Geld senden per E-Mail: Bringt Google den Durchbruch?

Von Gastautor | 31. Mai 2013 |

Sascha Breite
Die Idee, Geld per E-Mail zu schicken, ist nicht ganz neu. Die Bank of America hat beispielsweise auch schon versucht, einen solchen Dienst zu etablieren. In diesem Monat betrat ein neuer Player  die Arena: Google hat angekündigt, Google Wallet in den Webmail-Dienst „Gmail“ zu integrieren. Die User sollen dann in der Lage sein, Geld als E-Mail-Attachment zu versenden. Dies bringt eine Reihe von Fragen mit sich: Gelingt Peer-to-Peer-Payment nun der Durchbruch? Wird sich unser Bezahlverhalten fundamental ändern? Was sind die Folgen für den europäischen Payment-Markt? Sascha Breite, Leiter Portfolio und Positioning des Payment-Spezialisten SIX Payment Services, unterzieht die Ankündigung in einem Gastbeitrag für etailment einem Realitäts-Check.

 

Die Ankündigung, Google Wallet in Gmail zu integrieren, ist zweifellos ein spektakulärer Schachzug. Zunächst wird es diesen Payment-Dienst zwar nur in den USA geben, aber er wird seinen Weg in den nächsten Jahren auch nach Europa finden. Welches Potenzial hat der Dienst dann hier, wie populär kann er werden?

Die erste große Herausforderung für Google und ein wichtiger Erfolgsfaktor insgesamt wird es sein, eine kritische Masse an Nutzern für den Dienst zu gewinnen. Gmail ist da ein guter Ansatz – aber gut genug in Europa? Laut Google kommen derzeit 2,4 Prozent der Gmail-Nutzer aus Großbritannien, 2,0 Prozent aus Spanien und nur 0,9 Prozent aus Deutschland. Zur Nutzung von Google Wallet gibt es keine Zahlen für Europa. Das deutet darauf hin, dass es vielleicht auch für den Big Player Google nicht ganz so einfach sein wird, auf Anhieb eine dominante Marktposition zu erobern.

Trotzdem sind sogenannte „Peer-to-Peer-Zahlungen“ einer der großen Trends. Je einfacher ein solcher Dienst zu nutzen ist, desto besser seine Chancen. Mit Gmail punktet Google im Bereich Nutzerfreundlichkeit, was dem Unternehmen eine sehr gute Ausgangsposition verschaffen dürfte.

Google-Logik und Bezahlen mit Daten

Das Thema Daten hat einen gewaltigen Einfluss auf den möglichen Geschäftserfolg eines jeden neuen Online-Tools. Bekanntermaßen besteht Googles Geschäftsmodell darin, Orientierung zu bieten und den Nutzern zu helfen, die für sie relevanten Inhalte zu finden. Dieser Relevanzfaktor gilt umso mehr für Googles auf Informationsverknüpfung basierende B2B Services. Je höher der Wert der Informationen, die Google liefern kann, desto mehr kann der Suchgigant dafür auch verlangen. Die Vorreiterrolle und die Einnahmen aus dem neuen Payment-Geschäft dürften daher nicht der einzige Grund für die Wallet/Gmail-Integration gewesen sein. Viel interessanter sind für Google wahrscheinlich die zusätzlichen Daten rund um Zahlungen und Kaufverhalten, die das Unternehmen über diesen Dienst gewinnen kann.

Google wallet

Ein weiterer Vorteil für Google besteht darin, dass das Unternehmen einige seiner Dienste zu einem konsistenten E-Commerce-Ökosystem zusammenführen könnte. Von der Suche nach Produkten über den Austausch mit Freunden über Google+ bis hin zum Bestellen und Bezahlen – all das könnte auf derselben Plattform stattfinden. Angesichts der derzeit noch stark fragmentierten Welt des Online-Traffics ist diese Option ist eine durchaus attraktive, und vor allem eine realistische.

