Sechs Dinge mit explizitem Bezug zum E-Commerce stehen im Koalitionsvertrag, der gestern veröffentlicht wurde, auf den Seiten 28, 29, 36, 44: 1) Der stationäre Handel braucht bessere Bedingungen, um gegen "reinen Online-Handel" zu bestehen. 2) Ziel ist ein fairer Wettbewerb zwischen digitalen Großunternehmen und lokal verwurzelten Firmen. 3) Es soll ein "Level Playing Field" für digital gestützte Wertschöpfung geben. 4) Die Förderung der Innenstädte wird fortgesetzt. 5) Der illegale Online-Handel mit geschützten Tierarten soll unterbunden und ... 6) der Handel mit Heimtieren stärker reguliert werden. Alles schön und gut, solange der E-Commerce nicht die Buhmann-Rolle für alle Probleme des stationären Handels zugewiesen bekommt, siehe Punkt 1).

///// HANDEL NATIONAL
Trotz Öffnung: Online-Handel wächst, stationärer eher nicht
Das Statistische Bundesamt hat sich die Entwicklung des Handels von Mai bis September 2021 angeschaut, also nach dem Ende des bisher jüngsten Lockdowns: Die Umsätze des Online-Handels lagen in dieser Zeit real, kalender- und saisonbereinigt um 8,8 Prozent über denen desselben Zeitraums 2020 und 36,0 Prozent über denen von 2019, so die Pressemitteilung. Für den stationären Einzelhandel dagegen ermittelte das Amt ein Minus von 0,2 Prozent (zu 2020) und ein Plus von 2,9 Prozent (zu 2019). "Der Einzelhandel in Verkaufsräumen konnte von der Wiedereröffnung der Geschäfte [...] bisher kaum profitieren", bilanziert das Amt – und belegt, dass es diese Schere schon länger gibt: Von 2015 bis 2019 sind die Umsätze online um 9,5 Prozent/Jahr gestiegen, stationär um 1,9 Prozent. Die Pandemie war also auch hier nicht Auslöser, sondern Verstärker.

Jeder vierte Hermes-Paketshop ist eine Tankstelle
Logistiker Hermes singt ein Loblied auf Tankstellen: Von den gegenwärtig rund 16.000 Hermes-Paketshops in Deutschland sei jeder vierte in eine Tankstelle integriert, also rund 4.000. Für sie sprächen gute Erreichbarkeit, die Lage entlang täglicher Lauf- oder Fahrwege, lange Öffnungszeiten und genügend Parkplätze.

Zwei kurze Meldungen zu Essenslieferdiensten

  • Im Oktober gab es Berichte, Globus wolle mit einem Lieferdienst zusammenarbeiten (das "Morning Briefing" berichtete), jetzt geht es los: In Koblenz kooperiert Globus laut Pressemitteilung ab sofort mit Lieferando, geliefert werden Gerichte aus dem Globus-Restaurant, unter anderem "die beliebten Globus-Sushiplatten".
  • Delivery Hero will 591.854 neue auf den Namen lautende Stammaktien (was rund 0,24 Prozent des eingetragenen Grundkapitals entspreche) an Mitarbeiter ausgeben, meldet IT-Times.de.

///// HANDEL INTERNATIONAL

Lush verlässt fünf von acht Social-Media-Plattformen
Die britische Kosmetikmarke Lush kündigt an, sich zum 26. November vollständig von den Social-Media-Plattformen Facebook, Instagram, Whatsapp, Snapchat und Tiktok zurückzuziehen. Denn es gebe unter anderem durch Whistleblower "überwältigende Hinweise darauf, dass wir durch die Nutzung sozialer Medien gefährdet sind. Ich bin nicht bereit, meine Kund:innen diesem Schaden auszusetzen. Also raus damit", so Lush-Mitgründer Mark Constantine. "Und zwar so lange, bis diese Plattformen ein sicheres Umfeld für ihre Nutzer:innen bieten." Mit dem Slogan "Lush wird anti-Social" und der Formulierung von "Anti-Social-Media-Grundsätzen", die in allen 48 Lush-Ländern gelten sollen, positioniert sich der Kosmetik-Spezialist geradezu aggressiv. Auf Twitter, Youtube und Linkedin will er allerdings weiterhin vertreten sein.

Presse: Klarna "könnte dem Einzelhandel gefährlich werden"
Anfang November hat der Bezahl-Dienstleister Klarna seine "All-in-one-App" angekündigt (das "Morning Briefing" berichtete). Sueddeutsche.de sieht das Angebot zwiespältig: "Klarna eifert den großen chinesischen Firmen nach und bietet den Verbrauchern eine App, die sie nie wieder verlassen müssen, weil sie dort im Idealfall alles finden, was sie brauchen", schreibt das Blatt. Klarna werde zum zusätzlichen "Gatekeeper", der festlege, wer Kundenkontakt bekomme und wer nicht. Außerdem sänken die Möglichkeiten, sich vom Wettbewerb abzuheben. Und die Kundendaten landeten nicht mehr in den Shops, sondern eben bei Klarna. Fazit: "Diese Abhängigkeit ist nicht nur gefährlich für den Einzelhandel, sondern auch noch teuer" – weil Klarna sich den App-Service "fürstlich entlohnen" lasse. À propos "fürstlich entlohnen": Laut Businessinsider.de sind inzwischen 75 ehemalige und derzeitige Angestellte von Klarna zu Millionären geworden.

