Ist es wirklich nur Halbzeit? Die jüngsten Zahlen zum deutschen Einzelhandel legen nahe, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen mittlerweile auch online verkauft. Aber Vorsicht: Die Studie basiert auf Daten von 2019 - aus der Zeit vor Corona. Den bisher eher bedächtigen Wandel dürften die Verwerfungen in diesem Jahr stark beschleunigt haben.

///// HANDEL NATIONAL

Mehr als die Hälfte des Handels verkauft digital
Erstmals verkauft weniger als die Hälfte der Unternehmen im deutschen Einzelhandel ihre Produkte ausschließlich stationär. Das zeigt die neue Studie "Der deutsche Einzelhandel 20202" des Regensburger Forschungsinstituts ibi research zusammen mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sowie 46 Industrie- und Handelskammern (IHK): Gab es 2017 noch 54 Prozent ausschließlich stationär agierender Händler, sind es heute nur noch 49 Prozent. Im selben Zeitraum ist der reine Online-Handel aber auch nur von elf auf nun 14 Prozent des Marktes gestiegen. Die zunehmenden Multichannel-Händler setzen vor allem auf eigene Webshops (39 Prozent) und Marktplätze – allen voran Amazon (zwölf Prozent) und eBay (zehn Prozent). Ilja Nothnagel, Mitglied der DIHK-Hauptgeschäftsführung, mahnt, dass "der stationäre deutsche Einzelhandel sein klassisches Geschäftsmodell überdenken und die begonnene Digitalisierungsstrategie mit Hochdruck fortsetzen" solle. Für den Weg dahin bietet der DIHK eine "interaktive Landkarte" zu Förder- und Beratungsangeboten sowie Beispielen aus der jeweiligen Region an. Viele Händler sind diesen Weg 2020 längst aus der puren Not gegangen, um in den Zeiten von Corona wenigstens einen Teil ihres Umsatzes zu halten. 

Goldjubiläum für fairen Handel
Wie sieht die Bilanz nach einem halben Jahrhundert fairer Handel in Deutschland aus? Immerhin haben die deutschen Verbraucher im vergangenen Jahr insgesamt 1,85 Milliarden Euro für Produkte aus fairem Handel ausgegeben – das war neun Prozent mehr als 2018 und fast dreimal so viel wie 2012. Den größten Teil des Umsatzes machten Produkte mit dem Fairtrade-Siegel aus (1,49 Milliarden Euro) und Kaffee, das umsatzstärkste Produkt im fairen Handel, hat in Deutschland mittlerweile immerhin 6,7 Prozent Marktanteil. Das Forum Fairer Handel (FFH) zog gestern in seiner Jahrespressekonferenz dennoch ein kritisches Resümee. Das Marktsegment ist wie viele andere in der Corona-Krise von Faktoren wie Einschränkungen der stationären Läden und Schwierigkeiten bei internationalen Transporten betroffen. Andrea Fütterer, Vorstandsvorsitzende des Forum Fairer Handel, rückte vor allem die Situation der Produzenten in den Fokus und betonte: "Fair-Handels-Unternehmen wollen die Krise gemeinsam mit ihren Handelspartnern überstehen, nicht auf deren Kosten." 

Planst Du schon?
Am Dienstag kommender Woche eröffnet das Möbelhaus Ikea in Berlin-Pankow seine bislang kleinste Filiale in Deutschland, wie Business Insider berichtet. Im Gespräch erklärt Ikea-Deutschland-Chef Dennis Balslev, dass sich das Unternehmen von den großen Standorten auf der grünen Wiese weg und hin zu den Kunden in den Zentren der Städte bewegen will. Das Konzept, welches die Schweden nun in der Hauptstadt durchdeklinieren, klingt mächtig nach klassischem Einzelhandel: Überschaubare Flächen (450 statt wie sonst üblich rund 35.000 Quadratmeter) und intensive Beratung (statt Cash & Carry). Möbel zum Mitnehmen gibt es gar nicht mehr im "Planungsstudio", wie die Mini-Ausgabe von Ikea heißt, stattdessen wird später nach Hause geliefert. 

