Es dürfte sich längst herumgesprochen haben: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Dennoch sind wir immer wieder gerne bereit, Prognosen zu vertrauen – sie suggerieren Sicherheit und wer kann schon Unsicherheit ertragen? Und manchmal sind Prognosen vom Glauben gar nicht so weit entfernt. Beispielsweise dem Glauben an eine große Zukunft. Wie jetzt bei Delivery Hero, Favorit für die Wirecard-Nachfolge im Dax. Fortsetzung folgt.

///// HANDEL NATIONAL

Opfer der Umstände oder Nutzer der Gelegenheit? Insolvenzen im deutschen Bekleidungshandel seit Beginn der Corona-Krise
Obwohl die Antragspflicht vorerst bis Ende September ausgesetzt ist, haben im Einzelhandel viele Unternehmen nicht zuletzt aus der Bekleidungsbranche Insolvenz angemeldet beziehungsweise Schutzschirmverfahren beantragt. FashionUnited hat nach knapp einem halben Jahr seit Beginn des Lockdowns eine Bilanz gezogen und die Liste des Schreckens aufgestellt, sich aber nicht nur in der Überschrift ein Fragezeichen erlaubt: Sind das wirklich lauter Opfer der Pandemie? Oder zeigte die Krise nicht einfach die vorhandenen Schwächen besonders deutlich oder wirkte gar als Katalysator für längst fällige Veränderungen? Den Gläubigern wird es egal sein, sie und die Beschäftigten sind in aller Regel die Leidtragenden.

Deutschlands größte Parfümeriekette wandelt sich zu einem digitalen Omnichannel-Unternehmen
Das Online-Geschäft hat Deutschlands größte Parfümeriekette in der Coronakrise gerettet, schreibt Business Insider: Während die 2.400 Douglas-Filialen europaweit wochenlang geschlossen waren, boomte auch bei Douglas der Ecommerce. Der Umsatz im Online-Handel betrug in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 640 Millionen Euro und wuchs im dritten Quartal um 70,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, weshalb der gesamte Konzernumsatz „nur“ um 7,5 Prozent zurückgegangen sei.
Jetzt, so BI, wandle sich Douglas zu einem digitalen Omnichannel-Unternehmen, die Corona-Krise wirke dabei wie ein Katalysator: Der Online-Anteil am Umsatz in Deutschland liege bereits bei über 40%, die 50% seien nicht mehr fern. Die Kehrseite der Medaille: schwächelnde Filialen werden geschlossen. Auch hier ist einmal mehr von Umstrukturierung die Rede. Aber das Thema hatten wir ja gestern bereits – wo es Gewinner gibt, gibt es auch immer Verlierer.

Keine Dividende, reichlich Verluste und das Prinzip Hoffnung - Delivery Hero weckt Erinnerungen an den Neuen Markt
Vor 20 Jahren boomte der Neue Markt, zwei Jahre später crashten all jene Unternehmen, bei denen der Grad an Fantasie der wirtschaftlichen Substanz diametral gegenüber stand. Die mögliche Aufnahme von Delivery Hero in den Dax weckt diese Erinnerungen: 648 Millionen Euro operatives Minus im abgelaufenen Geschäftsjahr – bei 1,2 Milliarden Euro Umsatz. Auf jeden eingenommenen Euro kommen somit etwa 50 Cent Verlust rechnet das Handelsblatt vor. Wenn CEO Niklas Östberg dann seinen Lieferdienst mit Amazon vergleicht (dessen Gründer auch lange Verluste in Kauf genommen hat) und auf die Milliardeninvestitionen von Konkurrenten wie Uber und Grab verweist, dann dürften sich Veteranen des Neuen Marktes mit Gänsehaut abwenden. Natürlich werden wir Delivery Hero im Auge behalten. Aber Aktien kaufen? Im Casino ist mehr Atmosphäre.

800 Gewerbetreibende fordern, der Staat sollte unverschuldet in Probleme geratene Unternehmen entschädigen
Wenn nichts mehr normal ist, wenn Unternehmen am Arbeiten gehindert werden, wenn durch staatliche Eingriffe Märkte zusammenbrechen, sollten dann diese Unternehmen nicht entschädigt werden? Das Handelsblatt schreibt, der Berliner Verwaltungsrechtler Siegfried de Witt spreche von den schwersten Grundrechtseingriffen seit Bestehen der Bundesrepublik, weshalb er mit seinem Anwaltskollegen Wolfgang Schirp eine Initiative von 800 Gewerbetreibenden vertrete, die nun Verfassungsbeschwerde eingelegt haben. Jetzt soll das Bundesverfassungsgericht klären, ob fehlende Entschädigungen bei Betriebsschließungen und Berufsverboten verfassungsmäßig seien. Angesichts von milliardenschweren Geldspritzen und staatlichen Beteiligungen an einzelnen Großunternehmen dürften dies viele kleine Betriebe als eine durchaus berechtigte Frage ansehen.