Amazon verliert den Chef des stationären Geschäfts
Cameron Janes, bisher als Vice President of Physical Retail für das stationäre Geschäft von Amazon verantwortlich, hat laut Medienberichten das Unternehmen verlassen. Er war den Berichten zufolge in seinen 14 Jahren bei Amazon unter anderem für Prime Video, Fire Phone, Kindle, die stationären Buchläden und die Läden der Marke "Amazon Go" zuständig. Wohin er wechselt, sei nicht bekannt.

Kanada: Uber Eats ermöglicht Cannabis-Bestellungen
In der ostkanadischen Provinz Ontario lässt sich (Engadget.com zufolge) über die App von Uber Eats jetzt Cannabis bestellen. Der Stoff wird allerdings nicht geliefert, sondern muss persönlich und gegen Ausweis beim Anbieter Tokyo Smoke abgeholt werden.

Watchbox tickt jetzt schneller
Der US-amerikanische Onliner Watchbox, Spezialist für gebrauchte Luxusuhren (und nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Streaming-Portal) hat in einer aktuellen Finanzierungsrunde Zusagen über 165 Millionen US-Dollar erhalten, meldet Fashionunited.de. Das 2017 gegründete Unternehmen wolle mit dem Geld vor allem in neue Märkte expandieren und das Sortiment ausbauen. Watchbox betreibe auch Läden in den USA, Hongkong, Singapur, Dubai und der Schweiz.


///// TRENDS & TECH

Google I: Neues Tool für Einzelhändler
Als Teil der Initiative "Zukunft Handel" von HDE und Google kündigt der Suchmaschinenbetreiber ein kostenloses Tool namens "Local Opportunity Finder" an. Unternehmen "können den Namen ihres Unternehmens einfach im Tool eingeben und erhalten sofort umsetzbare, individuelle Vorschläge zur Optimierung ihres Unternehmensprofils", verspricht Google im Blog. Voraussetzung ist also ein existierendes Google-Profil. In Deutschland, so wirbt Google, erziele ein Unternehmen mit vollständig ausgefülltem Unternehmensprofil fast viermal mehr Website-Besuche wie Unternehmen ohne entsprechende Präsenz.

Neue App von Baoo soll lokale Produktsuche ermöglichen
Der stationäre Handel soll digitaler werden, das 2020 gegründete Kölner Startup Baoo hat einen Vorschlag, der ein bisschen an die "Gelben Seiten" erinnert: Seine App soll es erlauben, dass Kunden Produkte in ihrer Umgebung suchen, Informationen zur Verfügbarkeit im stationären Handel erhalten und die Sachen sofort kaufen, so Businessinsider.de. Partner seien bisher DM, Saturn, Media Markt, Toom, Globus-Baumarkt, Christ und der Superbiomarkt, zudem Mittelständler. Der Anschluss erfolge über Warenwirtschaftssysteme. Man arbeite außer in Köln auch in Hamburg, Berlin und München, die App sei in den ersten zwei Wochen rund 5.000mal heruntergeladen worden.

Marken posten keine Videos, sondern Kommentare zu Videos
Die Marketing-Blogger von OMR haben einen neuen Trend ausgemacht: Unternehmen suchen sich viral gehende Tiktok-Videos, posten dort (meist humorvolle) Kommentare und erreichen so "teilweise enorme Aufmerksamkeit". So seien die ersten zwölf Top-Kommentare unter einem Video, mit dem die US-Sängerin Taylor Swift am 12. November ein neues Album ankündigte, allesamt von Marken. Darunter fänden sich der US-Fernsehsender History Channel, die Sprachlern-App Duolingo, der Rennanbieter Nascar – und Tiktok selbst.

Biliti kündigt Vertrieb des "GMW Taskman" in Deutschland an
Der US-amerikanische Fahrzeuganbieter Biliti Electrics kündigt an, den E-Transporter "GMW Taskman" auch in Deutschland zu vertreiben. Die 40 km/h schnellen Dreiräder mit 300 Kilogramm Ladekapazität und 80 Kilometern Reichweite seien "speziell für die Auslieferung auf der letzten Meile in städtischen Gebieten" entwickelt und "von Online-Handelsunternehmen und Lebensmittellieferanten wie Amazon, Walmart (Flipkart), IKEA, SokoWatch, BigBasket (Tata), Zomato" getestet. Das Unternehmen, das nach eigenen Angaben Anfang November 400 Mio. US-Dollar Finanzierung erhielt, will ein bisschen wählerisch sein: Bei der Auswahl der Partner solle "auf Klasse statt Masse gesetzt" werden.

///// NACHHALTIGKEIT

Google II: Neue Plattform für Umweltrisiken von Textilfasern
Google hat auf seinem Blog die erste Version einer Plattform für "nachhaltigere Entscheidungen" bei der Beschaffung von Textilfasern vorgestellt: Der "Global Fibre Impact Explorer" arbeite auf der Grundlage von "Google Earth" und zeige für 20 verschiedene Fasern das Umweltrisiko in verschiedenen Regionen der Welt, darunter Luftverschmutzung, Biodiversität, Klima und Treibhausgase. Die Plattform entstand laut Google in Zusammenarbeit mit dem WWF, Stella McCartney, Adidas, Allbirds und H&M und soll zur Weiterentwicklung an Textile Exchange übergeben werden.