Cloud-Service AWS: Wo selbst Zalando mit Amazon kuschelt

Von Stephan Lamprecht | 15. Januar 2016 |

Als Amazon vor knapp 10 Jahren seine ersten Cloud-Dienste vorstellte, reagierten Unternehmen und Presse gleichermaßen irritiert. Doch heute bildet für nicht wenige Startups die Cloud-Plattform von Amazon die technische Basis. Statt in teure Hardware zu investieren, laufen die Webangebote auf den virtuellen Servern von Amazon. Ein Modell auch für deutsche Händler und E-Commerce-Anbieter?

Amazon Web Services - mit dem Shop einfach in die Cloud?
Das AWS-Angebot in einer Übersicht.

Das sind Amazon Web Services

Weit über 40 verschiedene Dienste bietet Amazon inzwischen an, die sich grob nach Funktionen unterteilen lassen:

  • Server: Virtuelle Computer, die individuell konfiguriert und wahlweise mit Linux oder Windows betrieben werden.
  • Speicherplatz: Eine der bekanntesten Dienste in diesem Segment ist Cloud-Front, das die Einrichtung eines globalen Content Delivery Networks (CDN) zur schnelleren Auslieferung von Bildern und Videos ermöglicht.
  • Datenbanken: Relationale Datenbanken, die in eigene Projekte integriert werden können.
  • Entwicklerwerkzeuge: Zum Beispiel zur Codeverwaltung.
  • Enterprise-Dienste: Virtuelle Desktops und Maildienste.

Vielfältige Möglichkeiten

Auf die verschiedenen Dienste greift der Nutzer über eine zentrale Management-Console zu. Die Abrechnung der Gebühren erfolgt einfach per Kreditkarte. Und wer bereits Amazon-Kunde ist, kann seine Kontoinformationen selbstverständlich auch für AWS nutzen. Die Dienste können sehr vielseitig und flexibel eingesetzt werden.

Mit der Computing-Plattform lassen sich mit wenigen Mausklicks virtuelle Computer einrichten. Betriebssystem auswählen und Hardwareausstattung (Anzahl der Prozessoren, Arbeitsspeicher, usw.) auswählen. Per Konsole können dann Softwarepakete installiert und konfiguriert werden. Auch der Parallelbetrieb mehrerer Instanzen ist möglich. Zu einem Bruchteil der Kosten tatsächlich Hardware kann sich jedes Unternehmen mehrere Server leisten und diese produktiv betreiben. Steigen die Ansprüche, wird die Ausstattung der Maschine einfach vergrößert oder eine zweite angelegt.

Amazon Web Services - mit dem Shop einfach in die Cloud?
Mit der Management-Konsole wählt der Nutzer die benötigten Dienste von AWS aus
Rund um AWS haben sich auch andere Anbieter etabliert, die versprechen, die Nutzung und Einrichtung der Infrastruktur noch einfacher zu machen, wie etwa Bitnami. Hier genügt es, seine gewünschte Anwendung (Magento, Oxid, Presta Shop) auszuwählen. Anschließend wird eine virtuelle Maschine bei Amazon eingerichtet und alle für den Betrieb notwendigen Programme installiert.

Aus Sicht der Nutzer ergibt sich beim Einsatz von AWS kein Unterschied zu Servern, die physikalisch in einem Rechenzentrum eines Hosters stehen.

Der Einsatz von AWS scheint also nur Vorteile zu haben. Denn starre Kündigungsfristen gibt es nicht. Wird die Maschine nicht mehr benötigt, wird die Instanz gelöscht. Es entstehen keine weiteren Verpflichtungen. Abgerechnet werden immer nur die Ressourcen, die in Anspruch genommen werden.

Wichtig, aber nicht einfach - die Kosten schätzen

Wer Amazon Web Service einsetzen möchte, möchte natürlich gern vorab wissen, welche Kosten auf ihn zukommen. Und die Kalkulation der potenziellen Kosten ist alles andere als trivial. Denn je mehr Dienste parallel gebucht werden, umso komplexer wird das Rechenwerk. Die Preise für ein Content Delivery Network (CDN) hängen beispielsweise von den gewählten geografischen Zonen und der Datenmenge ab. Virtuelle Computer kosten je nach Ausstattung und Betriebssystem unterschiedlich viel. Der neueste Streich, die Mail-Infrastruktur wird dagegen nach der Anzahl der Nutzer berechnet.

Für eine solide Kalkulation ist es aber unbedingt notwendig, sich alle Preiskomponenten genau anzusehen, um eventuell versteckte Kostenfallen aufzudecken. Amazon Glacier, das in erster Linie für Backups in der Cloud entwickelt wurde, bietet sehr attraktive Preise für die Speicherung der Daten an. Zu berücksichtigen sind aber im Falle eines Falles auch die Kosten für den Abruf der Daten aus der Cloud. Hier kommen dann nämlich noch zusätzliche Gebühren für den Datenabruf und die Übertragung auf den Anwender zu.

Es bleibt kompliziert - Amazon und der Datenschutz

Die rein juristische Würdigung des Themas Datenschutz beim Einsatz von AWS würde mühelos eine ganze Artikelstrecke füllen. Insbesondere nachdem der EuGH das "Safe Harbour"-Abkommen mit den USA für ungültig erklärt hatte. Für Händler, die über die Infrastruktur von Amazon personenbezogene Daten von natürlichen Personen verarbeiten wollen, und das dürfte somit auf fast alle Dienste und Händler zutreffen, gilt nach dem aktuellen Stand des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG):

  1. Der Übertragung muss der Nutzer vorab zustimmen.
  2. Das verantwortliche Unternehmen muss sich selbst um die Einhaltung des Datenschutzes auf dem Niveau des BDSG kümmern.

Geldmaschine AWS

AWS ist die Geldmaschine von Amazon. Beim Cloud Computing lag das Umsatzwachstum zuletzt bei 78 Prozent. Rund zwei Milliarden Dollar bringt die Cloud-Sparte inzwischen pro Quartal aufs Konto und ist hochprofitabel: Marge: 21 Prozent.
Amazon selbst hat versucht, den Diskussionen durch die Schaffung seiner geografischen Regionen aus dem Weg zu gehen. Für sein Rechenzentrum für Amazon Web Services in Frankfurt wirbt der Konzern mit dem Hinweis, dass die in Frankfurt abgelegten Daten nicht in den USA gespiegelt werden. Audi und Zalando zählen dort unter anderem zu den Kunden.

Ist Amazon verschnupft, haben viele Unternehmen Husten

Aus Sicht von Unternehmen sind die AWS wegen der einfachen Implementierung und dem günstigen Preis überaus attraktiv. Sie begeben sich damit natürlich auch in die Abhängigkeit der Rechenzentren von Amazon. Wenn dort nichts mehr geht, können die betroffenen Firmen ihr Serviceangebot nicht mehr aufrechterhalten.

Länger andauernde Stromausfälle in den Jahren 2012 und 2015, die durch Blitzschläge und Unwetter verursacht waren, haben nicht nur das eigene Ökosystem (Instant Video, Kindle-Cloud) betroffen, sondern auch unmittelbar die Angebote von Instagram, Netflix, Pocket und Tinder, um nur einige populäre Dienste zu erwähnen, die Komponenten von AWS einsetzen. Ein Gesichtspunkt, der vor einer Integration der Services in die eigene IT-Strategie berücksichtigt werden sollte.


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Thema: Technologie

Schlagworte: Cloud, Amazon Web Services

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