Bilanz der Otto Group steht bevor: Hingucken, wo es weh tun könnte

Von Bert Rösch | 15. Mai 2015 |

Bilanz der Otto Group steht bevor: Hingucken, wo es weh tun könnte
Unterm Strich wird es für die Otto Group schmerzhaft
Mit großer Spannung blickt die Branche nach Hamburg, wo die Otto Group kommende Woche voraussichtlich ein negatives Konzernergebnis vermelden wird. Grund sind Minuszahlen im Ausland sowie bei SportScheck und MyToys. Sie stehen Pluswerten im E-Commerce und bei den Finanzdienstleistungen gegenüber. Worauf dann besonders zu achten sein wird, fasst etailment zusammen. 

Wenn das Management der Otto Group etwas nicht mag, dann ist es der direkte Vergleich mit dem Shooting-Star Zalando. Auf dessen Erfolgsgeschichte angesprochen, argumentierten die Hamburger in den vergangenen Jahren immer eifrig, dass Zalando ja noch weit von der Gewinnzone entfernt und im Großen und Ganzen nichts anderes als ein riesiger Kapitalvernichter sei, der früher oder später auf die Nase falle. Spätestens dann, wenn die Investoren kalte Füße bekämen. Die Otto Group erwirtschafte dagegen kontinuierlich Ebit-Renditen von drei bis fünf Prozent und wachse fast ausschließlich aus eigener Kraft.

Tempi passati.

Am 20. Mai wird Vorstandschef Hans-Otto Schrader auf der Bilanzpressekonferenz des Handelskonzerns in Hamburg voraussichtlich zum ersten Mal seit 2009/10 (minus 144 Millionen Euro) einen Verlust vor Steuern (Ebt) vermelden müssen, heißt es in gut unterrichteten Konzernkreisen.

Und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem Zalando erstmals ein positives Vorsteuer-Ergebnis erzielte. Zudem erreichten die Berliner eine Ebt-Marge von 2,6 Prozent. Also mehr als die Otto Group in den Geschäftsjahren 2013/14 (1,87 Prozent) und 2012/13 (1,77  Prozent9 verzeichnete. Zudem steigerte Zalando seinen Umsatz 2014 um 25 Prozent, während die Erlöse der Otto Group mit einem Plus von 0,5 Prozent fast stagnierten.

Gleichzeitig sank dem Vernehmen nach die Eigenkapitalquote der Gruppe auf etwa 20 Prozent. Kurzum: Otto Group-Chef Schrader wird sich am 20. Mai viele unbequeme Fragen gefallen lassen müssen. Insbesondere zu Gesellschaften und Sparten, die sich unter Plan entwickeln. Vorneweg das stark durchwachsene Auslandsgeschäft, die hoch defizitäre MyToys-Gruppe, der seit Jahren schwächelnde Multichannel-Händler SportScheck und der bislang enttäuschende Mobile-Payment-Anbieter Yapital, in den die Gruppe angeblich über 100 Millionen Euro investiert hat.

Dennoch: Wer jetzt einen Abgesang auf die Otto Group einstimmt, liegt vermutlich falsch. Schließlich gibt es beim zweitgrößten Versandhändler der Welt auch zahlreiche positive Entwicklungen. Ein Überblick.

Bilanz der Otto Group steht bevor: Hingucken, wo es weh tun könnte
Sorgenkinder und Hoffnungsträger (Grafik: TextilWirtschaft)


Die Lichtblicke

Lichtblicke in der durchwachsenen Bilanz der Multichannel-Händler sind die Renditen von Otto, Bonprix, Witt und Baur sowie die positiven Entwicklungen bei Collins und Lascana. Bei Otto.de bewegte sich die Rendite erneut im Zielkorridor von 3 bis 5 Prozent, Bonprix vermeldet eine Marge von 5 Prozent, Witt spricht von einer knapp zweistelligen Rendite, und Baur (u.a. Universalversender Baur.de, Schuhversender I’m Walking und die österreichische Versender-Holding Unito) hat nach Angaben von Geschäftsführer Albert Klein ein „nachhaltig gutes Ergebnis“ erzielt, das die Erwartungen aufgrund von Sondereffekten sogar „deutlich übertroffen“ habe. Das Open Commerce-Project Collins, das die Young Fashion-Shops About You, Edited und Sister Surprise betreibt, kam im ersten Jahr des Bestehens auf einen zweistelligen Millionen-Euro-Umsatz, eine halbe Million aktive Kunden und eine Markenbekanntheit von 12 Prozent (Marktforscher YouGov). 2017 soll die 100-Millionen-Hürde genommen werden.

Der 2006 gestartete Bademoden- und Wäsche-Anbieter Lascana steigerte den Umsatz mit der gleichnamigen Marke 2013/14 um 30 Prozent auf 120 Millionen Euro und expandiert in diesem Jahr in sechs europäische Märkte. Kurzum: Es besteht Hoffnung, dass neue Marken langfristig die Umsatzrückgänge auslaufender Geschäftsmodelle ausgleichen.

