Warum die Gerüchte vom Tod des Handels stark übertrieben sind

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Da hat der große Marc Andreessen, Netscape-Gründer und Partner beim Top-Web-Investor Andreessen Horowitz, mächtig große Worte gewählt um die Totenglocke des stationären Handels einzuläuten. etailment berichtete am Freitag.

Doch den nahen Untergang von Retail, den er da prophezeit, den wird es so nicht geben. Das zeigt ein Blick auf die Zahlen.

Andreessen ist auch ein großartiger Verkäufer seiner eigenen Interessen. Andreessen Horowitz investiert massiv in digitale Buden. Sollen die Investments Geld abwerfen, muss E-Commerce wachsen. Also klingt er ein wenig wie ein Teppichverkäufer, der sich mit Orientteppichen eingedeckt hat und nun die Ware zum Nonplusultra erklärt: "Malls are going under, and there’s more to come.”

Richtig ist: E-Commerce führt zu massiven Umbrüchen, doch man sollte auch ein wenig auf dem Teppich bleiben, um nicht mit seinen Prognosen im Reich der Science Fiction zu landen.

Der Anteil des E-Commerce am Einzelhandelsumsatz in Deutschland ist von 3,6 Prozent in 2005 auf nun gut 7 Prozent gestiegen. Das Wachstum ist also gewaltig und führt zu erheblichen Verwerfungen in einigen Branchen. Weil Umsätze wegbrechen und gerade für manch einen lokalen oder regionalen Händler die goldenen Zeiten enden. Wer da nicht die Kosten im Griff hat, gerät ins Schleudern.

E-Commerce wird daher zu einer notwendigen Umsatzquelle, der Zwang zur Kannibalisierung fast schon überlebenswichtig. Für Handelsunternehmen, die online und offline verkaufen, ist E-Commerce längst eine fundamentale Größe. Die E-Commerce-Einnahmen am Gesamtumsatz deutscher Unternehmen beliefen sich in Deutschland 2011 laut Eurostats immerhin schon auf 17 Prozent.

Anteil Internet am Umsatz von Handelsunternehmen 2013
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Hinzu kommt: Der Einkauf im Web ist längst nicht mehr nur Sache junger, konsumfreudiger Zielgruppen. Auch die "Wir-verprassen-das-Erbe-unserer-Kinder"-Gruppe wächst deutlich an. In der Altersklasse der 25- bis 44-Jährigen stieg laut Infratest der Anteil der Onlineeinkäufer von 80 Prozent im Jahr 2007 auf 89 Prozent in 2012. In der Altersklasse 45 bis 64 stieg der Anteil von 62 auf 74 Prozent und bei den 65+ von 45 auf 57 Prozent.

Trotzdem muss man sich einmal die Relationen klar machen: Das Umsatzvolumen im Handel lag laut HDE 2012 bei 428 Milliarden Euro. Der E-Commerce-Umsatz lag 2012 bei 29,5 Milliarden Euro, das entsprach einem Anteil von 6,9 Prozent. Für dieses Jahr rechnet der HDE mit einem Wachstum von 12 Prozent auf 33,1 Milliarden Euro. 

 Gekauft wird vor allem Mode, Kosmetik, Tierfutter, Elektronik. Der E-Commerce-Anteile bewegen sich Richtung 30 Prozent und mehr. Doch auch hier flacht das Wachstum in einigen Bereichen ab. Daneben aber gibt es Bereiche, die eher noch Niemandsland sind: Umsatzanteile im Online-Handel in 2011 nach Produktkategorien
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Selbst wenn man in einigen Segementen für die Zukunft einen 50-Prozent-Anteil der Online-Käufe postuliert, bleibt immer noch genug Geld in den Fußgängerzonen hängen - nur eben nicht für jeden.

Sein eigenes Todesurteil unterschreibt der Handel nur dann, wenn er untätig bleibt. Das ist er aber nicht. Click & Collect-Lösungen wie sie beispielsweise Media-Saturn voranschiebt sind eine Option, um beide Welten zu verheiraten und Kundenströme zu lenken.

