Gestern war wieder ein Tag, an dem aus fast jeder Nachricht das Wort "Wachstum" herausleuchtete, zum Beispiel bei Otto, Hermes, Auto1, Bike24 und den Essenslieferdiensten – und der US-Online-Markt hat seine eigenen Prognosen überholt. Das Besondere: Die weiteren Aussichten für den E-Commerce gelten trotz der anstehenden Rückkehr des stationären Geschäfts durchweg als rosig. Manchmal möchte man schon gern wissen, was wohl in einem Jahr im "Morning Briefing" steht.

///// HANDEL NATIONAL
2021 ist das Jahr neuer Essenslieferdienste in Deutschland
Der US-amerikanische Essenslieferdienst Door Dash sucht via Linkedin Personal in Deutschland – Grund für die "Frankfurter Allgemeine", sich den Markt anzuschauen: Nach Wolt, Uber Eats und dem Rückkehrer Foodpanda (Delivery Hero) sei das der vierte Markteinstieg seit kurz vor dem Jahreswechsel. "Door Dash liefert in den USA neben Essen auch andere Waren des täglichen Bedarfs, etwa Drogerieartikel, Haustierfutter oder Blumen. Es wird erwartet, dass der Dienst das in Deutschland auch anbieten wird", so die Einschätzung der FAZ, die zudem einen fünften Marktzutritt kommen sieht: Die estnische Firma Bolt, die gerade mit Miet-E-Rollern nach Deutschland kommt, sei in anderen Ländern auch im Essens-Liefergeschäft unterwegs und hege Expansionspläne. Die FAZ erwartet für den Sommer einen "aggressiven Straßenkampf [...], den die Anbieter mit Werbekampagnen führen werden, möglicherweise aber auch auf dem Rücken ihrer Fahrer".

Otto Group: E-Commerce wuchs 2020/21 in Deutschland um 24 Prozent
Die Otto Group hat "herausforderndes Geschäftsjahr sehr gut gemeistert", wie sie meldet: Im Jahr 2020/21, das am 28. Februar endete, stieg der Gesamtumsatz auf vergleichbarer Basis um 17,2 Prozent auf 15,6 Mrd. Euro, die weltweiten Online-Umsätze aber kletterten um 25,6 Prozent auf 9,9 Mrd. Euro. "Damit erzielte die Otto Group im Heimatmarkt eine Steigerung der Onlineumsätze um 24,1 Prozent, die über dem Marktwachstum im deutschen E-Commerce lag", schreibt der Konzern. Er erwartet, "dass sich das Wachstum im E-Commerce weiterhin sehr dynamisch entwickeln wird", und ist sich sicher: "Ohne die langjährige, konsequente und fokussierte digitale Transformation der Geschäftsmodelle und Vertriebskanäle und den gelebten Kulturwandel wäre dieses Resultat sicherlich nicht möglich gewesen." Otto kündigt einen eigenen Payment-Dienstleister an sowie über die kommenden drei Jahre mittlere dreistellige Millionen-Investitionen in die Logistik.

Hermes 2020/21 erstmals mit mehr als einer Milliarde Pakete
Und noch einmal Otto: In derselben Meldung weist der Konzern Zahlen für seinen Logistiker Hermes aus, nämlich 2,54 Mrd. Euro Umsatz (plus 33,9 Prozent auf vergleichbarer Basis) mit Kund:innen außerhalb der Otto Group. Insgesamt habe Hermes im Geschäftsjahr 2020/21 erstmals mehr als eine Milliarde Pakete in einem Jahr transportiert. Kurz: "Von den gestiegenen E-Commerce-Umsätzen in Europa konnte auch die Hermes-Gruppe profitieren." 25 Prozent der Anteile an Hermes Germany und 75 Prozent an Hermes Parcelnet (Großbritannien) gehören jetzt Advent International.

Zalando: Keine Dividende, ein Vorstand weniger
Online-Modehändler Zalando will in den kommenden Jahren alle Gewinne investieren und daher keine Dividende ausschütten. Das sagte Vorstand Rubin Ritter laut Wiwo.de auf der gestrigen Hauptversammlung. Ritter verlasse wie von ihm angekündigt Vorstand und Unternehmen. Er wolle, so das Blatt, seiner Ehefrau die Möglichkeit geben, Karriere zu machen. Der Vorstand besteht jetzt aus den Gründern Robert Gentz und David Schneider.

Auto1 und Bike24 melden Wachstum im ersten Quartal
Mobilität läuft auch online: Autohandels-Onliner Auto1 Group verkündet für das erste Quartal "ein deutliches Wachstum im gesamten digitalen Geschäft". Die Zahl verkaufter Wagen stieg um 11,3 Prozent auf 130.500, der Umsatz um 15,6 Prozent auf 899,5 Mio. Euro (beide Zahlen im Vergleich zum vierten Quartal 2020!). Insbesondere die massiv beworbene Marke Autohero habe dazu beigetragen. Das bereinigte EBITDA lag bei minus 14,3 Mio. Euro. Bike24 ist deutlich sparsamer mit konkreten Unternehmenszahlen: Für das erste Quartal 2021 nennt der Online-Fahrradhändler ein Umsatzplus von rund 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, aber keine absolute und auch sonst keine weitere Zahl. 2020 sei mit 200 Mio. Euro Umsatz und 26,7 Mio. Euro EBITDA zu Ende gegangen.