Sehr viel hängt für Google davon ab, ob die Nutzer dazu bereit sein werden, für Einfachheit und Komfort mit persönlichen Daten zu bezahlen. Dem Unternehmen ist sicher bewusst, dass es nun umso mehr unter Beweis stellen muss, dass es private Daten respektiert und schützt. Auch weil Nutzer zunehmend verstehen, dass sie die Nutzung kostenloser Dienste mit ihren Daten bezahlen und immer öfters auf ihre Rechte in Bezug auf Datenschutz pochen. Suchdaten und Finanzdaten in der Hand eines einzigen Unternehmens – das weckt Misstrauen, das entkräftet werden will.

Rechtliche Aspekte und Sicherheitsbedenken

Google seine Daten anzuvertrauen ist eine Sache. Eine ganz andere ist es aber, auch sein Geld in die Hände von Google zu legen. Hier spielen rechtliche Fragen eine Rolle: Was passiert beispielsweise, wenn Nutzer nach einer in ihren Augen fehlerhalten Transaktion Geld zurückfordern, der Dienstleister aber im Ausland sitzt und sich auf ausländische Gesetze und Geschäftsbedingungen berufen kann? Wird Google in der Lage sein, dieselbe Qualität und Garantien zu bieten, die Banken bei internationalen Transaktionen übernehmen?

Wenn ein Dienst sehr einfach zu bedienen ist, geht dies nicht selten zu Lasten der Sicherheit. Die Google Wallet/Gmail-Integration ist sicherlich auf Nutzerfreundlichkeit ausgelegt. Es ist allerdings auch davon auszugehen, dass Google alles in seiner Macht stehende tun wird, um den Dienst sicher zu gestalten. Ein Sicherheitsvorfall würde einen fast nicht wieder gut zu machenden Image-Schaden nach sich ziehen. Eine Mammutaufgabe, bei über 425 Millionen Gmail-Accounts weltweit. Mit der Abwicklung von Finanztransaktionen steigt die Attraktivität des Webmail-Dienstes zudem nicht nur bei Nutzern, sondern auch in den Augen von Cyber-Kriminellen.

Im Wettbewerb um das nächste große Ding

Der Autor

Sascha Breite ist Head Portfolio & Positioning bei SIX Payment Services. Das Unternehmen bietet Finanzinstituten und Händlern  Dienstleistungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Breite betreut den Bereich seit 2012. Zuvor war er Managing Director für die deutschen Tochtergesellschaft der Schweizer SIX Card Solutions. Davor war er unter anderem für Ingenico, EPC und  Siemens tätig.

Auch die anderen großen Marken treiben ihre Payment-Innovationen voran: Amazon erweitert seine Dienste laufend, Paypal hat sich bereits einen großen Marktanteil verschafft, Visa und MasterCard starten ihre eigenen Wallet-Dienste mit V.me und MasterPass. Finanzinstitute haben das Thema ebenfalls auf dem Schirm und verstehen zunehmend, dass auch sie ihre Online-Banking und Zahlungslösungen schneller modernisieren müssen, um auf lange Sicht wettbewerbsfähig zu bleiben.

Sehr viele Variablen müssen zusammenspielen, damit sich einer der Player wirklich durchsetzen kann. Eine davon ist das richtige Timing: Eine gute Idee ist wertlos, wenn sie zu früh auf den Markt gebracht wird oder sie vom umgebenden Ökosystem nicht unterstützt werden kann. Google könnte einen guten Zeitpunkt gewählt haben und muss nun alles daran setzen, schnell an Akzeptanz und an Nutzern zu gewinnen.

Verbraucher in ganz Europa setzen zunehmend auf elektronische Zahlungen. Online- und Mobile-Payment werden ebenfalls zunehmend interessanter. Die Wallet-Initiativen diverser Anbieter, einschließlich Google Wallet und Gmail, sind weitere Schritte auf dem Weg zum elektronischen Zahlungsverkehr.

Paypal bietet seit inzwischen etwa 15 Jahren einen Peer-to-Peer-Zahlungsdienst an. Jetzt folgt Google mit einem ähnlichen, vielleicht noch einfacher zu nutzenden Dienst. Das Timing passt, und die Verbraucher stehen solchen Angeboten nicht verschlossen gegenüber. Ob Google mit diesem Schritt zum dominierenden Player wird ist offen. Das neue Angebot erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass Peer-to-Peer-Payment vom gehypten ‚Next Big Thing‘ tatsächlich zu einem natürlichen Bestandteil unseres Alltags wird.


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