Ein weiterer Ansatz sind wie bei Runners Point computerbasierte Kiosksysteme, mit denen Instore das Gesamtsortiment aufgeboten wird. Umgekehrt verschaffen Marktplätze wie Kleidoo jenen mittelständischen Fashion-Händlern ein digitales Zuhause, die sich aus eigener Kraft keine Shop-Plattform leisten wollen oder können. Das verschafft E-Commerce-Umsätze - womöglich aber auch neue Kunden im Offlinebereich.

Daneben sind vor allem neue Shop-Konzepte gefragt. Denn wenn der stationäre Handel sterben wird, dann ist es vor allem der langweilige Handel. Und der langsame.

Die eigentliche Gefahr liegt für den stationären Handel nämlich nicht im E-Commerce, sondern darin, die Wandlungsfähigkeit des Kunden zu unterschätzen und die Schnelligkeit, mit der er sich auf neue Kanäle einstellt.

Man müsse sich, kommentierte Nico Lumma, COO bei Digital Pioneers, den Machern der Flohmarkt-App Stuffle, die These von Andreessen, "wohl oder übel darauf einstellen, dass die Digitalisierung in immer schnelleren Zyklen nachhaltigere Disruptionen auslösen wird als wir es in den letzten Jahrzehnten gewohnt waren."

Man sollte sich deshalb auch nicht von positiven Zahlen einlullen lassen. Die Verbundgruppe Intersport steigerte ihren Umsatz 2012 zwar um 2,2 Prozent auf 2,76 Milliarden Euro,, dennoch geht es jetzt in die E-Commerce-Offensive. Im März will Intersport per Online-Shop ins Multichannel-Geschäft einsteigen. "Wir müssen heute als Händler vom Kunden im Internet gefunden werden und dies offensiv leben", zitiert "Der Handel" Vorstand Kim Roether.


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Thema: Studien

Schlagworte: Umsatz, Multichannel

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Erstellt 5. Februar 2013 09:57 | Permanent-Link

    Ein guter und interessanter Artikel, dem ich nur zustimmen kann.

    Der stationäre Handel hat eine wichtige Zukunft, weil er, nüchtern betrachtet, als Zwischenlager der Waren auf dem Kunden dient. Diese Funktion können die Logistikanbieter nie und nimmer alleine stemmen. Egal, wie groß die Lagerhallen werden. Man stelle sich einmal vor die Vision von Hr. Horowitz würde Wirklichkeit werden: Wer soll all die Waren zu den Kunden bringen? Wer soll all die Pakete ausliefern? Wer soll die Retouren befördern? Die Logistiker sind heute schon die Achilesverse des Onlinehandels und das wird bei wachsendem Umsatz noch schlimmer werden.

  2. Erstellt 5. Februar 2013 14:51 | Permanent-Link

    Ich finde den Artikel auch super geschrieben. Klar wird der Anteil des eCommerce nicht schon nächstes Jahr 30% oder 50% betragen, aber wichtig ist die koninuierlich positive Entwicklung des Anteils der Online-Umsätze am Gesamthandel. Man stelle sich vor, wo der Anteil liegt, wenn die aktuelle "iPhone-Generation" voll im Erwerbsleben steht.
    Der Einzelhandel hat über viele Jahre hinweg nicht die Wichtigkeit des Internet als "Customer Touchpoint" erkannt: wie weit bin vom stationären Handel gefühlt entfernt, wenn ich zuhause auf der Couch liege? Kilometerweit. Nun ist der eh schon vernachlässigte Online Customer Touchpoint allmählich zum digitalen PoS geworden, einfach weil der Kunde dies bequem findet, keine Zeit hat, und auch dies einfach gern so hätte.
    Wer diese Entwicklung im Konsumentenverhalten nicht berücksichtigt, hat wirklich schlechte Karten in den kommenden Jahren...
    PS: nach der MP3-Erfindung muss man wohl niemanden mehr die Macht von disruptiver Technologie erklären :-)

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