Es hat schon eine gewisse Ironie, dass neue, womöglich verschärfte Regelungen für den stationären Handel offiziell wohl heute bekannt gegeben werden, also am Tag vor dem Black Friday. Der Aktionstag ist auch in Deutschland inzwischen so bekannt, dass sogar Kreuzfahrtanbieter damit werben, und er wird in erheblichem Maß online stattfinden. Kein Wunder, dass zurzeit viele Geschichten über die Verknüpfung von Online und Offline auftauchen. In diesem Morning Briefing sind es fünf.

///// HANDEL NATIONAL
Stationärer Handel: Bund und Länder planen Stufenmodell zur Beschränkung von Ladenbesuchern
Am gestrigen Mittwoch fielen wichtige Entscheidungen für das Weihnachtsgeschäft: Bund und Länder planen, im stationären Groß- und Einzelhandel auf Handelsflächen von mehr als 800 Quadratmetern höchstens eine Person pro 20 Quadratmeter zuzulassen, auf kleineren Flächen eine Person pro zehn Quadratmeter. Offiziell ist das noch nicht, wird es aber vermutlich am heutigen Donnerstag (Spiegel.de). Der Handelsverband Deutschland hat gewarnt, schärfere Vorgaben könnten zu Schlangen, dem Eindruck von Warenknappheit und zu entsprechenden Hamsterkäufen führen. Er möchte bei einer Person pro zehn Quadratmeter bleiben. Offenbar haben Bund und Länder zumindest teilweise auf ihn gehört. Insgesamt nichts, was dem gegenwärtigen E-Commerce-Boom im Wege stünde.

Black Friday online: Rekordjahr? Kein Rekordjahr?
Die Online-Umsätze während des diesjährigen Black Friday und des Weihnachtsgeschäfts könnten Rekorde aufstellen. Das erwarten zumindest der Finanzdienstleister Arvato und seine Tochter Afterpay. Sie sprechen von mindestens 60 Prozent mehr Transaktionen pro Tag und 200 Prozent mehr manuellen Risikochecks in Deutschland. Bereits 2019 habe Arvato mindestens 60 Prozent mehr Transaktionen im E-Commerce als im Vorjahr gezählt, die anhaltende Covid-19-Pandemie werde diesen Trend verstärken, so Ibusiness.de. Vergangene Woche hatte Shopify die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht (513 Befragte, relativ kleine Datenbasis), nach der ‚‚ein Großteil der Deutschen plant, anlässlich des Einkaufswochenendes rund um Black Friday und Cyber Monday (BFCM) einzukaufen. Die meisten dieser Einkäufe sollen – auch coronabedingt – online stattfinden.‘‘ (Onetoone.de) Die Marketingberater von Simon-Kucher und Partners sehen das durchaus anders: ‚‚Die Kaufbereitschaft hat in diesem Jahr erheblich nachgelassen. In Deutschland plant nur noch die Hälfte der Konsumenten, an den beiden Shoppingtagen in 2020 einzukaufen (2019: 66 Prozent), ein Drittel ist unentschieden (2019: 26 Prozent).‘‘ Mit anderen Worten: Abgerechnet wird nächste Woche.

Drei Geschichten von der Vernetzung digitalen und stationären Handels
In seiner Umfrage zum Kaufverhalten der Deutschen während des Light-Lockdowns klammert der ‚‚Spiegel‘‘ den E-Commerce offenbar sträflich aus – erzählt aber zwei Geschichten über die Vernetzung von Analog und Digital: Das Medienhaus Lüneburg betreibt den Shop-Lueneburg.de mit Produkten lokaler stationärer Händler und liefert sie low-cost aus, nämlich in Schuhkartons. Der Frankfurter Laufshop hat durch den Lockdown gelernt, Läuferfüße und Laufstile online zu analysieren, und setzt inzwischen auf die Online-Terminvergabe, um das Beratungsaufkommen im Laden zu steuern. Die dritte Geschichte: Media Markt Saturn gibt fast allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Deutschland ein Dienst-Smartphone in die Hand. Die darauf installierten spezialisierten Apps bringen die Vergleichs- und Recherchemöglichkeiten der Website in die Beratung am Produktregal und können auch Online-Bestellungen auslösen.

Online- und Lebensmittel-Boom ja, aber nicht beim Gehalt der Akteure
Wie stark sich das Online-Geschäft entwickelt, ist im Morning Briefing ständiges Thema. Aber: ‚‚Vom Boom im Online-Handel und Rekordlieferungen im Weihnachtsgeschäft profitieren Paketzusteller nur wenig‘‘, fasst Internetworld.de Zahlen des Statistischen Bundesamts zusammen. Danach stieg der Bruttomonatsverdienst aller Beschäftigten der Branche im Vergleich zu 2010 um 15,6%, in der gesamten Wirtschaft aber um 25,6% (mehr Zahlen im Artikel). Ein ähnliches Bild im Lebensmittelhandel: Spiegel.de schätzt den Umsatzzuwachs 2020 auf etwa 12%, Kassiererinnen, Lageristen und Verkäufer verdienten aber 7% weniger als im Vorjahr. Das Blatt fragt ganz offen: ‚‚Wann streiken die Corona-Helden im Einzelhandel?‘‘

Bundeskartellamt genehmigt Ebay-/Adevinta-Deal
Das Bundeskartellamt hat nach eigenen Angaben die Übernahme der Ebay Classifieds Group durch den norwegischen Online-Marktplatz Adevinta genehmigt, Betreiber des deutschen Online-Kleinanzeigenportals Shpock.de. ‚‚Zwar werden durch das Vorhaben eBay Kleinanzeigen und Shpock unter dem Dach der Adevinta zusammengeführt‘‘, schreibt das Amt. ‚‚Dennoch führt das Vorhaben nicht zu einer erheblichen Behinderung des Wettbewerbs, da Shpock in Deutschland nur geringe Umsätze erzielt und über sehr geringe Marktanteile verfügt.‘‘ (Siehe auch Morning Briefing vom 22. Juli.)


