5 Gründe, warum Social Commerce an seine Grenzen stößt

Von Klaus Janke | 13. Juli 2012 | 1 Kommentar Kommentieren

facebook-want-button
Die Nachricht, dass Facebook möglicherweise an einem “Want”- und einem “habe ich gekauft”-Button arbeitet, bestätigt einmal mehr den Trend, dem sich zahlreiche Website-Betreiber anschließen: Die User sollen noch stärker in den Social Commerce eingebunden werden. Wo sie auch hinkommen, sollen sie über ihre Konsumgewohnheiten berichten, Erfahrungsberichte abgeben, Produkte bewerten, „liken“, weiterempfehlen. Man geht davon aus, dass die Nutzer ein unstillbares Bedürfnis haben, sich mit Freunden und Bekannten über Produkte auszutauschen. Das könnte ein gefährlicher Irrtum sein. Ein etailment-Kommentar.

Clipix Organize your life
Bei Clipix hat alles seine Ordnung

Nur ein einziges Beispiel unter vielen: Mashable hat gerade ein neues amerikanische Startup namens Clipix vorgestellt. Es bietet ein Tool an, das es mir ermöglicht, alle möglichen Dinge quasi in einer riesigen Bookmark-Liste, dem „clipboard“ aufzubewahren, ob das Online-Artikel sind, Bilder oder eben Produkte. Produkte, die ich vielleicht jetzt noch nicht kaufen kann, weil sie mir zu teuer sind, oder die ich aus anderen Gründen im Auge behalten möchte. Natürlich kann man das Clipboard mit Freunden „sharen“, und der Business-Plan von Clipix sieht vor, später Provisionen für Käufe über diese Clipboards zu kassieren.

Möglicherweise gibt es ein ähnliches Angebot bereits, vielleicht auch nicht. Fest steht aber: Das Mitteilungsbedürfnis der Nutzer, schon lange ein wichtiger Part im E-Commerce, wird zurzeit und zukünftig von noch mehr Anbietern angezapft als bislang bereits. Es ist aber davor zu warnen, es für einen stabilen Faktor zu halten und ein neues Geschäftsmodell darauf aufzubauen. Warum?

Das Zeitbudget der Nutzer wird immer knapper

Glaubt man aktuellen Studien, nimmt die Belastung am Arbeitsplatz weiter zu, der Zeitdruck steigt (und das ist nicht komplett mit dem Dauersurfen im Büro zu erklären). Die Nutzer werden auf Dauer eher weniger Zeit haben, neben dem sowieso schon bestehenden Social-Media-Aufwand auch noch neue Aufgaben zu erfüllen, etwa Playlists auf Spotify mit Freunden austauschen. Natürlich steigt die Parallelnutzung der Medien, und keine Minute an der Haltestelle wird ohne ein paar schnelle Feedbacks ins Smartphone verbracht, aber irgendwo ist allein physisch Schluss. Und wer mangels geregelter Arbeit unendlich viel Zeit hat, steht traditionell nicht im Zentrum der Zielgruppenbeschreibungen im E-Commerce.  

Das Social-Media-Angebot wird immer unübersichtlicher

Die Vielfalt der bestehenden Angebote kann zu einer Überdruss-Reaktion auf Neues führen. Gerade Startup-Manager neigen dazu, die stabile Neugier ihrer eigenen Peer Group unzulässig zu verallgemeinern – zugegeben: ein oft gehörtes, im Kern langweilig-kulturpessimistisches Argument, aber nicht abwegig. Es reiche daher der Verweis auf eine schöne Meedia-Glosse dazu. 

