Gute Zahlen in der Krise: Die deutsche Handelsstatistik für das erste Halbjahr 2020 stellt dem Online- und Versandhandel trotz (oder eher wegen?) Corona ein ordentliches Zeugnis aus. Dass die Branche aber alles andere als eine Wohlfühlveranstaltung sein kann, zeigt der Blick nach Nordamerika mit dem Streit um die Post und dem Druck von Amazon auf Plattform-Händler.

///// HANDEL NATIONAL

Online glänzt
Den Trend zum E-Commerce in der Corona-Zeit hatten alle Marktbeobachter vor Augen. Nun liegen die konkreten Zahlen im Vergleich der beiden letzten Halbjahre vor: Von Januar bis Juni 2020 hat der Online- und Versandhandel in Deutschland seine Umsätze um 16 Prozent gegenüber der Zeit von Juli bis Dezember 2019 gesteigert. Das gab das Statistische Bundesamt gestern bekannt. Die größten Verluste machte in derselben Zeit der Einzelhandel mit den Sparten Bekleidung (-29 Prozent), Antiquitäten und Gebrachtwaren (-25,2 Prozent) sowie Schuhe und Lederwaren (-25 Prozent). Der Handel insgesamt geht mit einem kleinen Plus von 1,5 Prozent aus dem Vergleich, wovon der stationäre Einzelhandel kaum profitiert haben dürfte. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland bringt es auf den Punkt: "In den Innenstädten hingegen sah es düster aus".

Boom oder Blase?
Die deutsche Aktienwelt schaut auf Delivery Hero: Das deutsche Unternehmen, das selbst nicht im deutschen Markt aktiv ist, steigt gerade einmal drei Jahre nach seinem Börsenstart zum 24. August 2020 in den Dax auf und ersetzt dort den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard. Zahlreiche Analysten hoffen auf eine gute Entwicklung des Unternehmens, dem es ja an Selbstbewusstsein nicht fehlt. Und in der Corona-Krise sind die Zahlen von Lieferungen und Umsatz tatsächlich enorm gewachsen. "Doch mit dem Umsatz wächst auch der Verlust", weist Börse Online auf das Risiko hin. Auch der Chef von Just Eat Takeaway, Jitse Groen, sieht die Lage nicht nur golden: Er warnt im Manager Magazin vor einer gefährlichen "Blase" der Lieferdienstbranche. Groens selbst muss sich je derzeit eher keine Sorgen machen: Just Eat Takeaway (dazu gehört auch Lieferando) gilt als einziger Lieferdienst, der Gewinn macht. Die Mitbewerber schreiben zumeist tiefrote Zahlen und sind von den Investoren abhängig.

Regional im Supermarkt
Wo die meisten Verbraucher Produkte aus ihrer Region kaufen? Na vermutlich auf dem Wochenmarkt in der eigenen Stadt. Stimmt aber nicht – das zeigt eine repräsentative Umfrage von REWE mit 2.500 Teilnehmern: Tatsächlich kaufen 48,2 Prozent der Kunden regionale Angebote im Supermarkt. Und 70,2 Prozent der Befragten haben betont, dass ihnen solche Angebote in Supermärkten "wichtig oder sehr wichtig" sind. Die Wochenmärkte kommen in Sachen Regionales nur auf 19,5 Prozent, die Discounter auf 10,9 Prozent. REWE verweist hier auf seine Lokal-Partnerschaft, mit der heimische Anbietern und Lieferanten ihre Produkte leichter direkt über die Supermärkte vertreiben können sollen.

Zalando radelt
Zalando bietet den Mitarbeitern künftig Dienstfahrräder von Company Bike an, einem auf Unternehmen spezialisierten Fahrradleasing-Anbieter. „Wir freuen uns, damit unseren Mitarbeitern eine umweltfreundliche Alternative für den Arbeitsweg anbieten zu können“, sagt dazu Astrid Arndt, Senior Vice President People and Organization bei Zalando. Mal sehen, ob Zalando die Päckchen mit Modebestellungen demnächst auch per Rad ausliefert. Jedenfalls passt die News zum guten Ausblick der Fahrradbranche: Die Zeit berichtet mit Berufung auf das Ifo-Institut, dass derzeit „fast alle Fahrradhändler mit ihrer aktuellen Geschäftslage zufrieden sind“.

///// HANDEL INTERNATIONAL

Wahl und Qual
Was der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten mit Amazon zu tun hat? Die Schnittstelle ist die angeschlagene Post des Landes. Über die harten Einschnitte im United States Postal Service (USPS) ist derzeit viel in der Berichterstattung über die Briefwahl-Debatte zu lesen. Auswirkungen haben die Änderungen aber schon heute, nämlich handfeste Verzögerungen in der Logistik, wie CNBC berichtet. Deshalb fordern gequälte E-Commerce-Unternehmen von Amazon bis eBay, die Post als "Rückgrat des Onlinehandels von kleinen Unternehmen bis zu großen Einzelhändlern" solle auch künftig verlässlich und kostengünstig arbeiten. Ob das den amerikanischen Präsidenten Donald Trump zum Umdenken bewegt? 

Amazon macht Druck
Wer prime sagt, muss auch schnell liefern. So ließe sich die Aufforderung von Amazon an die Händler beschreiben, welche die Plattform in den USA nutzen. Forbes berichtet über die Ansage an die Teilnehmer des "Seller Fulfilled Prime program", dass sie künftig ihre Bestellungen auch an Wochenenden verschicken sollen, um die 2-Tages-Frist einzuhalten. Außerdem soll es keine Beschränkung für prime mehr auf die Region rund um den Standort des Händlers geben. Als Grund für den Druck, den der E-Commerce-Gigant aufbaut, nennt Forbes das schlechte Abschneiden der von Dritten verschickten Sendungen: Nur rund 15 Prozent davon kämen bisher binnen zwei Tagen beim Kunden an.

///// TRENDS & TECH

Sparkassen mit Apple Pay
Kontaktloses Bezahlen boomt. Das liegt einerseits an Corona, aber auch daran, dass die Kunden die komfortable Technik schätzen gelernt haben. In den kommenden Wochen wollen die deutschen Sparkassen nun bei der Girocard-Unterstützung für Apple Pay vorangehen. Beim Einkauf im stationären Handel soll das mit jedem Apple-Pay-fähigen Endgerät funktionieren, schreibt t3n – wichtig für die deutschen Kunden, weil Debit- und Kreditkarten ja bei vielen Händlern im Land noch immer einen schweren Stand haben. Im Onlinehandel könnte es dagegen technische Hürden geben. Dies wäre eine Hürde mehr, die sich beim digitalen Payment im von der Girocard dominierten deutschen Markt auftut.

Begeistern statt belehren
Einkaufen in Corona-Zeiten, das heißt Schilder, Warnhinweise, Trennscheiben und andere optische Barrieren mehr. Auch wenn es notwendig ist – Spaß macht Shoppen so nicht. Deshalb empfiehlt Scala, Kunden über ihre Smartphones beim Einkauf zu lenken. So könne Einkaufen auch unter den aktuellen Einschränkungen ein angenehmes Erlebnis bleiben, indem die Verbraucher nach ihren Interessen und Vorlieben sowie nach der aktuellen Lage durch den Laden gelenkt werden. Das niederländische Unternehmen sieht sich selbst als Weltmarktführer für digitale Leitsysteme (digital signage) und digitales Kundenbeziehungsmanagement.

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