Warenbestände, die sich stündlich ändern, regelmäßig neue Produkteinführungen und ein Geschäft, das sich auf verschiedene Marktplätze und den eigenen Webshop verteilt – da können Onlinehändler schnell den Überblick über die eigene Finanzlage verlieren. Das Münchener Start-up Tidely setzt hier an - mit einer Softwarelösung, die Händlern helfen soll, alle Parameter ihrer Finanzen automatisiert zu überwachen und zu steuern.

E-Commerce-Unternehmer können schnell den Überblick verlieren: Ihr Warenbestand ändert sich stündlich, regelmäßig führen sie neue Produkte ein, sie sind auf verschiedenen Marktplätzen und dem eigenen Webshop präsent – und wenn es für den Kunden ans Zahlen geht, kann er unter zehn Möglichkeiten wählen; was wiederum für die Firma bedeutet, dass sie mit bis zu zehn verschiedenen Dienstleistern Geschäftsbeziehungen unterhält.

Eine komplexe Gemengelage besteht deshalb auch bei den Finanzen, beim Zahlungsein- und -ausgang. Oft kommt die Ware aus China und muss – zumindest zu einem gewissen Teil – vorfinanziert werden, der Rest fällig bei Lieferung. Auf der anderen Seite zahlen Kreditkartenfirmen meist im monatlichen Rhythmus, also mit Verzögerung, anders als etwa Paypal. Beim amazon-eigenen Bezahldienst wiederum wird ein Teil des Erlöses für eine bestimmte Zeit als Sicherheit zurückbehalten, bevor es zur Auszahlung an den Händler kommt.
Die Tidely-Gründer Dr. Jörg Haller, Martin Eyl, Archibald Sheran und Niclas Storz (von links)
© Tidely
Die Tidely-Gründer Dr. Jörg Haller, Martin Eyl, Archibald Sheran und Niclas Storz (von links)

Viele Geschäftspartner mit unterschiedlichen Zahlungsfristen

All dies zusammengenommen – gepaart mit unterschiedlichen Zahlungsfristen und Fremdwährungen beim Geschäftsverkehr mit internationalen Lieferanten – erschweren häufig die Übersicht über die Finanzen.

Das Münchener Start-up Tidely setzt hier an. Es hat eine Software entwickelt, die Unternehmen eine bessere Übersicht über ihre Finanzen ermöglichen und ihnen helfen soll, ihre Liquidität besser zu überwachen und zu steuern. Was vorher mit großem manuellen Aufwand und Excel bewerkstelligt wurde, soll damit auf Knopfdruck und automatisch erfolgen.

Künstliche Intelligenz ermöglicht außerdem Vorhersagen für die Zukunft: Muster werden erkannt, saisonale Schwankungen, Dutzende von Einflussfaktoren – und diese auf die Finanzlage der Zukunft projiziert. Ein Algorithmus spielt dann die erwartbaren Zahlungen durch.
Im Etailment-Kurzinterview stellt Tidely-Mitgründer Niclas Storz das Start-up vor. 

Mal ehrlich und ohne Buzzwords: Wie würden Sie Ihren Eltern das Start-up erklären?
Wir bieten Unternehmen eine Software zur einfachen Steuerung der Liquidität. Gerade kleine und mittlere Unternehmen vertrauen hier nach wie vor zu oft auf Tabellen und händische Abbildungen. Damit befinden sie sich immer hinter dem eigentlichen Status quo. Gerade für den E-Commerce ist dieses Thema besonders relevant. Das Geschäft ist schnelllebig. Beispielsweise kann die Aktivität auf verschiedenen Marktplätzen zu einem unübersichtlichen Cashflow führen. Dabei ist Liquidität für Onlinehändler das A und O mit Blick auf Entscheidungen wann, wie viel Ware bestellt und das Geschäft skaliert werden kann. Wir helfen Entscheidern bei dieser Aufgabe unter anderem durch unseren intelligenten Auto-Forecast und unsere Szenario-Analysen.

Wie beschreiben Sie Ihr Geschäftsmodell einem möglichen Partner in einem Tweet (280 Zeichen)?
Mit Tidely können Unternehmen ihre Liquidität in Echtzeit im Auge behalten, planen und steuern. Manuelle Datenpflege ist von gestern. Durch KI-gestützte Software können darüber hinaus Prognosen getätigt und Engpässe sichtbar gemacht werden, bevor sie entstehen.
Dashboard aus dem Tidely-Planungstool: Zahlungsdaten werden automatisch kategorisiert und Ist-Daten mit Planwerten zusammengeführt.
© Tidely
Dashboard aus dem Tidely-Planungstool: Zahlungsdaten werden automatisch kategorisiert und Ist-Daten mit Planwerten zusammengeführt.
Welche Unternehmen/Kunden konnten Sie bereits überzeugen?

Seit der Gründung im Jahr 2021 haben wir bereits eine vierstellige Kundenanzahl zu verzeichnen und wachsen stark weiter. Unter anderem den "Kölle Zoo" sowie einige spezialisierte Unternehmen aus dem E-Commerce zählen wir stolz zu unseren Kunden. Nächste Schritte sind weitere Partnerschaften zum Ausbau der Plattform sowie die europaweite Expansion.

Mit wem würden Sie gerne ins Geschäft kommen?
Für uns ist der "digitale Mittelstand" eine äußerst spannende Zielgruppe. Mit mehreren Musikliebhabern im Team wären beispielsweise Teufel oder das Musikhaus Thomann als große E-Commercler superinteressant.

Was war die wichtigste Erkenntnis seit dem Start?
Das gesamte Gründerteam hatte vor der Entscheidung Tidely ins Leben zu rufen, lange Zeit in verschiedenen Positionen in "klassischen Unternehmen" gearbeitet. Ich denke, dass der Wechsel und Gestaltungsfreiraum, den die Gründung mit sich gebracht hat, wahnsinnig spannend und lehrreich ist. Plötzlich gibt es keine festen Strukturen mehr, sondern die Dinge müssen selbst priorisiert und abgearbeitet werden. Das ist Fluch und Segen zugleich.

Auf welche Erfolgszahl sind Sie besonders stolz?
Im Jahr 2022 konnten wir ein Nutzerwachstum von monatlich 20% verzeichnen. Das ist etwas, was uns sehr stolz macht, da es zeigt, dass unsere Vision am Markt ankommt und eine Zukunft hat.

Welche Schlagzeile würden Sie gerne in fünf Jahren über Ihr Start-up in einer Wirtschaftszeitung lesen?
"Cutting-Edge-Innovation durch KI: Tidely ist das beste Cashflow-Management-Tool für europäische Unternehmen"

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