Virtual Reality: So nah ist der Visual Commerce schon am Massenmarkt

Oculus, Facebook, Samsung, HTC, Valve, Sony, Google – sie alle treiben Virtual Reality massiv voran. Auf der wohl weltgrößten Digitalkonferenz SXSW in Austin, Texas, war VR eines der großen Buzz-Themen. Auch Händler und Marken proben den Weg in die erweiterte Realität. Doch angesichts von Preisen von mehreren hundert Euro, die Hersteller wie Oculus und Sony für ihre VR-Brillen aufrufen, wirkt VR noch wie ein Zukunftsthema für den Handel. Falsch. Es geht auch billiger, kreativer und vor allem Massenmarkt-tauglich. Ideen für den Handel liefern wir gleich mit. Kostenlos.

Virtual Reality: So nah ist der Visual Commerce schon am Massenmarkt
Model mit Virtual Reality Headset in Tommy Hilfiger's Fifth Avenue Flagship Store (Foto: Business Wire)

Der Handel experimentiert nicht erst seit gestern mit VR. Tesco, immer vorne mit dabei, wenn es gilt einen Hype zu erproben,  zeigte schon vor zwei Jahren zusammen mit dem Londoner Unternehmen Figure Digital auf, wie Kunden in einem virtuellen Supermarkt einkaufen können.
Kunden setzten sich dazu eine Oculus Rift-Brille auf und können dann mit entsprechenden Kopfbewegungen zwischen den Regalen schlendern. Da wirkt Chinas Online-Riese Alibaba fast schon wie ein Spätstarter, weil das Unternehmen erst jetzt mit dem Virtual Reality Labor „GnomeMagic Lab” schauen will, ob und wie sich Virtual Reality in die Einkaufserfahrung integrieren lässt.

Dabei ist die Frage gar nicht so sehr, ob VR einen Durchbruch erleben wird (Die Sony PlayStation 4 mit VR-Brille dürfte da ab Herbst ein wichtiger Treiber sein), sondern eher wann der kommt. Einen nicht unbeachtlichen Milliardenmarkt wittert Deloitte jedenfalls schon in diesem Jahr.

Man sollte sich dabei jedoch ein wenig frei machen von der Fixierung auf die unangenehm teuren Brillen nach dem Oculus-Vorbild.

Sicherlich gibt es da faszinierende Anwendungen, wenn Lowe in den USA zusammen mit Microsoft eine Art Holodeck für die Küchenplanung im Laden baut und dies demnächst in gleich mehreren Läden testen will, oder Saturn zusammen mit Kiveda die Küchenplanung per Virtual-Reality-Headset anschaulich macht.
Auch Mercedes-Benz und andere Autohersteller testen technisch unterschiedlich anspruchsvolle Lösungen bis zur Verkaufshilfe. Sogar jenseits der üblichen Verdächtigen wagen sich Händler und Hersteller an das Thema. Villeroy & Boch simuliert mit der 3D-Brille der kalifornischen Technologieschmiede Oculus in Zusammenarbeit mit Nerdindustries das persönliche Traumbad in Villeroy & Boch-Info-Centern und bei ausgewählten Händlern.





Das alles ist teuer, aufwändig, komplex und eher etwas für den Laden. Doch Virtual Reality entfaltet seine eigentliche Stärke auf der Couch.  Dort kann VR Marken und Händler helfen, ein neues und  umfassendes Erlebnis zu erzeugen, den Nutzer vom Zuschauer zum Teil der Geschichte machen und so eine größere emotionale Bindung schaffen. Und wenn es auch nicht immer den „Wow-Effekt einer Plattform steigert, kann VR zumindest aber den haptischen Moment ein Stück weit ersetzen.