Bestes Beispiel ist Schwab. Der einstige Universalversender wird seit 2009 schrittweise in den Große Größen-Anbieter Sheego umgewandelt. Dieser drängt seit Ende 2013 in den stationären Handel und überzeugt dabei mit dem innovativen Handelskooperationskonzept Cross Company Channeling. Allerdings sind dem Vernehmen nach die Sheego-Umsätze noch weit davon entfernt, die abschmelzenden Erlöse im Universalversand (zuletzt 9 Prozent) komplett zu kompensieren.

Die Sorgenkinder

Leichte Marktanteilsverluste verzeichnete die Otto Group hierzulande im reinen Online-Handel. Die Umsätze stiegen zwar um 5 Prozent auf knapp 4,2 Milliarden Euro. Das sind aber zwei Prozentpunkte weniger als die gesamte Branche dem E-Commerce-Verband bevh zufolge im vergangenen Jahr erlöste.

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Ordentliche Leistung - aber schwächer als die Branche (Grafik: Otto Group)

Großes Kopfzerbrechen dürfte dem Otto Group-Vorstand derzeit das Kerngeschäft des Handelskonzerns bereiten: der Multichannel-Einzelhandel in Deutschland, der im vergangenen Geschäftsjahr nur um 0,7 Prozent wuchs. Lediglich die Baur-Gruppe konnte ihre Wachstumsrate im Vorjahresvergleich verbessern. Bei Otto.de hat sich die Wachstumsrate dagegen halbiert.

Auch der Best Ager-Spezialist Witt und der Niedrigpreis-Anbieter Bonprix legten beim Umsatz längst nicht mehr mehr so stark zu wie in den Vorjahren. Bonprix sieht sich einem wachsenden Wettbewerb von Discountern wie Primark und Kik ausgesetzt. Hauptwettbewerber von Witt sind die TryStyle-Töchter Peter Hahn, Madeleine und Atelier GS, die 2013/14 zusammen um 3,2 Prozent auf 482 Millionen Euro wuchsen und dabei eine opeartive Marge von 7,4 Prozent erzielten.

Fragezeichen Stationärhandel

Die Strategie der Otto Group für den stationären Handel ist weiterhin unklar. Der zuständige Vorstand Tim Homann nahm Ende 2014 enttäuscht seinen Hut. Von seiner Nachfolgerin Neela Montgomery war bislang wenig zu hören. Sie soll vor allem die im Stationärhandel verankerten Multichannel-Anbieter auf Trab bringen, insbesondere die US-Möbelkette Crate & Barrel und den Münchner Filialisten SportScheck. Darüber hinaus sind hierzulande nur MyToys, der Modediscounter Bonprix, der Jagdmodeanbieter Frankonia sowie Manufactum in nennenswertem Umfang im stationären Handel tätig. Immerhin erwirtschaftet der Konzern in diesem Bereich 11 bis 12 Prozent seiner Handelserlöse. Otto.de lehnt eine Expansion in die Einkaufsmeilen der Republik strikt ab. „Der Fokus liegt ganz klar auf der Transformation der Geschäftsmodelle in den E-Commerce“, heißt es. Allerdings hatte die Gruppe in den vergangenen Jahren die Übernahme der Filialisten Görtz und Strauss Innovationen geprüft. Diese sollten Branchenkreisen zufolge im Fall einer Akquisition mit dem Sortiment von Otto.de verknüpft werden. Stichwort: Click&Collect. Fraglich ist, ob sich der Versender auf Dauer leisten kann, dem zukunftsträchtigen Multichannel-Geschäft fern zu bleiben. Immerhin streckt die Schwester Sheego ihre Fühler in den Stationärhandel aus, mit derzeit 38 Shop-in-Shop-Flächen und drei eigene Stores. Mittelfristig sollen es 200 werden.
Bei SportScheck gingen die Erlöse im dritten Jahr in Folge zurück, und das in Schritten von jeweils zwei Prozentpunkten. Zuletzt wegen der alles andere als reibungslos verlaufene Umstellung von IT und Logistik. Der Filialist sah sich in der Folge genötigt, die Marketingmaßnahmen deutlich herunterzufahren, um „die Last auf die Systeme zu vermindern“, teilt ein Otto Group-Sprecher mit. Inzwischen seien die Probleme aber behoben.

Immanent dürfte dagegen der harte Wettbewerb sein. Schließlich müssen sich die Münchner nicht nur mit den Händlern der Einkaufsverbünde Sport 2000 und Intersport sowie Marken-Stores von Adidas & Co messen, sondern auch mit Newcomern wie JD Sports und Stadium. Hinzu kommen Big Player wie H&M, Mango und Bestseller die inzwischen auch Sportmode verkaufen.

