Shopmine ärgert Pinterest - Der "Klickdieb" wird nun selbst beklaut

Von Karsten Werner Karsten Werner | 15. Januar 2013 |

Shopmine 1
Shopmine: Der Pin-Aggregator umgeht Pinterest. Da droht Ärger.
Shopmine: Der Pin-Aggregator umgeht Pinterest. Da droht Ärger.

Mit Shopmine ist gerade ein neuer Dienst an den Start gegangen, der Pinterest-Nutzern das Shoppen erleichtern will: Der Service setzt auf den beliebten Bilderdienst auf, aggregiert aus dem Feed der Anwender bestellbare Produkte und schickt ihnen diese Auswahl dann als übersichtlichen Newsletter per E-Mail zu.

Der Clou: Viele Nutzer pinnen alles und jedes: Von "Retro bis Moderne", von "Massenware bis limitierten Editionen". Für deren Follower ist aber aus den Pins allein oft gar nicht ersichtlich, ob und wo es die jeweiligen Waren überhaupt noch zu kaufen gibt. Hier will Shopmine Abhilfe schaffen, Anwendern die Suche abnehmen und nur Links zu Waren präsentieren, die auch tatsächlich irgendwo verfügbar sind: Über ein eigenes Web Interface und eigene Affiliate-Links. Ein Konflikt mit dem Bilderdienst scheint vorprogrammiert.

Nutzermasse+APIs+Affiliate Links=Internetgold

In Deutschland nutzten einige "Blogger der ersten Stunde" die Tage zwischen den Jahren, um sich aneinander zu kuscheln: "Das Web zurück erobern", lautete die Devise. Wieder Herr im eigenen Inhaltehaus werden. Gegen Twitter, Facebook, Tumblr, Google oder Pinterest. "Weniger Kommerz". "Das Netz und die Gesellschaft". "Damals". "Früher". Als Backlinks noch das Gold des Internet waren. Eine wohlige Debatte, an die man sich schmiegen konnte, wie an einen Kachelofen. Hach.

Besucher Pinterest
Pinterest UVs in den USA: Weniger Tempo, aber immer noch Wachstum
Pinterest UVs in den USA: Weniger Tempo, aber immer noch Wachstum

Aber die Wahrheit ist im neuen Jahr noch die gleiche wie im alten: Dieser Zug ist längst abgefahren, das Netz gehört nicht "der Gesellschaft", sondern dem, der es sich nimmt. Netzneutralität ist ein hehres ordnungspolitisches Postulat, um das sich niemand wirklich schert, niemand ist wirklich noch Herr seiner Inhalte und Backlinks gibt es zwar immer noch, aber sie allein sind kein Gold mehr wert:

Das neue Gold im Web sind Nutzermassen in Kombination mit Shopping-APIs und Affiliate Links. Und in Sachen "Sich nehmen" ist die digitale Pinnwand Pinterest von Anfang an ganz vorne dabei gewesen: Kaum war das bis dato schnellst wachsende soziale Netzwerk ein Jahr alt, machte sich Unmut breit: Heimlich hatte man begonnen die Links der Nutzer durch eigene Affiliate-Links zu ersetzenLink-Modifizierung über eine Kooperation mit dem Service Skimlinks. Als die Empörungswelle abgeebbt war, stellte sich heraus: Den Nutzern war es egal. Und da war er nun gefunden worden, der "Pot of Gold" des Affiliate-Geschäfts im Kontext sozialer Netzwerke.

Mittlerweile hat die Plattform alle Stufen des medialen Hype Cycle durchlebt und zeigt sich nach wie vor quicklebendig: Nachdem die UVs im August 2012 erstmals rückläufig waren, gab es schnell wieder Wachstum zu verzeichnen.

Interessenkonflikt zwischen Pinterest und Drittentwicklern

Shopmine
Shopmine nutzt ein eigenes Interface. Und eigene Affiliate Links. Da ist ein Konflikt vorprogrammiert.
Shopmine nutzt ein eigenes Interface. Und eigene Affiliate Links. Da ist ein Konflikt vorprogrammiert.

Hier gibt es also immer noch Geld zu verdienen. Das Besondere: The Next Web erwähnt lediglich im Schlusssatz, was die Shopmine-Macher denn nun selbst für ein Erlösmodell in diesem Kosmos anstreben würden. Sie wollen sich ebenfalls "nehmen": Der Dienst führt Anwender über seinen Newsletter direkt auf ein eigenes Interface und will die Nutzer dann über eigene Affiliate Links zu den jeweiligen Shops lotsen. Ergo ein parasitärer Ansatz: Dank passender API dockt Shopmine bei Pinterest an, aggregiert Inhalte der Plattform, präsentiert sie Nutzern über einen separaten Kanal und streicht die Vermittlerprovisionen ebenfalls selbst ein. Die einst als "Klickdieb" gescholtene digitale Pinnwand wird hier de facto nun selbst beklaut.

Fazit: Shopmine bietet sich als Übernahmekandidat an 

Es ist dabei kaum anzunehmen, dass die Pinnwand-Macher darüber besonders erfreut sein werden. Und es ist ebenfalls kaum anzunehmen, dass die Shopmine-Erfinder so naiv wären, dass sie sich dessen nicht bewusst wären. Die Idee, Pinterest nutzen zu können, ohne sich selbst durch die Plattform klicken zu müssen, hat im Allgemeinen viel Potenzial: So könnte man auch rationale Konsumenten erreichen, die wenig Lust verspüren, sich impulsgesteuert durch die überladene Bilderlandschaft zu bewegen.

Bei Pinterest wird man die Entwicklung dieses Ansatzes aufmerksam verfolgen, sich das Treiben von Shopmine eine Weile lang anschauen und sich entweder irgendwann das Know How einkaufen, oder aber dem Projekt über eine restriktivere API-Policy einfach die Existenzgrundlage entziehen. Für Shopmine bleibt also nur der Exit. Übrigens: Die Idee, dass Nutzer von großen Web-Diensten Herr über ihre Inhalte (oder Links) wären, hatte den ihren schon vor Jahren. Dauerhaft. Am eingangs erwähnten Kachelofen hat das nur noch nicht jeder mitbekommen.

Grafik: Statista, Datenquelle: Compete, Screenshot: TheNextWeb


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