Schaurig oder schön? Was macht eigentlich Palantir?

Von Stephan Lamprecht | 6. Januar 2016 |

Schaurig oder schön? Was macht eigentlich Palantir?
Ein Startup, das im engeren Sinn eigentlich keines mehr ist. Ein CEO, der angeblich rund um die Uhr Personenschutz benötigt. Große Investitionen, die das Unternehmen milliardenschwer machen. Palantir ist ohne jeden Zweifel bemerkenswert. Was steckt hinter dem Unternehmen und seiner Technologie?

Ein Unternehmen scheut die Öffentlichkeit

Diskretion gehört zum Geschäft des bereits 2004 gegründeten Unternehmens Palantir, das seinen Namen der Tolkien-Saga "Herr der Ringe" entlehnt hat. Einer der Gründerväter ist Peter Thiel, der mit der Firma eine Idee und Technologie seines früheren Unternehmens Paypal aufgegriffen hat. Dort hatten Informatiker eine Methodik und Software entwickelt, um in Echtzeit betrügerisches Verhalten zu entdecken. Da sich von der Idee, solche Dienste auch anderen Firmen anzubieten, kein Investor so richtig begeistern ließ, steckte Thiel kurzerhand eigenes Geld in Palantir. Doch bereits bei der Höhe dieses Investments beginnt die Geheimniskrämerei. Je nach Quelle soll es sich zwischen 30 und 40 Millionen Doller gehandelt haben. Da nimmt sich das Investment von In-Q-Tel von kolportierten zwei Millionen Dollar eher bescheiden aus. Interessant ist diese Einlage nur dadurch, als sie mittelbar vom ersten (und lange Zeit einzigem) Kunden stammt - der CIA.

Seit diesen Anfängen ist nicht nur viel Zeit vergangen, sondern auch reichlich Geld in Palantir geflossen. Zuletzt konnte im Dezember 2015 eine Finanzierungsrunde über 880 Millionen abgeschlossen werden. Somit haben die Geldgeber rund 1 Milliarde Dollar in die Firma gesteckt.

Das Vertrauen in das Unternehmen dürfte sich für die Investoren mittel- und langfristig auszahlen. Im vergangenen Jahr betrug der Gesamtumsatz der Firma, die inzwischen Niederlassungen in New York, Washington sowie London unterhält, knapp 1 Milliarde Dollar.

Exaktes Wissen und Vorhersagen als Geschäftsmodell

Palantir bietet seine Lösung in zwei Sparten an:

  • Palantir Gotham: In Echtzeit können riesige Datenmengen mit verschiedenen Werkzeugen durchsucht und analysiert werden. Es ist dieser Teil des Unternehmens, der die Geheimdienste CIA und NSA, das Heimatschutzministerium, die Marine und die Air Force zu Kunden von Palantir machte. In den Prospekten für Investoren betont die Firma selbst seine Erfolge in Sachen Terrorismusbekämpfung. Gotham besteht aus einer ganzen Reihe von Visualisierungsoptionen und verschiedenen Werkzeugen. Verlaufsdarstellungen, Volltextsuche und potenzielle Korrelationen können damit ermittelt werden. Dazu wird die Software mit Datentöpfen unterschiedlichster Quellen (Strukturierte Daten wie Logdateien, Excelsheets, Datenbankinhalten, unstrukturierten Daten wie Aktennotizen, E-Mails usw.) gefüttert. Die Informationen liegen üblicherweise in voneinander getrennten Systemen vor. Gotham führt diese nun zusammen. Das Produkt wird nicht zuletzt auch auf der Website von Palantir inzwischen als Big-Data-Lösung für große Unternehmen positioniert.

Die Nähe zu Geheimdiensten und die Gerüchte, dass Palantir zumindest an den Analysen beteiligt gewesen sein soll, die zum Aufspüren von Osama bin Laden führten, machen aus Alex Karp, Chef bei Palantir, eine Person, die rund um die Uhr Personenschutz genießt.