mulu.me welcome
Mulu: Die Nutzer verdienen mit

Nutzer erkennen den ökonomischen Wert ihrer Meinung

Noch läuft alles sehr gut: Millionen von Nutzern füttern unentgeltlich Hotelbewertungs-Sites, Amazon-Rezensionsbereiche und klicken auf „Like“-Buttons, was ihren Freunden wiederum als Werbung eingespielt wird. Das hätte man vor 15 Jahren nicht für möglich gehalten. Es kann aber passieren, dass die Nutzer ihre Aktivitäten – gerade vor dem Hintergrund knapper Zeitbudgets – stärker auf den Prüfstand stellen: Welche Social-Aktivitäten helfen mir bei meiner Eigen-PR und der Selbstinszenierung gegenüber Freunden, Bekannten und Unbekannten (das und nichts anderes ist der Kern von Facebook!), welche Aktivitäten helfen strenggenommen nur anderen? Die klassische Marktforschung hat längst darunter zu leiden: Immer weniger Leute sind noch geneigt, geduldig mit Interviewern Fragebögen durchzugehen, um die Kassen der Mafo-Institute zu füllen. Die Nutzer werden sich zunehmend bewusst werden, dass neben ihrer Aufmerksamkeit auch ihre Empfehlungsbereitschaft bares Geld wert ist. Nicht zuletzt deswegen entscheiden sich diverse Onlineunternehmen gleich dazu, auskunftsfreudige Nutzer zu bezahlen. Die neuen amerikanischen Pinterest-Epigonen Mulu und The Fancy lassen die Nutzer mitverdienen, wenn ihre Empfehlungen zu Käufen führen. Fragt sich nur, wie glaubwürdig zunehmend ökonomisierte Empfehlungen noch sein können.

Nutzer können aus Datenschutzgründen „dichtmachen“

Die Auskunftsfreudigkeit der Nutzer könnte auch dann schwächeln, wenn die Vorbehalte der Nutzer gegenüber der Datenerfassung und Targeting zunehmen. Die Tatsache, dass Microsoft angekündigt, den Internet Explorer 10 mit einem „Do not track“-Button per default ausstatten wird ist nur ein Anzeichen der gestiegenen Sensibilität. Ein weites Feld, auf dem noch viel passieren wird.

Die großen Netzwerke können fast alle Ideen aufsaugen

Zu beachten ist für Startups auch immer die Frage, ob die großen Netzwerkanbieter das Social-Commerce-Modell kopieren können, allen voran das Werbeumsatz-technisch stark unter Druck stehende Facebook. Es reicht auch, wenn die Nutzer sich selbst dazu entscheiden, irgendetwas dann doch lieber dort zu tun als auf den Seiten des Startups. Gerade ist bekannt geworden, dass Digg für gerade mal 500.000 verkauft werden soll. Digg, 2004 gegründet, wurde einst als Shooting-Star gefeiert und war 160 Millionen Dollar wert. Es ermöglicht Nutzern, sich gegenseitig Medieninhalte zu empfehlen – was viele heute lieber auf Facebook tun.

Pinterest Home
Pinterest reduziert den Aufwand

Bleibt die Frage, warum Pinterest so abhebt, wenn doch alle langsam erschöpft sind vom vielen Weiterempfehlen und anderen-Leuten-etwas-Zeigen? Weil Pinterest für die Nutzer bereits Teil einer Entlastungsstrategie ist. Facebook gehört im weitesten Sinn noch der Schriftkultur an. Es ist dort üblich, wenn auch rudimentär, immer noch irgendetwas zu verfassen, gern auch etwas Originelles oder zumindest irgendwie Lässiges – das kostet Zeit und ein bisschen Kreativität (und stellt für diverse Nutzer überhaupt ein Hemmnis dar). Pinterest dagegen ist reines Bilder gucken, draufzeigen, für alle anwendbar, und vor allem: Es kostet weniger Zeit und Anstrengung.

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Thema: Social Commerce

Schlagworte: Facebook, Pinterest

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Erstellt 19. Juli 2012 18:32 | Permanent-Link

    Interessante Schlüsse ziehen Sie da!
    Möglicherweise kann hinsichtlich der privat orientierten Social Network dies auch eine Zukunfts-Variante sein.
    Allerdings bin ich was die Business-Communities angeht, anderer Ansicht. Ich denke, da stehen wir noch am Anfang einer Entwicklung (http://hsimmet.com/2012/07/16/vernetzung-von-wertschopfungsaktivitaten-im-social-web-communities-auf-dem-vormarsch/#comment-527) Es ist noch sehr viel "Luft nach oben" - damit meine ich, dass noch sehr wenig Unternehmen und Organisationen sich des Themas ernsthaft angenommen haben und die technische Entwicklung ebenfalls noch lange nicht ausgereizt ist (http://wp.me/psD2f-uI) und wir erst die ersten Schritte hin zur Management-Plattform gegenagen sind - siehe http://wp.me/psD2f-42. Kleine Unternehmen haben nebenbei bemerkt eine viel größere Flexibilität als die großen Player!

    Gruss
    www.WEPS.AG

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