Machtkampf Amazon contra Verdi: Standorte bedroht?

Von Olaf Kolbrück Olaf Kolbrück | 18. Dezember 2014 |

Im Streit um einen Tarifvertrag will Verdi Amazon nun empfindlich treffen. Streiks in Bad Hersfeld, Werne, Rheinberg  und Leipzig gehen bis Samstag weiter. In Graben soll sogar bis Weihnachten der Ausstand herrschen. Streiks an bis zu sechs Standorten gleichzeitig (in Koblenz endete der Streik am Mittwoch) und das teilweise bis zum Feiertag – es ist schon jetzt der größte Arbeitskampf den Amazon in Deutschland erleben muss. 

Amazon ist unbeeindruckt, zeigt sogar den Stinkefinger, verschickt beinahe zeitgleich Pressemeldungen, dass die Bestellfristen verlängert werden. Die Botschaft: Es geht auch ohne euch. Schon munkelt die Logistikbranche, Amazon könnte Standorte hierzulande aufgeben.

Machtkampf Amazon vs Verdi: Standorte bedroht?
Fulfilment-Center von Amazon in Breslau (Foto: Goodmann)


Schon im Sommer setzte Amazon ein Zeichen. Damals bekamen die deutschen Verlage Post von Amazon. Der Inhalt: Die deutschen Verlage sollten rund 40 Prozent ihre Ware an neue Logistikstandorte in Polen und Tschechien liefern, weil Amazon deutsche Kunden von dort versorgen will. Die polnischen Standorte in Sady bei Posen und Bielany Wrocławskie mit rund 95.000 Quadratmeter sind seit September 2014 in Betrieb. Damals hieß es übrigens, es gebe keine Pläne, eines der bestehenden 25 Zentren in Europa zu schließen.

123.000 Quadratmeter in Breslau

Allerdings wird Polen für den deutschen Markt zu einem immer wichtigeren Hub. Mit dem dritten neuen polnischen Logistikzentrum (bei Breslau) hat der Immobilienkonzern Goodman Group beispielsweise mit 123.000 Quadratmetern  im Herbst eine gewaltige Fläche bereitgestellt. Die beiden anderen Standorte entwickelte Panattoni.  

Zum Vergleich: In Deutschland betreibt Amazon insgesamt acht Versandzentren.

Leipzig: 78.000 Quadratmeter, Bad Hersfeld: 42.000 Quadratmeter und 110.000 Quadratmeter, Werne 138.000, Graben, Koblenz, Pforzheim Rheinberg jeweils 110.000 Quadratmeter. Brieselang, der jüngste Standort hierzulande, 65.000 Quadratmeter.

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Ein neues Versandzentrum entsteht 2015 mit Hilfe von Panattoni zudem in Dobroviz bei Prag. Auch dieser Hub soll das länderübergreifende Beliefern stützen, das Amazon schon länger praktiziert.

Gerüchte um Bad Hersfeld

Womöglich könnte Amazon dann eines Tages auf einzelne Standorte hierzulande gänzlich verzichten. Höhere Logistikkosten beim Branchenprimus lassen sich schließlich durch Kostenvorteile bei polnischen und tschechischen Mitarbeitern leicht wieder reinholen.

Der Streik

Nach Amazon-Angaben beteiligten sich weniger als 1100 Mitarbeiter der Frühschicht an den Ausständen in Graben, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg und Werne. Verdi spricht von insgesamt über 2500 Beteiligten. Amazon beschäftigt bundesweit 20 000 Festangestellte und Saisonkräfte.
Die Logistikbranche munkelt sogar schon, Amazon könne in zwei Jahren den Mietvertrag für Bad Hersfeld kündigen. Amazon.de hat das Objekt von dem internationalen Investor und Bauträger Goodman Group, der australische Immobilienkonzern hat für Amazon ein gutes Dutzend Logistikimmobilien hochgezogen, gemietet. Vielleicht ein passendes Objekt für Zalando, für die Goodman das Zalando-Logistikzentrum in Mönchengladbach erweitert hat?

Von Amazon darf man dazu keinen konkreten Kommentar erwarten. Zumal das Damoklesschwert „Standortschließung“ noch ein schönes Druckmittel in weiteren Auseinandersetzungen mit Verdi sein könnte.

Die Kiva-Roboter zicken noch


Eine andere Option für Amazon: Kiva-Roboter, die in den Lagerhallen einen Teil der Mitarbeiter ersetzen können. In den USA sind inzwischen 15.000 Cyber-Picker des 2012 übernommenen Herstellers Kiva unterwegs.

Die Roboter, die Regale mit Produkten zu den Mitarbeitern transportieren, würde Amazon nur allzu gerne auch hierzulande einsetzen. Doch das scheitert bislang unter anderem an einem weit mächtigeren Gegner als Verdi – nämlich der Technik. Die macht noch Probleme. Hinzu kommen die deutschen Sicherheitsreglungen, denen die Roboterarmee nach Tests in Brieselang derzeit nicht gewachsen scheint. Um die hiesigen Bestimmungen bezüglich Arbeitsschutz zu erfüllen, müsse das System entweder technisch aufgerüstet oder das Materialflusskonzept überarbeitet werden, berichtete jüngst die „Lebensmittel Zeitung“.

Eine Zeitfrage.

Verdi bleibt also so oder so nur noch begrenzte Zeit, um seinen Forderungen nach einem Tarifvertrag zu den Konditionen des Einzelhandels Nachdruck zu verleihen. Grund genug, nichts unversucht zu lassen:

 


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Schlagworte: Amazon, Logistik

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