///// HANDEL INTERNATIONAL


Londoner Kaufhaus Liberty lässt das Personal online beraten
Das Londoner Luxus-Kaufhaus Liberty muss bis zum 3. Dezember geschlossen bleiben und kann auch dann nicht mit den üblichen Touristenmassen rechnen, daher steht das Verkaufspersonal für Online-Beratungen im Netz und über Social Media zur Verfügung. Und das werde genutzt: Die Kunden redeten nun mal gerne mit dem Personal und tun das auch online, wird E-Commerce-Chef Eric Ferguson zitiert. Zahlen zum Online-Geschäft nennt er allerdings nicht. Auch eine Geschichte über die Verknüpfung der analogen mit der digitalen Welt.

Abercrombie & Fitch schließt stationäre Läden, auch in Deutschland, und will ‚‚omni-fähig‘‘ werden
Der Modehändler hat angekündigt, Ende Januar 2021 seine Flagship-Ladengeschäfte in London, Paris und München zu schließen. Der Laden in Düsseldorf wurde bereits vor einigen Wochen dichtgemacht. Dahinter steht ‚‚eine Neupositionierung fort von größeren, von Touristen abhängigen Flagship-Standorten und hin zu kleineren, omni-fähigen Geschäften, die lokale Kunden bedienen‘‘, so Fashionunited.com. Der Begriff ‚‚omni-fähig‘‘ (‚‚omni-enabled‘‘) heißt nichts anderes, als dass das Online-Geschäft eine größere Rolle spielen wird. Dazu passt, dass die Modemarke Gap für das dritte Quartal ein Online-Umsatzplus von 61% meldet, bei 20% weniger Verkäufen in Ladengeschäften. Im Saldo steht der E-Commerce jetzt für 40% der Erlöse.

In England sollen Ende 2021 rund 300 fahrende Roboter Online-Bestellungen aus Supermärkten ausliefern
In den Städten Milton Keynes und Northampton (beide nordwestlich von London) haben sich Co-op-Händler zusammengetan und liefern per Roboter aus. Das Vehikel, eine Art verschlossene Kühltasche auf sechs Rädern, wird von den Kunden, laut BBC bisher 5.000 Haushalte, per App geöffnet. Der Einsatz habe dazu geführt, dass viele Kunden erstmals überhaupt Online-Bestellungen aufgeben, heißt es aus einem der Supermärkte. Bis Ende 2021 will Co-op bis zu 300 der Roboter von Starship Technologies einsetzen. Sie sind GPS-gesteuert und besitzen zehn Kameras sowie Ultraschall-Sensoren.


///// TRENDS & TECH

Ist der E-Commerce weniger klimaschädlich als Innenstädte?
Ja, sagt die Otto Group in einer Studie, in der sie für den Kauf eines Paars Schuhe in der Stadt 3,3 kg CO2 ansetzt, für den Online-Kauf 1,0 kg. ‚‚Das Berechnungskonzept ist solide‘‘, urteilt Kassenzone.de und folgert: ‚‚Die Hoffnungen, so denn man welche hatte, für das Wiederbeleben des stationären Handels werden durch solche Daten weiter reduziert, auch wenn sich verhältnismäßig wenige Kunden vom Klimaaspekt beim Einkauf leiten lassen.‘‘ Das könnte sich ändern, wenn der E-Commerce diesen Aspekt herauszustreichen lernt. Beispielsweise haben sich 22 weitere Marken der Initiative Pack 4 Good zur Verpackungsreduzierung angeschlossen – wohl nicht zufällig kurz vorm Black Friday. Die Initiative zählt damit 126 Marken, darunter H & M und Zara.

GMX: Kunden bevorzugen E-Mails für Kontakt mit Online-Shops
E-Mail-Dienstleister GMX meldet Lob für die E-Mail – das ist zu erwarten, aber immerhin im August 2020 unter 1.034 Internetnutzern repräsentativ erfragt: Die meisten Nutzer in Deutschland (71,6%) wollen mit Firmen eher per E-Mail kommunizieren. Danach kommen Telefon und Briefpost (!) (38,8% und 19,2%), Messenger und soziale Netzwerke liegen hier bei unter zehn Prozent (9,4% und 7,7%). Auch beim Online-Shopping möchten 74,4% der Internet-Nutzer über den Status ihrer Bestellung am liebsten per E-Mail auf dem Laufenden gehalten werden. Andere Kanäle – die Homepage des Shops (17,3%), des Versanddienstleisters (16,7%) oder Messenger (15,1%) – liegen deutlich darunter. Ähnliche Ergebnisse gab es Ende 2019 vom Cloudanbieter Twilio. Die Gegenrede kommt von Yougov: 18 Prozent der Deutschen haben schon einmal über ein soziales Netzwerk eingekauft, melden die Marktforscher.

Favorit der Leser
Die Städte verändern sich, in Frankfurt am Main zum Beispiel beginnt gerade die Diskussion über die fahrradfreundliche fahrradfreundliche Umgestaltung der Einkaufsstraße Oeder Weg. Solche Pläne haben nicht nur Auswirkungen auf die Lebensqualität, sondern auch auf das Wirtschaftsleben. Welche neuen Möglichkeiten sich für den Omnichannel-Handel in der Stadt der Zukunft ergeben, beleuchten unsere Gastautoren Thomas Foscht und René Hubert Kerschbaumer in unserer Reihe über die HandelsMonitor Mega-Trends 2030+.