///// HANDEL INTERNATIONAL

Post am selben Tag
Dass die schweizerische Post auf Same Day Delivery setzt, berichtet Internet World. Das eidgenössische Logistikunternehmen hat dazu bereits am 28. August die mit einem entsprechenden Fokus ausgerichtete Notime AG komplett übernommen, an der sie vorher bereits Anteile hielt. Die Post will so ein Geschäftsmodell stärken, das Notime derzeit schon in einigen schweizer Städten anbietet. Dabei wird bestellte Ware am gleichen Tag per Fahrrad oder Elektroroller zugestellt. 

3... 2... 1... Glückwunsch!
Genau vor 25 Jahren, am 3. September 1995, wurde eBay gegründet. Was zunächst als netter Service der Website des kalifornischen Computerprogrammierers Pierre Omidyar begann, wurde binnen weniger Jahre zu einem der ersten großen Internet-Konzerne. Und ein Vierteljahrhundert später? DPA ziehte eine ernüchternde Bilanz: "Konkurrenten wie Amazon und Alibaba haben die einstige Internet-Auktionsfirma, die sich über die Jahre immer mehr zu einer normalen Online-Handelsplattform entwickelt hat, längst abgehängt.", heißt es da. Zwar sind 1,5 Milliarden angebotene Artikel und mehr als 180 Millionen aktive Käufer weltweit nach wie vor nicht zu vernachlässigen. Aber der Börsenwert von eBay macht nur noch einen Bruchteil von Amazon aus. Auf die Zukunft dieses E-Commerce-Pioniers wetten die Investoren also nicht.

///// TRENDS & TECH

Live auf Amazon Music
Künstler können jetzt ihr Twitch-Profil mit ihrem Auftritt bei Amazon Music verknüpfen, berichtet "The Verge". Vorteil für die Nutzer: Sie haben damit die Möglichkeit, innerhalb der Amazon Streaming-App auch Live-Inhalte ihrer bevorzugten Musiker zu konsumieren. Sobald diese auf Twitch live sind, wird der Stream als Angebot auf Amazon Music angezeigt. Die Musiker sollen damit auch ein Publikum erreichen können, das üblicherweise nicht auf Twitch unterwegs ist. 2011 entstanden als Dienst für das Streaming von Videospielen, hat sich Twitch in der Corona-Zeit immer stärker als Plattform für musikalische Auftritte etabliert. Seit 2014 gehört Twitch zu Amazon.

Rose mit Roqqio
Fahrradhersteller und -händler Rose Bikes setzt für die Stärkung seines Omnichannel-Konzepts auf Technik von Roqqio. Das 1907 gegründete Zweiradunternehmen aus Bocholt will so seine stationären Läden mit der Online-Verkaufsplattform stärker verknüpfen. Als Händler mit 45.000 Artikeln will Rose künftig sein digitales Angebot zur kuratierten Verkaufsplattform ausbauen und dabei auf ein Sortiment von 75.000 Produkten kommen. E-Commerce-Spezialist Roqqio ist für Rose dabei Technik-Partner. Das Portfolio soll weiterhin auf die Ansprüche der Premiumkundschaft von Rose zugeschnitten sein, die aus rund 15 Millionen Kunden besteht. Vom "'kuratierten Longtail' im Handel" spricht dabei Marcus Diekmann, neben Erwin Rose, Thorsten Heckrath-Rose und Stefanie Rose gleichberechtigter Geschäftsführer von Rose Bikes.

Konferenz zur Customer Experience
Am 10. September 2020 findet die zweite CX1 CONFERENCE Digital statt. Bei dem Event rund um die Customer-Experience werden Vertreter von Unternehmen wie Flixbus, HelloFresh, Flaconi, Douglas und Facebook über aktuelle Trends und Praxisbeispiele sprechen. Die CX1 wird von der Plattform zenloop organisiert und findet in Berlin statt..

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Tschüss, Amazon! Die kleine Steiner Spielwarenfabrik aus dem thüringischen Georgenthal hat sich vom Amazon Marktplatz zurückgezogen. Und fährt nach eigenen Angaben gut damit.


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