Der Online-Boom der letzten Monate schien Internet-Giganten wie Google und Amazon nahezu unendlichen Auftrieb gegeben zu haben. Da setzte die Befragung durch den US-Kongress gestern Abend einen deutlich kritischeren Ton. Angesichts der aktuellen Corona-Entwicklung dürfte aber die Nachfrage nach E-Commerce unverändert hoch bleiben. Das unterstreichen auch die News von heute Morgen.

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Leichte Logistik
Ein Tipp von Deutsche Post DHL an Onlineshops: Für kleine und leichte Artikel brauchen sie keine großen Pakete mit Papier oder Luftpolsterfolie zu füllen. Stattdessen sei es effizienter, auf Warenpost zu setzen. Das Angebot erfülle auch die Wünsche der Kunden nach schneller Lieferung und transparenter Sendungsverfolgung. Das Thema wird immer wichtiger. Denn: "Der Versand von kleinformatigen und leichtgewichtigen Sendungen wächst seit einigen Jahren schneller als der von größeren Paketen", sagt dazu DHL-Produktmanager Benjamin Rasch.

Liefern ohne Lager
Für Onlineshops ist das sogenannte Dropshipping eine Chance, das Geschäft auch ohne Erweiterung von Lager und Warenbestand auszubauen. Das erklärt E-Commerce-Coach Kevin Helfenstein. Bei dieser Variante des Onlinehandels bieten Händler Artikel an, die sie selbst nicht bevorraten. Stattdessen wird beim Verkauf der Versand durch einen Dienstleister oder Großhändler ausgelöst. Wer sich für das Dropshipping interessiert, sollte genau über die möglichen Anbieter recherchieren, rät Helfenstein. Und bei der Abwicklung des Geschäfts gelten gegenüber den Endkunden die gleichen Anforderungen wie auch sonst: Zuverlässig informieren, transparent und pünktlich liefern, Retouren komfortabel möglich machen. 

DIW rechnet mit Erholung
Und zum Schluss noch ein Blick auf die gesamte Wirtschaft der Bundesrepublik: Trotz des Risikos einer zweiten Corona-Welle und damit verbundener möglicher Einschränkungen sieht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wieder positive Vorzeichen für die Konjunktur. Nach der Prognose könne das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2020 um drei Prozent wachsen. Angesichts des zweistelligen Einbruchs im zweiten Quartal ist das aber nur ein kleiner Schritt. Tatsächlich werde es wohl eher zwei Jahre lang brauchen, bis die Wirtschaft das Niveau vor der Pandemie erreicht habe. 

///// HANDEL INTERNATIONAL

Die Großen Vier vor dem Kongress
Die Headline klingt ein bisschen nach Western. Und es hatte auch etwas von einem Showdown, als sich gestern Abend mitteleuropäischer Zeit die Chefs von Amazon (Jeff Bezos), Apple (Tim Cook), Facebook (Mark Zuckerberg) und Google (Sundar Pichai) den Fragen des US-Kongresses stellten. Es ging um die Größe und Marktmacht der Tech-Giganten, die auch dem Onlinehandel ihren Stempel aufdrücken: Wo dominieren die vier zu sehr, welche Auf- und Abspaltungen könnten sinnvoll sein? Sechs Stunden lang gingen die Kongressabgeordneten mit den Tech-CEOs hart ins Gericht. Über die Inhalte der Befragung und mögliche Konsequenzen dürfte in den kommenden Tagen intensiv berichtet werden.

Geduld haben mussten alle Zuschauer, die sich für das Thema E-Commerce interessieren. Denn ausgerechnet Jeff Bezos bekam in den ersten anderthalb Stunden kaum Fragen gestellt. Dann aber wurde es interessant, als sich Pramila Jayapal, Abgeordnete für Seattle, Hauptsitz von Amazon, Jeff Bezos vorknöpfte: Direkt gefragt, ob Amazon die Daten von Dritthändlern für eigene Geschäftsentscheidungen nutzt, wand sich der reichste Mann der Welt: "Ich kann diese Frage nicht mit ja oder nein beantworten." Der Amazon-Chef gestand damit erstmals ein, was Branchenbeobachter dem Unternehmen seit Jahren vorwerfen: Mitarbeiter sollen gezielt Marktplatzhändler beobachten, um gut laufende Artikel unter Amazons eigener Marke herauszubringen - und die eigenen Händler dann damit zu unterbieten. Machtmissbrauch wäre wohl der treffende Begriff für ein solches Vorgehen. Noch ein interessantes Detail: Für die virtuelle Befragung im US-Kongress wurde kein Produkt der vier Konzerne eingesetzt, sondern Ciscos Webex. 

Ladendiebstahl und Onlinehandel
Onlinehandel beflügelt auch Kriminelle: "Organisiertes Verbrechen im Handel" beschreibt Brian Dodge, Präsident der Retail Industry Leaders Association (RILA) auf CNBC. Ein typisches Vorgehen sei der massenhafte Diebstahl von Waren im stationären Einzelhandel und der anschließende Verkauf über den E-Commerce. Als eine wichtige Maßnahme fordert RILA, dass keine anonymen Accounts mehr auf Handelsplattformen eröffnet werden können. Im US-Kongress wird dazu der "Integrity, Notification, and Fairness in Online Retail Marketplaces for Consumers" Act (INFORM) zur Diskussion gestellt.

Shopify startet durch
Der kanadische E-Commerce-Anbieter Shopify hat seinen Umsatz in der Corona-Zeit fast verdoppelt: Das zweite Quartal 2020 brachte ein Plus von 97 Prozent gegenüber dem ersten Quartal. Um 71 Prozent nahm im gleichen Zeitraum die Zahl der Shops zu, die auf der Plattform erstellt wurden. Das Bruttohandelsvolumen (gross merchandise volume, GMV) von Shopify stieg im zweiten Quartal auf mehr als 30 Milliarden US-Dollar. Damit zog die von dem deutschen Unternehmer Tobi Lütke gegründete Plattform an Ebay vorbei. Vor der Pandemie sagten Analysten noch voraus, dass Ebay im Jahr 2021 von Shopify überholt werden könnte.

Ebay lädt zum Wettbewerb
Derweil haben in Großbritannien gestern die "Ebay for Business Awards" gestartet. Bei dem Wettbewerb geht es darum, "die erfolgreichsten, innovativsten und inspirierendsten" Entrepreneure unter den 300.000 kleinen Unternehmen im Netz von Ebay UK zu finden. Die Geschichten der Händler werden als Video oder kurzer Text eingereicht, der Hauptpreis beträgt 20.000 Pfund. Dazu passt die Nachricht, dass die Zahl neuer Start-ups auf Ebay im Juni 2020 um 335 Prozent größer war als im Juni 2019.

///// TRENDS & TECH

Primark recycelt "pre-loved"
Will Fast Fashion ein bisschen nachhaltiger werden? In diese Richtung geht jedenfalls der Ansatz von Primark, im Vereinigten Königreich Sammelboxen für gebrauchte Kleidung ("pre-loved") direkt in den Stores aufzustellen. Die Textilien sollen "wiederverwendet, recycelt oder einem neuen Zweck zugeführt  werden. Der Erlös geht an das Kinderhilfswerk Unicef. Das Aufkommen an Textilien dürfte erheblich sein. Denn in der Corona-Zeit haben viele Kunden die zu Hause verbrachte Zeit auch zum Aussortieren von Kleidung genutzt. 

Ebay wirbt schlauer
Eine neue Technologie, um das Shoppingverhalten der Nutzer in Echtzeit auch ohne Cookies besser analysieren zu können, hat Ebay vorgestellt. Das Targeting über die neue Ebay-Advanced-Audience-Technologie (eAAT) wird ab sofort in Europa eingesetzt. Vorher habe man das Verfahren in einem "erfolgreichen Pilotprojekt mit einem namhaften Streaming-Anbieter" erprobt, hieß es von Ebay. Das Ziel von eAAT sei es, Marken die Möglichkeit anzubieten, die Konsumenten auf Ebay genau dann mit Werbung anzusprechen, wenn diese auch wirklich an den Produkten interessiert sind. Mike Klinkhammer, Director of Advertising Sales EU bei Ebay, sagte dazu selbstbewusst: "Mit unserer neuesten Technologie können wir unsere Daten genauestens auswerten, um für nahezu jedes Werbeziel in Echtzeit das richtige Zielgruppensegment zu schaffen – von Sportbegeisterten bis Fotofans und nicht zuletzt auch bei besonderen Markenvorlieben." Ebay Advertising zählt sich zu den reichweitenstärksten Online-Vermarktern in Deutschland.

BLVRD vernetzt Online und Offline lokal
Morgen, am 31. Juli 2020, geht die App BLVRD des gleichnamigen jungen Unternehmens in Hannover als Beta-Version an den Start. Die Produktsuchmaschine für den lokalen Modehandel verbindet die Online-Suche mit dem klassischen Offline-Kauf. Die App soll das „Shoppingerlebnis einer Stadt komplett spiegeln und als digitales Mode-Schaufenster funktionieren“, heißt es zum Start. Zum Start in Hannover und (Ende September) in Hamburg sind auch große Modehäuser wie AppelrathCüpper sowie Peek&Cloppenburg dabei.

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