Paydirekt - ob Paypal diesmal ernsthaft in Bedrängnis kommt?

Von Stephan Lamprecht | 14. Dezember 2015 |

Paydirekt - ob Paypal diesmal ernsthaft in Bedrängnis kommt?
Vor wenigen Tagen kündigten die Sparda-Banken an, ihren Kunden jetzt aktiv das neue Bezahlverfahren Paydirekt anbieten zu wollen. Das eher leise Ausrollen des neuen Verfahrens ist durchaus gewollt und auch angeraten. Einen "Big Bang", auf den viele neue Produkte setzen, soll es bei Paydirekt nicht geben.

Kein optimaler Zeitpunkt

Vielleicht hätten sich bessere Zeitpunkte finden lassen, um ein neues Bezahlverfahren zu starten. Im letzten Quartal eines Jahres haben Onlinehändler üblicherweise anderes zu tun, als sich mit dem Abschließen neuer Verträge und der Implementierung neuer Technik in den Shop zu beschäftigen. Und zweifelhaft dürfte sein, ob die Meldungen zur Einstellung von Yapital und Click&Buy (lange Zeit ebenfalls als Paypal-Herausforderer gehandelt) dazu beitragen, sich mit einer Alternative zu Paypal zu beschäftigen.

Potential ist da

Um Paydirekt nutzen zu können, benötigen Kunden ein Girokonto bei einem angeschlossenen Institut. Das sind, wenn ab kommenden Jahres auch die Sparkassen mitmachen, in Deutschland über 50 Millionen. Zum Vergleich: Paypal hat nach eigenen Angaben um die 16 Millionen Nutzerkonten. Rein zahlenmäßig also riesiges Potential.

In der öffentlichen Kommunikation wird eifrig mit dem Thema Sicherheit geworben. Die Einkäufe werden direkt über das Girokonto abgerechnet, der Zahlungsverkehr laufe ausschließlich über deutsche Server, für die der deutsche Datenschutz gelte. Zumal die Transaktionen mittels einer TAN abgesichert werden. Kunden, mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis dürfte das freuen.

Allerdings ist die Zahl der Händler, bei denen jetzt schon mit Paydirekt bezahlt werden kann, nicht gerade groß. Apropos Händler. Gegenüber dem Händler soll eine reizvolle Kombination von Argumenten zur Unterschrift des Vertrages führen. Zum einen natürlich die Sicherheit. Denn der Kunde ist bereits von den Instituten erfolgreich identifiziert (Girokontoinhaber), zum anderen kann der Händler vom Geldeingang ausgehen, wenn die Zahlung vom Institut akzeptiert wurde.

Da dies aber als Zugpferd allein nicht genügen dürfte, muss Paydirekt preiswerter als Paypal sein. Denn sonst wird es mit dem zügigen Händlerausbau wohl eher nichts.

Aber gibt es auch Lehren aus der Vergangenheit?

Den tiefen Teller hat die Kreditwirtschaft mit Paydirekt nun wahrlich nicht erfunden. Viele der Argumente, die aus Sicht der Institute für den Einsatz als Bezahlsystem sprechen, dürften Händler, die bereits länger im Geschäft sind, bereits vor knapp 10 Jahren gehört haben. Damals ging Giropay an den Start. Die Zugpferde seinerzeit waren die Sparkassenorganisation, Postbank und die genossenschaftlichen Institute. Und damals wie heute herrschten ähnlich gute Bedingungen, zumindest was die Abdeckung der privaten Nutzer anbelangt. Denn auch für Giropay muss der Kunde nur ein Girokonto bei einem der beteiligten Institute besitzen. So richtig in Fahrt kam das Verfahren allerdings nicht. Und man muss wohl auch nicht lange in Statistiken blättern, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Paypal, das damals noch schwächer war, nicht verdrängt wurde.

"Viele der Gründe für den geringen Erfolg von giropay liegen in der Gründungsphase. Das Pricing war nicht marktgerecht." So fasst André Bajorat, Fintech-Experte und einer der Gründer von figo seine Erfahrungen mit Giropay zusammen. Und der Mann muss wissen, wovon er spricht, schließlich gehörte er selbst einmal zur Geschäftsführung von Giropay. Neben der seinerzeit durchaus stolzen Preisgestaltung für den Händler sieht er aber auch die durch das organisatorische Konstrukt eher mühsamen Abstimmungswege als einen der Gründe an, wieso Giropay nicht recht durchstarten konnte.

Ob dies bei Paydirekt anders ist, dürfte eine der wesentlichen Fragen sein. Denn das die Partner in der Lage sein dürften, ein technisch reibungslos funktionierendes Produkt zu bauen, steht außer Frage. Schließlich besitzen die Institutsgruppen seit Jahrzehnten Expertise im Bau und der Unterhaltung von Banking-Systemen.

Bei Paypal darf man es wohl entspannt sehen

Mit Paydirekt starten die Banken also erneut einen Versuch, den Platzhirschen Paypal anzugreifen. Dazu muss der Dienst natürlich eine echte Alternative werden. Aber genügt da das Etikett der Sicherheit allein? Paypal ist ja nicht nur bei der Pizzabestellung auf dem Smartphone eine mögliche Zahlweise. Bei Bestellungen aus dem Ausland ist Paypal gerade bei vielen kleineren Shops oftmals der einzig in Frage kommenden Weg, um die Ware zu bezahlen. Und eine Funktionalität, die in der Diskussion um all die Paypal-Herausforderer gern unberücksichtigt wird. Es gibt wohl kaum eine so einfache Möglichkeit, den eigenen Kindern ein Guthaben für eigene Einkäufe zur Verfügung zu stellen.

Sowohl bei Zahlungen im Ausland, mobile und beim Geldtransfer herrscht derzeit bei Paydirekt (noch) Fehlanzeige. Sicherlich wird man bei Paypal eine Initiative, an der sich so viele Kreditinstitute beteiligen, mit dem nötigen Respekt beobachten. Aber bis das neue Zahlungsverfahren in Sachen Akzeptanzstellen und Funktionalitäten auch nur in die Nähe von Paypal kommt, dürfte viel Zeit vergehen. Man darf gespannt sein, ob die beteiligten Institute diesen langen Atem haben werden.


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