesellschaft bei ihrem norddeutschen E-Commerce-Abenteuer mehr als 700 Mill. Euro in den Sand gesetzt. Arvato wird das sicherlich nicht passieren.

Kindle Kindle
Drucken Artikel versenden

Thema: Player&People

Schlagworte: Netrada, Fulfillment

handmade amazon
Guten Morgen etailment-Leserinnen und Leser!Wie weltumspannend und umfassend ist Amazon? Die Antwort ...
Topartikel
Kurz vor 9: Amazon erschreckt mit massiven Verlusten, PayPal, eBay, Urbanara, Apple,
Amazon ist die Produktsuchmaschine Nummer 1 der Deutschen. Gute Sichtbarkeit im Ranking kann daher d ...
Die Top 100 der umsatzstärksten Onlinehändler in Deutschland
Die Dominanz der Top 3 im deutschen Onlinehandel - Amazon, Otto, Zalando - ist schier erdrückend. Zu ...
Trendreport: Wie alltaugstauglich sind die Zukunftsvisionen für den E-Commerce?
Über 12.000 Produkte im ersten richtigen Virtual-Reality-Kaufhaus; ein Vertriebs-Bot, der E-Mails an ...
Rewe Digital: Schweizer Taschenmesser im Kampf gegen Amazon
Guten Morgen etailment-Leserinnen und Leser!Eine Studie der News-Organisation ProPublica zeigt gerad ...
Marc Opelt
Guten Morgen etailment-Leserinnen und Leser!Den Satz kennen Sie sicher: Kunden brauchen keine Bohrma ...

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats