"Die Supermärkte von morgen werden ganz anders sein"

Von Gastautor | 20. Juni 2016 |

Auf welche Trends muss sich die Lebensmittelindustrie einstellen? Haben traditionelle Supermärkte eine Zukunft? – Welche Herausforderungen auf die Branche zukommen werden, verrät Joanne Denney-Finch, CEO des Marktforschungsunternehmens IGD, im Interview.

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Joanne Denney-Finch, CEO des Marktforschungsunternehmens IGD

Wann hat Sie ein Lebensmittelhändler das letzte Mal überrascht?

Joanne Denney-Finch: In unserer Branche gibt es ständig Neues und Faszinierendes zu entdecken. Bei IGD verfügen wir über einen «Innovation Tracker», der bahnbrechende Entwicklungen im Lebensmittelhandel weltweit aufspürt. Zum Beispiel testet die Inköpscentralernas aktiebolag in Schweden einen Heimlieferdienst, bei dem die Kunden ihre Wohnungen über das Smartphone öffnen können, falls sie zum Lieferzeitpunkt nicht daheim sind. Und in Japan kann man jetzt eine Gabel kaufen, die einen sanften elektrischen Stoss an die Zunge abgibt. Dadurch wird der Geschmack von Salz simuliert!

Sie forschen viel. Wo sehen Sie die größten Veränderungen seit Ihrem letzten Besuch am GDI vor sechs Jahren?

Joanne Denney-Finch: Die wichtigste Veränderung besteht darin, dass Kunden in vielen Ländern häufiger einkaufen als früher. In Großbritannien gehen die Menschen durchschnittlich 26 Mal pro Monat in ein Lebensmittelgeschäft. Das passt zu unserem schnellen Leben, in dem man lieber spontan ist, als für die ganze Woche zu planen.

Joanne Denney-Finch

CEO des britischen Marktforschungsunternehmens IGD. Denney-Finch arbeitet mit den Unternehmensspitzen einiger der weltweit größten Handels- und Lebensmittelunternehmen zusammen. Zuvor war die Sprachwissenschaftlerin und MBA-Absolventin bei Marks & Spencer.
Das hat zur Verbreitung unterschiedlicher Formate und Kanäle geführt: von Groß- und Supermärkten bis zu Online-Stores, Discountern und einer Vielzahl kleiner und spezialisierter Geschäfte. Besonders aufgefallen sind uns das Wachstum von «Food to go»-Outlets und kleinen Lebensmittelläden in der Nähe von Verkehrsknotenpunkten, ausserdem die «quick response»-Dienste und Abhol-Optionen von Online-Händlern.

Dadurch vergrößert sich der Druck auf die großen Supermärkte, die in erster Linie für wöchentliche Großeinkäufe konzipiert wurden. Sie reagieren mit Sortimentsanpassungen, verändertem Laden-Layout sowie neuen Technologien und Dienstleistungen, um den Kunden mehr Gründe für einen Besuch zu geben.

"Das Massenmarkt-Modell «one size fits all» verliert seine Anziehungskraft, weil den verschiedenen Kundenbedürfnissen heute dank Technologie, Big Data und Innovationen viel stärker personalisiert entsprochen werden kann"

Das IGD betreut und berät die Nahrungsmittelindustrie. Welche Anfragen erhalten Sie von Ihren Kunden am häufigsten?

Joanne Denney-Finch: Das IGD unterhält eine Informations-Helpline für seine Mitglieder. In Anbetracht des aktuellen Veränderungstempos sind diese besonders an unseren weltweiten Prognosen für Einzelhandel und Vertrieb interessiert. Ausserdem arbeiten wir mit unseren Mitgliedern an Leitfäden. Themen sind derzeit gesündere Produktzusammensetzungen, weniger Nahrungsmittelabfälle, effizienterer Transport und verbesserte Zusammenarbeit.

Und wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den heutigen Lebensmittelhandel?

Joanne Denney-Finch: Händler müssen flexibler sein denn je. Das Massenmarkt-Modell «one size fits all» verliert seine Anziehungskraft, weil den verschiedenen Kundenbedürfnissen heute dank Technologie, Big Data und Innovationen viel stärker personalisiert entsprochen werden kann. Die Herausforderung besteht darin, diese Personalisierung effizient umzusetzen und den Veränderungsprozess zu steuern, ohne dabei die Grundsätze von Wert, Service und Sicherheit aus den Augen zu verlieren. Händler müssen ihr Kapital mutig und kreativ umschichten.

Hat der herkömmliche Supermarkt eine Zukunft? Wie wird sich der Lebensmittelladen in den kommenden zehn Jahren verändern?

Joanne Denney-Finch: Ich bin zuversichtlich, dass die Kunden auch in Zukunft in großen Supermärkten mit einem breiten Lebensmittelangebot und verwandten Produkten einkaufen werden. Allerdings müssen diese Läden mit den sich verändernden Bedürfnissen der Kunden Schritt halten sowie mit den Möglichkeiten, die sich durch neue Technologien ergeben. Die Supermärkte von morgen werden also in vielerlei Hinsicht ganz anders sein.

66. Internationale Handelstagung

Auf der GDI-Handelstagung 2016 zum Thema «More than Retail: Leadership 2020» referieren neben Denney-Finch weitere renommierte Speaker. Star-Investor Klaus Hommels, Franz Julen (CEO von Intersport International), Rewe-CEO Alain Caparros und viele weitere erklären, welche Kompetenzen Managerinnen und CEOs der Zukunft brauchen. Infos und Anmeldung
Ich stelle einen natürlichen Bruch fest zwischen den täglich konsumierten Standardprodukten und jenen, die spontan während eines Ladenbesuchs gekauft werden. Die Standardprodukte eignen sich gut für abonnierte, vielleicht sogar automatisierte Heimlieferdienste. Dadurch werden sich die stationären Lebensmittelläden auf die Präsentation «spontaner» Produkte wie etwa frische Lebensmittel konzentrieren.

Meine Prognose lautet, dass 2026 die meisten Lebensmittelgeschäfte ansprechende Orte sein werden mit der Möglichkeit, sich zu entspannen, zu lernen und Produkte zu probieren. Schnörkellose Niedrigpreis-Läden bleiben aber trotzdem sehr beliebt.

"Standardprodukte eignen sich gut für abonnierte, vielleicht sogar automatisierte Heimlieferdienste"

Wird der Trend «biologisch und lokal» andauern?

Joanne Denney-Finch: Die Schweiz ist das Epizentrum der Nachfrage nach lokalen und biologischen Nahrungsmitteln. Wo immer die Wirtschaft blüht, werden mehr und mehr Menschen ihr Interesse an qualitativ hochwertigen Lebensmitteln beim Einkaufen verwirklichen. Das geht über «biologisch und lokal» hinaus. Aber kleine, handwerkliche Lebensmittelhersteller werden in gesunden Wirtschaften weiterhin florieren. – Die Anschlussfrage wäre nun wohl: «Was steht der Weltwirtschaft bevor?» Das ist schwieriger zu beantworten. Längerfristig betrachtet bin ich insgesamt optimistisch, aber ich erwarte eine holprige Fahrt.

Sie leiten das IGD als CEO. Was ist Ihr wichtigster Wert bei der Führung eines Unternehmens?

Joanne Denney-Finch: Ich investiere den größten Teil meiner Zeit in einen konstanten Dialog mit den Kunden, dem IGD-Team und mit anderen wichtigen Stakeholdern. Dieser Informationsfluss und dieses Verständnis sind in Zeiten des schnellen Wandels wichtiger als je zuvor. Sobald ich die alle Informationen zusammengestellt habe, möchte ich rasch entscheiden. Es ist besser, früh eine zu 90 Prozent richtige Entscheidung zu treffen als die perfekte zu spät.

Wir veröffentlichen das Interview mit freundlicher Genehmigung des Gottlieb Duttweiler Institut (GDI).  Das unabhängige Forschungsinstitut mit Sitz in Rüschlikon bei Zürich ist der älteste Think-Tank der Schweiz. Die Fragen stellte Karin Stieger.


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Schlagworte: Handel, Lebensmittel, Food

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