Krempelt Virtual Reality den Möbelhandel komplett um?

Von Stephan Lamprecht | 3. März 2016 | 1 Kommentar Kommentieren

Bekanntlich wird ja auch in der IT nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Nachdem sich der Dampf rund um Big Data nun erst einmal verziehen muss und Experten vertieft darüber nachdenken, wie sich denn hier gerade auch für kleinere Unternehmen praktikable und bezahlbare Lösungen entwickeln lassen, gibt es noch zwei weitere Themen, die bereits erstaunlich lange Zeit Entwickler, Ingenieure, Medien und Business Development Manager gleichermaßen beschäftigen. 3D-Druck und Augmented Reality wird das Potenzial zugebilligt, ganze Branchen nachhaltig zu verändern. Wenn von Industrie 4.0 gesprochen wird, dann ist nicht selten auch die Rede von diesen beiden Technologien. Neue Lösungen zeigen, wohin die Reise für den Möbelhandel noch führen kann.

Ist das Ende der Wohnmeilen schon eingeläutet?
Roomle ist nicht nur Planungs-App, sondern zeigt sich Händlern gegenüber offen.
Jüngstes Beispiel ist das Unternehmen Bosch, das gerade erst eine Minderheitsbeteiligung am Münchener Unternehmen Reflekt erworben hat. Ein Start-up, das sich auf Augmented Reality (AR) spezialisiert hat. In Service und Fertigung kann die Anreicherung der Realität mittels Datenbrillen die Qualität der Arbeit verbessern helfen. Zum Beispiel unerwünschte Toleranzen im Kfz- oder Flugzeugbau aufspüren, oder Servicetechnikern bei der Wartung der Waschmaschine Ersatzteilpläne und Diagnosevorschläge direkt vor Ort einspielen. Wobei wir, indirekt, beim Thema Möbel werden.

Nach der persönlichen Erfahrung eines, nicht namentlich erwähnten, Etailment-Redakteurs, läuft auch die stabilste Ehe Gefahr zu zerbrechen, wenn bei der Auswahl von Sideboard und Lampen das Möbelhaus überfüllt und zu warm ist, und sich ein Konsens nicht einstellen will. Die Alternative dazu ist dann natürlich das Kataloggeschäft. Bequem auf der Couch das Gewünschte gedruckt oder per App auswählen. Soweit die Theorie. Aber wird das so schön fotografierte Objekt in den eigenen vier Wänden gut aussehen? Und ist dieses "Creme" dann doch nicht eher weiß?

Ikea als Vorreiter

Den Kunden die Auswahl erleichtern, ihn in die Lage versetzen, das Möbelstück nahezu live in seinen eigenen vier Wänden zu betrachten, ist das Ziel von Augmented Reality (AR) und (Virtual Reality). Eines der ersten Unternehmen der Möbelbranche, das auf diese neue Trumphkarte in der Beratung gesetzt hat, ist IKEA.

Das Unternehmen experimentiert seit geraumer Zeit mit entsprechenden Technologien und verknüpft damit geschickt seinen klassischen Katalog mit dem Ambiente beim Kunden. Auch Butlers hat bereits erste Gehversuche mit AR unternommen, seine App aber inzwischen wieder eingestellt.

AR und VR sind in Sachen Entwicklung beileibe noch kein Schnäppchen und eignen sich auch nicht für jeden Händler. Pureplayer dürften am ehesten die Chance haben, den in die Datenaufbereitung gesteckten Aufwand auch wieder einzuspielen, insbesondere, wenn die App auch gleich Accessoires und ergänzende Produktkomponenten vorschlägt und in das Wohnzimmer des Kunden beamt. Doch auch für den stationären Handel kann der Einsatz lohnenswert sein. Die Apps unterstreichen nicht nur die viel beschworene Beratungskompetenz und entlasten im Zweifel den Verkauf. Sie bieten auch einen weiteren Touching Point, um mit dem Kunden in Dialog treten zu können.