///// HANDEL INTERNATIONAL


US-E-Commerce auf dem Stand von 2022
Der US-amerikanische E-Commerce entwickelt sich schneller als gedacht: Nach Angaben des Handelsministeriums stand er im ersten Quartal 2021 für 13,4 Prozent der gesamten Einzelhandelsausgaben – Prognosen aus der Vor-Pandemie-Zeit hatten 12,3 Prozent erwartet, schreibt Marketplacepulse.com, Anbieter von E-Commerce-Marktanalysen mit Sitz in New York. Und das sei belastbar, denn zu Beginn der Pandemie hätten sinkende Gesamtausgaben im Einzelhandel zu höheren Anteilen des E-Commerce geführt, inzwischen aber hätten sich die Einzelhandelsausgaben erholt. Und der E-Commerce-Anteil werde weiter wachsen: von fast 800 Mrd. US-Dollar 2020 auf mehr als eine Billion Dollar 2022. Diese Zahl sei für 2024 erwartet worden.

Ebay ernennt Airliner zum Finanzchef
Steve Priest wird am 21. Juni neuer Chief Financial Officer von Ebay. Er kommt von der US-amerikanischen Billigfluggesellschaft Jet Blue Airways, wo er ebenfalls als CFO arbeitete, und war auch schon mehrere Jahre bei British Airways. "Die Luftfahrt ist für ihren unglaublichen Wettbewerb bekannt und dafür, dauerhaft mit engen Margen, unter hohen Kundenerwartungen und einem endlosen Entwicklungsdruck zu arbeiten", zitiert Ebay seinen Chef Jamie Iannone. Offenbar erkennt er darin sein eigenes Geschäft wieder.

///// TRENDS & TECH

Google und Shopify kuscheln gegen Amazon
Google und E-Commerce-Software-Anbieter Shopify wollen enger kooperieren: Die 1,7 Mio. Händler, die mit der Software arbeiten, sollen auf einfachere Weise über die Google-Suche und die Funktionen Maps, Lens, Images sowie über Youtube angezeigt werden. Wie CNBC schreibt, richtet sich das in erster Linie gegen Amazon. Denn Amazon konkurriere zunehmend mit Google im Anzeigengeschäft um Suchanfragen herum.

Einige Studien im Schnelldurchlauf
  • Mangelnde Digitalisierung hat deutsche Mittelständler 2020 im Schnitt 20 Prozent Umsatz gekostet, Händler beziffern das entgangene Umsatzplus sogar auf 28 Prozent. Fast alle Vertriebsprozesse liefen höchstens zur Hälfte über Online-Kanäle beziehungsweise softwaregestützt. (Baulig Consulting, Befragung von 200 Entscheidern aus Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern in Deutschland.)
  • Print-Mailings erreichen im Schnitt eine Reaktionsrate von einem Prozent, der Cost per Order liegt bei durchschnittlich 40 Euro, der Return on Advertising Spend (RoAS) bei 250 Prozent. Das gelte für die Neukundengewinnung von Online-Shops. (Deutsche Post, 16 Online-Shops versandten ein Print-Mailing an jeweils 50.000 potenzielle Neukunden, Messung der Reaktionsrate.)
  • Außer Online-Shops profitieren auch lokale Läden von der aktuellen Situation, und zwar gerade in Stadtvierteln abseits der Innenstädte – eine Folge des Homeoffice-Trends. (PWC, Umfrage unter 8700 Menschen in 22 Ländern, darunter 511 in Deutschland.)
  • Deutsche wollen 2022 stärker online einkaufen als andere Nationen: 70 Prozent von 1023 befragten Deutschen geben an, 2022 den Großteil ihrer Einkäufe online erledigen zu wollen (Schweden: 65 %, Briten: 62 %, Österreich: 54 %, Norwegen: 53 %, um die Top 5 zu nennen). An erster Stelle liegen mit 33 Prozent Sextoys und Erotikartikel, Lebensmittel kommen auf magere neun Prozent. (Klarna, Befragung von 9.000 Verbraucher:innen in den USA, Großbritannien, Australien, Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Norwegen, Finnland und Schweden, laut Unternehmen nicht nur Klarna-Kunden.)

Sustainable Fashion Summit: Zalando spricht über Nachhaltigkeit im Modehandel
Wie funktioniert Nachhaltigkeit in Modeproduktion und Modehandel? Der Sustainable Fashion Summit 2021 der Fachzeitschrift "Textilwirtschaft" am 25. und 26. Mai gibt Antworten, online und kostenlos. Unter anderem spricht Kate Heiny, Director Sustainability von Zalando über "How to close the sustainability attitude-behavior gap in fashion" (Dienstag, 11:15 Uhr).