///// HANDEL INTERNATIONAL

Und noch ein US-Urgestein geht über den Jordan – Schutzschirm für Stein Mart reißt nach einem Tag
Schon vor Corona ist es offenbar für den 1908 gegründeten Billiganbieter Stein Mart nicht so gut gelaufen: Ein schwieriges Einzelhandelsumfeld in Verbindung mit den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie hätten die erheblichen finanziellen Schwierigkeiten ausgelöst, die Stein Mart am Mittwoch Antrag auf das US-Schutzschirmverfahren (Chapter 11) stellen ließ. Einen Tag später war klar: Alle 279 Geschäfte werden für immer schließen, denn so der CEO: "Dem Unternehmen fehlt es an ausreichender Liquidität, um den Betrieb im Rahmen des normalen Geschäftsbetriebs fortzusetzen." Damit wird die Liste der US-Einzelhändler, die während der Corona-Krise Insolvenz angemeldet haben, immer länger: Über 6000 sollen es bereits sein, darunter Neiman Marcus, J.C. Penney, Brooks Brothers und Sur la Table. 

Lidl Plus App ist nach Belgien und Deutschland nunmehr auch im Vereinigten Königreich ein heißes Thema
In seiner Würdigung der Lidl Plus App anlässlich der Einführung im UK streicht InternetRetailing heraus, dass Lidl damit konsequent seine Maßnahmen zur Kundenbindung fortsetze: Das Unternehmen habe bereits über die sozialen Medien eine starke Präsenz aufgebaut. Lidl verfüge in diesem Markt über fünf soziale Kanäle: Facebook, wo es 1,8 Millionen Follower habe, Twitter, YouTube, Instagram und LinkedIn. Mit Lidl Plus vollziehe der Händler jetzt den nächsten Schritt in der digitalen Welt. Soziale Medien und Ecommerce – eine Verbindung, deren Bedeutung immer stärker wird.

///// TRENDS & TECH

Software-Lösung von DHL soll Auftragsabwicklung im Onlinehandel beschleunigen
DHL habe eine Plug and Play Softwarelösung entwickelt, die das E-Fulfillment für Online-Shops verbessern soll, berichtet InternetWorld. Die Software nutze Algorithmen und Data Science um etwa die Routen bei der Kommissionierung der Ware und den Personaleinsatz im Lager zu optimieren. Damit sollen Händler die negativen Folgen des Ecommerce-Booms besser bewältigen können: Denn in dem Maße, in dem sich die Bestellungen erhöht hätten, seien die Sendungen auch kleinteiliger geworden. Hier setze die DHL Supply Chain verstärkt auf intelligente, IT-basierte Vorhersage- und Analysetools, mit denen unter anderem Lagerhaltung und Auftragsabwicklung der Online-Bestellungen vereinfacht und beschleuinigt würden. 

Sainsbury's hat am Londoner Leicester Square seinen zweiten On the Go-Laden eröffnet
In der rund 420 Quadratmeter großen Filiale werden frische Lebensmittel und Fertiggerichte sowie Getränke angeboten. Das Geschäft im neuen Format folgt auf die On the Go-Filiale von Sainsbury's im Mansion House in London. Geplant sind sieben weitere ähnlich gestaltete Geschäfte in Edinburgh, Bristol, Glasgow und London. Sainsbury's hat nach eigenen Angaben über 130 lokale Standorte in belebten Stadtgebieten identifiziert, die in On the Go-Filialen umgewandelt werden könnten. In Deutschland tun sich Unternehmen mit diesem Einkaufsangebot offenbar noch schwer – warum eigentlich?

Favorit der Leser
Fragt man Shopbetreiber nach ihren größten Sorgen, werden mit Sicherheit viele das Thema Retouren nennen. Die Fashion-Branche trifft es zum Beispiel besonders hart. Händler mit Rücksendequoten von mehr als 60 Prozent sind hier keine Seltenheit. Felix Schirl, Geschäftsführer und CEO der auf Onsite-Personalisierung spezialisierten trbo GmbH, gibt in diesem Gastbeitrag sechs Tipps, mit denen sich (nicht nur bei Bekleidung) die Retourenquote senken lässt.