Dass die Möbelbranche regelrecht auf die moderne Technologie abfährt, ist kein Wunder. Jeder Ballungsraum dürfte inzwischen eine "Wohnmeile" besitzen, entlang der sich Möbelhaus an Möbelhaus reiht. Dem Kunden viel zeigen zu können, erfordert Fläche und ist teuer. Mit AR und VR bietet sich hier ein interessanter Punkt, um Kosten und Flächen zu reduzieren, dem Kunden aber auch noch mehr anbieten zu können. Und Player, die es direkt und ausschließlich online versuchen, erleichtern den Kunden die Entscheidung der Auswahl.

Bei Küchen- und Badplanung Unterstützung bieten

Es gibt wohl kaum eine Investitionsentscheidung, bei der die Kunden so unsicher sind und Hilfe benötigen, wie bei der Planung der Küche. Schon wenige Schränke und Geräte läppern sich rasch zu einigen Tausend Euro zusammen. Und da alles auf Maß eingebaut wird, können auch kleine Fehler schnell teuer werden. Über allem schwebt die wichtigste Frage: Wie sieht die finale Küche aus? Und wird die Optik auch noch in 5 oder 10 Jahren zu gefallen wissen?

Wie wichtig die moderne Technologie bei der Beratung und Planung von Küchen ist, zeigen einige aktuelle Projekte. Küche & Co hat gerade eine neue Version seiner App für iOS und Android vorgestellt, die auch mit AR experimentiert. Nach einem kurzen Scan wird eine Musterküche dreidimensional zu Hause erlebbar.

Einen anderen Weg beschreitet eine Kooperation zwischen Online-Küchenbauer Kiveda und der Saturn Gruppe. An ausgewählten Standorten setzen die Kunden VR-Brillen auf und spazieren durch die neue Küche, inklusive Elektrogeräten, die von Saturn stammen.

Aus Sicht des Bauherren haben Küche und Bad etwas gemeinsam. Die vielfältige Auswahl und die gleichfalls große Investition. Insbesondere wenn es sich um hochwertige und langlebige Produkte handelt. Auch Villeroy & Boch engagiert sich in den neuen Techniken. Mit 3D-Brillen starten Kunden virtuelle Touren durch das neue Badezimmer. Und für das Smartphone gibt es eine Augmented Reality App, die Produkte des Anbieters in das eigene Bad projiziert.

Einrichtungs- und Planungsapps als Vehikel für den Handel

Ist das Ende der Wohnmeilen schon eingeläutet?
Modsy will der Stilberater für den Möbelkauf werden, inklusive AR-Präsentation in der Kundenwohnung
Sozusagen nebenbei eröffnen gleich zwei App-Anbieter interessierten Unternehmen die Möglichkeit, ihre Produkte den Kunden im virtuellen Planungsprozess anzubieten. Roomle und Modsy wenden sich an Nutzer, die ihre Wohnung neu einrichten wollen und eine Software suchen, die dabei unter die Arme greift.

Modsy versteht sich als eine Art von Stilberater in Sachen Möbel. Zunächst muss der Nutzer der App seine eigenen Vorlieben mitteilen, danach nimmt er Fotos seiner Wohnung auf und erhält passend zu seinen Vorlieben Möbelstücke präsentiert. Die dann auch gleich bestellt werden können. Noch befindet sich das US-Unternehmen aber im Betastadium. Roomle ist dagegen eher ein Planungswerkzeug für alle, die die eigenen vier Wände neu einrichten oder umgestalten wollen. Der Anbieter ist aber für den Handel offen, damit auch konkret kaufbare Möbelstücke in die Planung aufgenommen werden können.

Mal sehen, wie lange es in den Wohnmeilen am Rande der Großstädte noch voll sein wird.

Schauen Sie doch auch in unser Dossier zum Thema.


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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Norman
    Erstellt 3. März 2016 21:08 | Permanent-Link

    Die Ikea App ist nun bereits drei Jahre alt und passiert ist dennoch nichts.

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