Möglich wird das durch eine eher hemdsärmlige Variante der VR-Brille, dem Google Cardboard.  Die inzwischen wohl in den unterschiedlichsten Varianten über fünf Millionen Mal vertriebene Pappschachtel mit einfachen Plastiklinsen dient als Halterung für neuere Smartphones. Die einfachen Lösungen bieten einen ähnlichen Effekt wie die teuren Brillen. Dazu kann man sich bei Google aber ebenso auch bei iTunes von Apple entsprechende Apps herunterhalten, die die VR-Technologie nutzen. Das ist eine Sache von Minuten: Pappkarton zur Brille ala "Viewmaster" aus Kindertagen zusammenfalten, App gerunterladen, Smartphone in die Schachtel schieben - fertig und staunen.

Kaffeeröster und Mainstream-Barometer Tchibo bietet ein solches Headset für rund 13 Euro an. Ähnliche Modelle gibt es bei Amazon und Co sogar noch günstiger. 1&1 bietet Neukunden derzeit sogar eine etwas aufwändiger produzierte und qualitativ etwas hochwertigere  Gear VR-Brille von Samsung (Ladenpreis knapp 100 Euro) kostenlos zum Samsung Galaxy S7 dazu. Nachbauten kosten um die 30 Euro.

Derlei Lösungen bieten zwar noch keine gestochen scharfe Grafik einer Oculus Rift, aber gleichwohl einen unterhaltsamen und durchaus brauchbaren Einstieg in die VR-Welt. Den können sich auch Marken und Händler mit entsprechenden Apps zu Nutze machen.   

Lexus bietet beispielsweise für sein Premium-Modell RX eine App, mit der sich das Auto von außen und innen erkunden lässt. Selbst mit einem simplen Cardboard vor der Nase fühlt sich der Nutzer dabei als säße er am Volant. Die Volvo Reality App bietet dem Nutzer sogar schon seit Ende 2014, damals noch nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit, eine Probefahrt im neuen XC90 SUV an.



Thomas Cook erprobt derzeit eine App (Thomas Cook Holiday 360), die mittels Smartphone und Einfach-Brille 3D-  und 360-Grad-Ansichten diverser Hotels bietet und dem Nutzer das Gefühl vermitteln, er stünde selbst in der Eingangshalle oder am Strand. Komplexere Lösungen für den virtuellen Eindruck vom Reiseziel erprobt Thomas Cook auch in Reisebüros. Das Angebot an touristischen Hotspots ist indes noch rudimentär, könnte aber bald zum "Must have" bei der Online-Buchung werden.

Sogenannte In-Store Virtual Reality Headsets hat auch Tommy Hilfiger im Testlauf. Da kann sich dann der Kunde im Laden mit der Brille in die erste Reihe der Modenschau setzen. Unterstützt wurde die Modemarke, der ohnehin etwas Modernität gut tut, von WeMakeVR aus den Niederlanden. “From the incredible set and music to exclusive backstage moments, consumers will be able to watch the clothes move and see the collection in the original show environment — it’s a compelling and interesting elevation of the traditional shopping experience,” sagte Tommy Hilfiger. Der Nachteil In-Store Virtual Reality: es braucht ausreichend Brillen im Laden, sonst gibts am Ende so lange Schlangen wie an einem Samstag vor der Umkleidekabine im Zalando-Outlet. Das macht dann ja auch keinen Spaß.

VR gehört also auf die Couch. Und dort könnte es wohltuend für eine Marke wie Zalando sein, wenn es demnächst eine App von Zalando für die Daheimgebliebenen geben würde, auf der der Onlinehändler Events seiner Mode-Messe Bread & Butter in Berlin vom 2. bis  4. September 2016 virtuell über die Bühne bringt.

Da geht nämlich einiges, das nur auf den ersten Blick von Pappe ist: McDonald’s-Kunden in Schweden konnten sich aus ihrer Happy Meal-Box ein Cardboard basteln ("Happy Goggles") und über die gleichzeitig beworbene App dem schwedischen Nationalteam in 3D und Rundumansicht beim Skifahren zusehen.

Mehr unterhaltsamen Spaß bietet Coca-Cola. Nachdem zunächst Fanta in Südkorea vorführte, wie sich aus Getränkedosen-Umverpackungen eine 3D-Brille basteln ließ, um sich dann per Fanta-App auf eine virtuelle Achterbahnfahrt zu begeben, will Coca-Cola das Konzept nun weiter ausbauen. Der Spaßeffekt dürfte vor allem eine junge Zielgruppe enger an die Marke binden.