  • Palantir Metropolis: Welche Tendenzen lassen sich an den Aktienmärkten erkennen? Wann ist der optimale Zeitpunkt für Transaktionen gekommen? Sind Kursmanipulationen zu erkennen? Der Analyse von Daten aus dem Finanzsektor hat sich Metropolis, die zweite Sparte, verschrieben. Auf dieser Seite zählt Palantir beispielsweise JP Morgan zu seinen Kunden. 500 Gigabyte an Daten spielt der Finanzdienstleister täglich in Metropolis ein, mit dem Ziel, Betrugsversuche frühzeitig zu entdecken.

Datenanalysen ohne Informatikerschar

Info-Snack

  • Palantir wurde 2004 von Peter Thiel und Alex Karp gegründet.
  • Das Unternehmen hat sich auf Analysen großer Datenmengen in Echtzeit spezialisiert.
  • Die Abfragen und Analysen können im Gegensatz zu anderen Lösungen in natürlicher Sprache formuliert werden, Ergebnisse liegen in Echtzeit vor.
  • Palantir zählt Sicherheitsbehörden und Geheimdienste zu seinen Kunden und verweist auf Erfolge in der Terrorismusbekämpfung.
  • Einsatzmöglichkeiten im E-Commerce sind u.a. Betrugserkennung, Warensteuerung, Trendanalysen, Vorhersagen zum Kundenverhalten.
Lösungen für Business Intelligence und Datenanalysen sind üblicherweise recht komplex und erfordern oftmals tiefgreifende Kenntnisse in Datenbanksprachen wie SQL oder die Entwicklung komplexer Kommandos. Ohne die Hilfe von studierten Informatikern, die sich um das Zusammenführen von Daten und deren Analyse kümmern, läuft da nicht viel. Palantir (was bei Tolkien als "weithin sehend" beschrieben wird) hat einen Weg gefunden, diese Analysen mittels einer Oberfläche durchzuführen, die von der ersten Anmutung nicht komplexer als eine Office-Suite zu sein scheint. Statt SQL-Statements lassen sich Abfragen formulieren, wie es der Nutzer aus Suchmaschinen kennt. Diese Analogie umfasst auch die Rückgabe von Ergebnissen. Denn statt SQL-Kommandos in eine BI-Lösung einzugeben, um dann Minuten oder Stunden auf die Ergebnisse zu warten, interagiert der Palantir-Nutzer mit den Datenmengen in Echtzeit.

E-Commerce braucht Datenanalysen

Konzeptionell und technologisch kann der Nutzer von Palantir Daten jeglicher Art analysieren und aufbereiten. Und genau das macht das Unternehmen auch für den E-Commerce interessant.

  • Die Maschen von Betrügern werden immer raffinierter und gerade die Anbieter von Marktplätzen haben ein vitales Interesse daran, mögliche Betrügereien frühzeitig zu erkennen.
  • Onlineshops und Marktplätze sind ein beliebtes Ziel von Cyberkriminellen und Skriptkids, die Systeme lahmlegen oder Benutzerdaten kopieren wollen. Palantir könnte solche Angriffe rechtzeitig erkennen.
  • Das was gern als "Customer Journey" bezeichnet wird, ist bei der Umsetzung von Omnichannel-Strategien immer komplizierter zu analysieren. Auch an dieser Stelle dürften viele E-Commerce-Anbieter große Hoffnungen auf Palantir setzen. Zumal das System auch über APIs mit anderen Werkzeugen verbunden werden kann. Palantir könnte somit die Logik liefern, die den großen Marketing Clouds noch fehlt, um Vorhersagen in Echtzeit über das Kaufverhalten zu liefern. Dass die Überlegungen der Firma durchaus in diese Richtung gehen, beweis die Übernahme von Fancythat im Februar 2015. Das kleine Unternehmen hatte sich auf die Analyse des Kaufverhaltens von Kunden spezialisiert, mit dem Ziel Stores optimal zu steuern.

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Thema: Technologie

Schlagworte: Palantir, Thiel

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