Licht und Schatten

Immerhin konnte die Heine-Gruppe, zu der neben den Damenmode-Versendern Heine und Alba Moda auch Manufactum gehört, ihren Negativtrend stoppen: Nach Umsatzrückgängen von jeweils 4,2 Prozent in den vergangenen zwei Geschäftsjahren haben es die Karlsruher fast geschafft, das Vorjahresniveau zu halten. Die Otto Group gibt sich bei den Gründen für den Turnaround bedeckt. Eine „bessere Kundenansprache“ habe den Umsatzrückgang gestoppt, sagt ein Sprecher. Der Modeversender Heine, der wie Otto gegen Multilabel-Anbieter wie Zalando, Fashion ID (P&C Düsseldorf) und Conleys konkurriert, hatte im November 2014 bei der Kundenzufriedenheitsstudie „Black Box Online-Shopping“ überraschenderweise den ersten Platz erklommen. Kurze Zeit später verpflichtete der auf 40 bis 50 jährige Frauen spezialisierte Händler, der laut Otto Group 2014/15 einen Umsatzrückgang im niedrigen einstelligen Prozentbereich verzeichnete, den SportScheck-Geschäftsführer Jürgen Habermann als Vorsitzenden der Geschäftsführung. Branchenkenner gehen davon aus, dass der erfahrende Versandhausmanager der richtige Mann ist, um die Transformation des einstigen Katalogversenders in einen Online-Händler weiter voranzutreiben.

An Habermanns alter Wirkungsstätte brennt es momentan am stärksten. Als Feuerwehrmann wurde Markus Rech, bisher Geschäftsführer des Mannheimer Multichannel-Händlers Engelhorn Sports, geholt.

Bilanz der Otto Group steht bevor: Hingucken, wo es weh tun könnte
Mehr zum Thema in der aktuellen Ausgabe der TextilWirtschaft
Ähnlich wie SportScheck litt auch die MyToys-Gruppe im vergangenen Geschäftsjahr unter der Umstellung von IT und Logistik. Laut Otto Group wurden die Probleme aber rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft 2014 behoben. Mit dem aktuellen Plus von fast 11 Prozent ist man einem Sprecher zufolge zufrieden, da es trotz der Probleme bei der IT- und Logistikumstellung auf dem Niveau der „überall gefeierten Online Pure Player“ liege. Ein Vergleich mit dem Vorjahr ist nicht möglich, da damals die integrierten Unternehmen Limango und Mirapodo erstmals bilanziert worden waren.

Das größte Problem der MyToys-Gruppe, zu der neben MyToys auch der Schuhversender Mirapodo, der Online-Shopping-Club Limango und der Damenmode-Anbieter Ambellis gehören, sind aber die hohen Verluste der vergangenen Jahre. Sie summierten sich laut Bundesanzeiger am Ende des Geschäftsjahres 2013/14 auf einen Bilanzverlust rund 54 Millionen Euro. Der Jahresfehlbetrag schnellte von fast 1,1 Millionen Euro auf 16,38 Millionen Euro empor. Branchenexperten zufolge kommt der Spielzeug- und Kindermode-Anbieter MyToys nicht gegen die Marktmacht von Amazon an, der die Spielzeughersteller bei den Preisen stark drücke. Wie hoch der Verlust 2013/14 ausgefallen ist, wird voraussichtlich erst im Frühjahr 2016 bekannt, wenn MyToys pflichtgemäß seine Bilanz im Bundesanzeiger veröffentlicht. So wundert es nicht, dass die Otto Group nur ausweichend auf die Frage nach dem Break-even antwortet: „MyToys ist ein Geschäftsmodell, das auf Wachstum ausgelegt ist und bei dem wir entsprechend investiv vorgehen.“

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MyToys:Schwerer Stand gegen Amazon

Im Ausland mit gemischten Gefühlen

Das schwache Umsatzwachstum der Otto Group im vergangenen Geschäftsjahr (0,5 Prozent nach 1,8 Prozent im Vorjahr) ist indes hauptsächlich auf die rückläufigen Erlöse im Ausland zurückzuführen. Am stärksten schrumpfte das Geschäft in Russland (Ukraine-Krise). In Frankreich gingen die Umsätze wegen des anhaltenden Umbaus der defizitären 3SI Group (u.a. 3 Suisses und 3 Pagen) um fast 12 Prozent auf 851 Millionen Euro zurück.

Erfreulicher läuft es in Brasilien mit dem  Joint Venture Posthaus in Brasilien. Zumindest ist Posthaus seit einem Jahr profitabel; der Umsatz hat sich 2014 fast verdoppelt. Ob die 100-Millionen-Euro-Grenze schon erreicht wurde, ist nicht bekannt. Spätestens 2016 soll die Tochter über 191 Millionen Euro erwirtschaften. Unterdessen hat auch die nordamerikanische Möbel- und Einrichtungskette Crate&Barrel, die die Trendwende geschafft. Insgesamt wuchs das Nord- und Südamerikageschäft um 8,3 Prozent auf rund 1,37 Milliarden Euro.

Bert Rösch berichtet für die Fachzeitschrift TextilWirtschaft über E-Commerce, Logistik und IT in der Modebranche. Sie erscheint, ebenso wie etailment, in der dfv Mediengruppe


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Schlagworte: Otto Group

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