 

Das sind gute Ansätze für den Visual Commerce. Denn desto klüger und unterhaltsamer die ersten Marken und Händler die Vorteile der neuen Technologie aufzeigen, desto eher wird das Interesse im Markt und bei den Nutzern wachsen.

Zumal dann, wenn sich die Verbreitung der eher simplen Cardboards beschleunigt oder Gadgets wie die Samsung-Brille zum geek-igen “Must have” werden. Die Beispiele Fanta und McDonalds zeigen ja, wie leicht sich ein derartiges Werkzeug an den Kunden bringen lässt. Warum also nicht einen Karton von Otto mit einem entsprechenden Bastelbogen ergänzen, um damit das Interesse an einer VR-App im Möbel-Segment zu steigern?

Virtual Reality: So nah ist der Visual Commerce schon am Massenmarkt
Promo von Puma


Puma hat in Südafrika mit "Step on stage" vorgeführt, wie leicht das mit einem Schuhkarton geht, bot in der Verlängerung dann aber leider ein eher müdes Video an.

Skeptisch darf man indes noch sein, wie sehr es Kunden dabei nach einer echten Einkaufserfahrung gelüstet.  Zwar hat die Bonial.com Group ( kaufDA) eine Virtual Reality App vorgestellt, mit der digitale Handelswerbung und die Produkt-Welt des Einzelhandels dank der Spezialbrille Oculus Rift erstmals im virtuellen Raum vereint werden, damit der Kunde in einem weiteren Schritt favorisierte Produkte über das Headset zum persönlichen Einkaufszettel auf das Smartphone übertragen kann. Doch der Aufwand ist komplex und verlangt nach der teuren Spezialbrille. Bis „kaufDA VR for Oculus Rift“ im Massenmarkt ankommt, dürfte noch einige Zeit vergehen.



Bis zu der Halluzination Vision von Tesco ist es also noch ein weiter Weg. Auf der Ebene des Storytelling und rund um zusätzliche emotionale Markenerlebnisse  können Marken und Händler aber jetzt schon punkten. Stellen Sie sich nur mal vor, was zu Hause los ist und wie eifrig mit Pappe gebastelt wird, wenn das nächste Eltern-Erpressungswerkzeug Sammelalbum bei Rewe obendrein mit einer ergänzenden Virtual Reality App daher kommt.   

Mehr zum Thema: lange Liste mit Marken, die VR-Pojekte betreiben.

Tesco Pele VR (Virtual Reality) Experience - FIGURE digital from Junk Beam on Vimeo.



Diese 5 kostenlosen VR-Apps müssen Sie kennen:


VRSE: Die Produktionfirma Vrse zeigt mit der App für Android und iOS beeindruckende Storytelling-Projekte unter anderem von der "New York Times". Da ist man mittendrin. Statt nur dabei.

Sisters: Ein kleines Gruselspiel für Android und iOS zum Zugucken mit überraschenden Effekten.

Sites in VR: Die App zeigt serienweise hübsche Orte und Reiseziele. Ein Vorgeschmack auf den Reisekatalog der Zukunft. Gibts auch für iPhones.

Jaunt: Bei der App hat sich beispielsweise die Outdoor-Marke The North Face eingeklinkt und zeigt Menschen beim Kraxeln. 

Mercedes VR for Cardboard: Wer Lust auf eine Hochgeschwindigkeitstestfahrt in 360 Grad 3D hat, kann hier als Beifahrer dabei sein. Fährt leider nur mit Google-Benzin.

Alle Apps sind mit Google Cardboard oder alternativen Billig-Brillen nutzbar. 


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Thema: Technologie

Schlagworte: 3D, Virtual Reality

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Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Erstellt 22. März 2016 17:06 | Permanent-Link

    Danke, das ist eine sehr gute Übersicht zu VR im Handel.

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